Wander-Blog von Manuel Andrack

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Weinwandern in Rheinhessen

Ich wandere auf einem Premiumweg, gekennzeichnet mit einem geschwungenen, kleinen „H“, also einem KLEINEN „h“. Merkwürdig, ich wandere am Rhein, aber nicht auf dem Rheinsteig und auch nicht auf dem Hreinsteig. Ich wandere durch Weinberge, aber nicht durch Heinberge. Warum also „h“???

 

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Das kleine „h“ steht für die Hiwweltouren in Rheinhessen, vier kleine, feine Premiumwege südlich des Rheins im Dreieck von Bingen, Mainz und Alzey. Wobei die Region Rheinhessen nichts mit Hessen zu tun hat, dieses Bundesland beginnt erst nördlich des Rheins im Rheingau. Geografisch ungefähr alles eingenordet? Dann trinken wir jetzt erst mal den rheinhessischen Wein…

Es ist ja eine schon fast philosophische Frage, sozusagen eine philosophische Frage des Weinwanderns, ob man zuerst den Wein trinken sollte oder danach. Also: erst einmal das Produkt der Weinberge trinken und dann durch die Weinberge wandern, und zu denken, ah, mmmh, das habe ich also eben verkostet. Oder umgekehrt erst weinzuwandern und hernach sich die Wanderung noch mal über den Gaumen zu Gemüte zu führen. Ich habe auf der Hiwweltour Bismarckturm Variante Eins gewählt.

 

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Die Weine des Weinguts Gres im Weindorf Appenheim definieren sich ganz stark über den Terroir, das heißt über die Böden, in denen die Rebstöcke stecken, unfachmännisch gesprochen. Es gibt den Chardonnay vom Korallenriff, den Graubrugunder vom Loess und den Riesling von der Kreide. Weingut-Chefin Isabell Gres gibt mir einen Silvaner aus dem Muschelkalk ins Glas. Und damit das Ganze noch anschaulicher wird, legt sie ein Stück von dem Muschelkalk neben das Glas. das finde ich großartig, da wird das Weinerlebnis noch sinnlicher, (fast) alle Sinne sind beteiligt: Auge, Zunge, Geruch und eben auch die Haptik, denn man kann sich nicht nur ans Weinglas, sondern auch an den Muschelkalkstein klammern.

Mutter Gres ist in der Küche der Weinstube zugange („Herrje, der Gulasch ist uns angebrannt, riecht man das noch?“ – ehrlich gesagt nein, es duftet nur verdammt lecker) und zeigt mir aus dem Küchenfenster die Hundertgulden-Lage. Frau Gres sagt: „Da oben geht die Hiwweltour entlang, da wandern Sie gleich, und darunter ist die Hundert-Gulden-Lage.“ Hundert Gulden, ein stolzer Preis, schon Hildegard von Bingen hatte übrigens bei dieser Lage ihre Finger im Spiel, und der Papst Eugen III. auch.

 

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Ich wandere vom Appenheimer Ortsrand los und habe die legendäre Hundertgulden-Lage schnell erreicht. Und warum die Hiwweltouren Hiwweltouren heißen, erschließt sich auch sofort. Hiwwel, das sind im rheinhessischen Dialekt die Hügel. Und die sanft geschwungene hügelige Landschaft mit den vielen Weinfeldern und Weinbergen (keine Steillagen) ist eben typisch für die Region. Schon ungefähr einen Kilometer hinter Appenheim erreiche ich den Tisch des Weins…

 

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Eigentlich müsste dieser Tisch „Tisch der Weine“ heißen, denn er ist so lang, das minimum zwanzig Leute dran passen und die wollen doch nicht nur eine Flasche Wein trinken, oder? Gut, dass ich erstens alleine bin und den ganzen Tisch für mich alleine habe, und zweitens einen Riesling aus der Lage Hundertgulden dabei habe. Wie in der Pfalz (Eintrag vom 16. April) scheint es in vielen Weinbaugebieten Deutschlands Pflicht zu sein, ein Tischlein-Deck-Dich-Wunder für alle Weinwanderer parat zu haben. Wobei mir ein Weinschränkchen der Appenheimer Winzer direkt am Weg noch besser gefallen hätte.

Ich gehe weiter auf meiner Hiwweltour, bis ich oberhalb von Gau-Algesheim die Gaststätte Waldeck erreiche. Weil Spargelsaison ist, bestelle ich ein Spargelgericht mit regionalem Spargel und trinke dazu einen halbtrockenen Riesling vom Ingelheimer Winzer Prieß.

