Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Die Poetik

Jede gelungene Wanderung ist ein Gedicht. Manche möchten singen, um ihr Hochgefühl hinaus zu posaunen, andere schreiben lieber Reime. So wie der ungekrönte König aller Wandergedichte, der unübertreffliche Joseph von Eichendorff. Ich empfehle, von Zeit zu Zeit das gelbe Reclam-Heft mit seinen Gedichten zur Hand zu nehmen. Bei dem meisten Versen kann man im Kopf mitwandern:

Der absolute Gassenhauer ist natürlich das Poem Der frohe Wandersmann, durch die Vertonung auch zum Mitsummen geeignet

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt;

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld

 

Aber schon in der zweiten Strophe kriegen diejenigen eins drüber, die zuhause bleiben:

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot

 

Pech gehabt, wer sich ums tägliche Brot kümmern muss, der kann halt eben nicht gottesgünstig wandernd gehen. So spricht die (wandernde) Elite. In Eichendorffs Gedicht Allgemeines Wandern heißt es:

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Er möchte sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft

Dagegen singt Der wandernde Musikant bei Eichendorff:

Wandern lieb ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

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Aber nicht nur bei den großen Meistern kann man wunderbare Wanderpoesie entdecken. Im weitesten Sinne muss sich ein Gedicht nicht zwingend reimen. Daher empfinde ich die Kreuzworträtselumschreibungen (Um die Ecke gedacht) des ZEIT-Magazins als ganz hohe Schule des poetischen Schreibens über alltägliche Begriffe des Wanderers.

Malheurmeldung vielleicht vom Wandertag, vielleicht aus dem Aquarellmalkurs? – VERLAUFEN

Atemberaubende Wanderwegqualität? – STEIL

Kommt laufend zu neuen Weltansichten? – WANDERER

Das finde ich absolut großartig, wunderschön!

 

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In Florian Illies‘ zweitem 1913-Buch fand ich einen Brief von Rainer Maria Rilke, der mehr Gedicht als Alltagsprosa ist. Er preist die vergangenen romantischen Wanderstunden mit seiner angebeteten Hedwig:

Hedwig, wie fehlst Du mir. Sind wirklich alle Wege noch da, dort hinten im Regen? Hast Du sie mit Dir hinweggenommen? Aber wenn ich hinsehe, wo wir gingen: gingen wir denn? Wars nicht Fliegen, Stürmen, Strömen?

 

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Hach, ist das schön – nur ein ganz ganz klein wenig schwülstig/kitschig. Jetzt bin ich erschöpft von so viel Wander-Pösie. Ich leg mich hin, im Hinterkopf Goethes Wanderers Nachtlied

Über alle Gipfeln ist Ruh

In allen Gipfel spürst du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde ruhest Du auch

 

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3 Kommentare zu “Die Poetik

  1. Stammen die drei Fragen alle aus nur einem einzigen ZEIT-Rätsel? Das wäre außergewöhnlich. Jedenfalls sehr schön.
    Der halbkitschige Rilke-Brief [hübscher Zufall: justament genau dieses Illies-Buch hat die Frau gestern abend im Zug ausgelesen] erinnert mich an eine vergleichbar poesievolle, aber vollkommen hoffnungslose Strophe aus Wilhelm Müllers Winterreise, worin der durch eisige Winternacht wandernde Erzähler bemerkt:
    Ich such’ im Schnee vergebens
    Nach ihrer Tritte Spur,
    Hier, wo wir oft gewandelt [im Frühjahr/Sommer, Anm. d. V.]
    Selbander durch die Flur.
    Was lernen wir daraus? Liebeskummerwanderungen zählen wohl zu den Arten von Wanderungen, die nur bedingt zu empfehlen sind.

  2. Komisch, als Verfechter, geradezu Ideologe von „Wandern als geistiger Vorgang“ dachte ich, dass mir die Ideen zur „Poetik“ nur so zufliegen würden, aber da ist nichts. Kein Gedanke, nirgends. Totale Flaute. Gelegentlich blitzt im nach-fränkisch-weihnachtlichen, bräsig-zufriedenen Verdauungs-Prozess (Fleisch, Klöße, Bier) ein Lied auf, das war‘s dann aber auch schon…
    https://youtu.be/IkoidwsLXCg

  3. Zwischendurch mal ein kurzer Bericht über eine spezielle Bergwanderung in Hamburg: die Besteigung des Turms von St. Petri. Der zweithöchste besteigbare Kirchturm Deutschlands (nach Ulm)! Höchster zu Fuß erreichbarer Aussichtspunkt der Hansestadt! Höher als der höchste Berg Hamburgs (der Hasselbrack)! 544 steile Stufen führen bis auf 123m Höhe. Dort kann man sich dann knapp unter der Spitze auf einen von vier Klappstühlen setzen (mehr passen nicht auf den 2,5m-Durchmesser-Kreis, der ja noch eine enge Wendeltreppe enthält) und durch Bullaugen tolle Ausblicke genießen. Und sich überlegen, ob die Spitze nur normal oder bereits bedenklich wackelt.. Fazit: für Leute, die gerne auf Kirchtürme steigen, is des a must! Schwindelfreiheit und stramme Wadeln sind sehr zu empfehlen. Schon die ersten 111 Stufen durchs ein enges Wendeltreppenhaus zu Beginn haben es in sich..

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