 

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Bevor ich anfange zu essen, habe ich eine Vision. Es gibt Menschen, die erkennen in einem Reibekuchen die Umrisse des Saarlands. Es gibt Menschen, die haben religiöse Visionen. Und ich sehe in meinem Spargelgericht eine Miniaturvision der rheinhessischen Landschaft. So wie sich der rohe Schinken über meinen Teller schlängelt, so prägt der Rhein die Landschaft und ist mit seinen jahrmillionen-alten Ablagerungen die Quelle für hervorragende Weinlagen. Der Spargel symbolisiert die leicht hügelig-hiwweligen Bodenwellungen, die Sauce Hollandaise sind die Weinberge mit ihren Reben. Nicht auf jedem Hügel vorhanden, aber auf fast jedem. Und die dicke Kartoffel steht für die wuchtigen Berge des Taunus, die man auf der anderen Rheinseite sehen kann. Man spricht im Zusammenhang von Rheinhessen oft von Verspargelung, weil Hunderte von Windrädern die Gegend verschönern. Übrigens sehe ich im Bereich der Hiwweltour Bismarckturm kein einziges Windrad.

 

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Direkt neben meiner Einkehr steht der Bismarckturm, nach dem diese Hiwweltour benannt ist. Dieser Bismarck muss schon ein doller Wandervogel gewesen sein, in ganz Deutschland stehen seine Türme rum.

Den besten Ausblick der Hiwweltour gibt es aber von einem Ort, der ziemlich gaga ist…

 

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GAGA Aussicht (GAGA steht für die „Gebrüder Avenarius Gau-Algesheim, Herr Avenarius war der Begründer einer Firma für Metallputzmittel) heißt der Traumblick Richtung Nordwesten. Für mich ist es ein Vier-Weinanbaugebiete-Blick. Wir stehen in Rheinhessen, Weinanbaugebiet Nummer Eins, zur linken Hand blicken wir in das Land der Nahe, Weinanbaugebiet Nummer Zwei, gegenüber schauen wir auf den Rheingau, Weinanbaugebiet Nummer Drei, und hinter dem Binger Loch kann man Weinanbaugebiet Nummer Vier, den Mittelrhein, erahnen. Ein knappes Drittel aller deutschen Weinanbaugebiete auf einen Blick, das ist Weltrekord!

Das Motto der Hiwweltouren ist übrigens „Quer Feld Wein“. Dem kann ich nur zustimmen. Man sollte aber ergänzen:

Beim Weinwandern in Rheinhessen

Die Weinprobe nicht vergessen.


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10 Kommentare zu “Weinwandern in Rheinhessen

  1. Puh.. 32mal das Wort „Wein“ in nur einem Wandertext. Dazu eine verschwommene Wegmarkierung. Mirsschongansschwummerich.. Immerhin die Bismarck-Denkmäler stehen überall und jederzeit wie eine Eins da. So auch kürzlich kurz hinter Tecklenburg, wo auch das „H“ immer stabil am Baum stand.

  2. Die Interpretation des Spargelgerichts hat etwas Zwingendes, Feinsinniges. Sehr zweifelhaft, ob das mit „zwaa Broodwäschd mid Graud“, so möglich wäre. Zwei Silos und ein Misthaufen auf der Frankenhöhe?
    „Hiwweltouren“, so ein Quatsch, Fake News! Das „h“ steht eindeutig für „hobb etz Andrack, auf zum nächsten Schöppsche“.

  3. „Zwaa Umgfallne und nu a Seidla? Achdfuchdsich, dangge“. Sorry Rheinhessen, Lokalpatrioten in der rheinischen und hanseatischen Diaspora träumen vor sich hin… 🙂

  4. Habe ich vielleicht einen kleinen Tipp gegeben? Ich bin stolz…
    Zu schade, dass Sie offenbar – im Gegensatz zum Rudelsingen- nicht so zum Rudelwandern neigen! Wäre gerne mitgelaufen und hätte Ihnen heiße Tipps aufgedrängt…zu spät.
    Als es mich vor vielen Jahren aus dem Saarland in die Pfalz verschlangen hat,war die Verwirrung groß: Hessen rechts,Rheinhessen links (wieso?), Mainz am Rhein, Mainz Kastel in Hessen, der Rheingau überstrahlt alles!
    Lange hat es gedauert, jetzt bin ich Profi.
    Herzliche Grüße von der ebsch Seit!

  5. Das erinnert ein wenig an die Westgoten-Ostgoten-Konfusion bei Asterix… „Immer diese ärgerlichen Grenzformalitäten“… Wer ist dort wohl Holperik? Manuelerik?

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