Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




DU! MUSST!! WANDERN!!!

Geschrieben am um 9:11

Beim Titel meines ersten Wanderbuchs „Du musst wandern“ hatte ich bewusst auf Ausrufezeichen verzichtet – ich wollte ja nicht befehlen, sondern heiter ermuntern, sich zu bewegen. Das ist heute anders, DU MUSST WANDERN ist zur Handlungsanweisung geworden. In Pandemie-Zeiten geht es ein wenig unter: Erste Bürgerpflicht ist WANDERN. Schulen, Kitas, Theater, Clubs, Grenzen zu schließen, alles sinnvolle Maßnahmen. Aber natürlich ist – neben dem gründlichen Händewaschen (Dreissig Sekunden!) die Bewegung an der frischen Luft zur Zeit der einzige wirksame Schutz vor dem fiesen Krönchen-Virus. Vorzeige-Virologe Kekulé hat es gestern Abend bei Anne Will (warum gilt nicht auch für politische Talk-Shows ein Versammlungsverbot?) auf den Punkt gebracht: „‚Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation‘, sagt er. Spaziergänge im Park mit der Familie hält er sogar für vernünftig.“ So war das heute morgen bei Spiegel Online zu lesen.

 

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Was Kekulé vergass zu erwähnen: Auch lange Spaziergänge, Wanderungen genannt, Tagestouren oder Halbtagestouren, ob mit ohne Familie, sind wichtig und können Leben retten. Warum? Erstens: Wandern stärkt das Immunsystem. Wer wandert erhöht die Chance, sich nicht anzustecken. Zweitens: An der frischen Luft haben es die Viren im Gegensatz zu geschlossenen Räumen sehr schwer, sich zu verbreiten. Drittens: Selbst wenn es einen erwischt hat, man aber zuvor viel gewandert ist, ist ein milder Krankheitsverlauf äußerst wahrscheinlich. Deutschland steht weitestgehend still. Nutzt die gewonnene Zeit. Geht WANDERN! Am besten täglich. Viel Spaß dabei und bleibt gesund!

 

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Andrack weinwandert in Heppenheim

Geschrieben am um 6:24

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Weinwandern im kleinsten Anbaugebiet Deutschlands, an der Hessischen Bergstraße. In Heppenheim liegt – think big – das Viniversum, die Vinothek der Genossenschaft Bergsträsser Winzer. Natürlich habe ich mir für meine kurze Wanderung eine Flasche Wein mitgenommen, einen Goldmuskateller 2018, den ich (einen schönen Gruß an alle Ohne-Rucksack-Fans) in meiner Kameratasche verstaut habe.

 

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Um den Hals baumelt ein Probierglas, das ich im Viniversum erstand. Sieht albern aus, aber ein Versuch ist es wert. Das Glas darf nur und ausschließlich auf dem Erlebnispfad Wein & Stein verwendet werden, nach der Wanderung kommt es in die Vitrine zu den anderen 1.687 Probiergläsern.

 

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Erlebnispfad ist nicht gleich Erlebnispfad. Manchmal kann man Spannendes erleben, manchmal kann man erleben, wie sich Langeweile anfühlt.

 

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Nicht langweilig, eher sehr sehr seltsam war die Aromabar. Ein grandioses Training für die Geruchs-Sensorik, denn schon immer wollte ich riechen lernen, wie ein Wein nach Aprikose, Zimt und Gewürznelke duften kann. Für mich riecht Wein meistens nach – Wein. Und die Geruchsproben der Heppenheimer Aromabar riechen nach, nein, nicht Teen Spirit, sondern Klostein. Da nimmt man doch gerne eine volle Nase.

 

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Sehr schön die Skulptur am Wegrand „aus die Laus“. Kein peinliches Herumgerede um Insektenschutz und Umweltverträglichkeit. Nein, Schädlinge schaden dem Wein, dem Winzer, dem Weintrinker, und müssen bekämpft werden, egal ob mit konventionellen, ökologischen oder vorsintflutlichen Mitteln wie einem Speer

 

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Genial auch, dass auf dem Erlebnispfad auch Ferienhäuser zur Verfügung stehen. Platz ist in der kleinsten Hütte, aber in so einem Häuschen kommt sich auch schnell menschlich sehr nahe

 

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Absolut sensationelle Entdeckung: Der Blaue Kölner. Das Mini-Anbaugebiet Hessische Weinstraße ist berühmt dafür, auch seltene Traubensorten zu pflegen und anzupflanzen. Warum also nicht den Blauen Kölner? Ich habe mich übrigens nicht angesprochen gefühlt.



Achtung Sharf

Geschrieben am um 6:27

Save the date – notiert Euch im relativ neuen Jahr schon mal einen Termin. Am 19. + 20. Juni wandere ich im Pirmasenser Land und spiele Andracks Kleine Wandershow. Pirmasens, wo war das denn noch mal? Das ist Westpfalz, südwestliche Ecke von Deutschland. Und dort gibt es einen Haufen neuer Premiumwege zu entdecken, unter anderem den Helmut-Kohl-Weg

 

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Ob der Altkanzler dort wirklich gewandert ist, weiß ich nicht. Klar ist auf jeden Fall, dass die Wanderungen von Kohl weltgeschichtliche Auswirkungen hatten. Wie sähe die Welt heute aus, wenn Birne nicht dem Gorbatschow auf den Waldspaziergängen die DDR abgequatscht hätte? Vielleicht würde dann Gospodin Putin in Erfurt, Magdeburg und Rostock regieren.

Aber jetzt mal im Ernst, der Premiumweg, von dem ich heute erzählen will, hat natürlich einen anderen Namen.

 

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Das Pirmasenser Land liegt eben so weit im Südwesten, dass die Grenze zum ehemaligen Erbfeind sehr nahe ist. Normalerweise denkt man bei Grenzwegen eher an langweilige, schnurgerade Forstpfade. Nicht so bei diesem Spitzenweg. Mitten im Wald schlängelt sich ein schmaler Pfad bergan, bergab, von Felsen begleitet an der Grenze entlang. Historische Grenzsteine belegen, dass die Frontière schon seit Jahrhunderten in der heutigen Form Bestand hat. Einen sehr gut erhaltenen Stein von 1609 habe ich gefunden, der die Grenze zum damaligen Lothringen markiert.

 

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Auf jüngeren Grenzsteinen irritiert auf den ersten Blick, dass zwar auf der einen Seite ein „F“ für France hinein gemeißelt wurde, auf der anderen aber ein „B“. „B“ wie Birmasens oder die Bfalz? Nein, bis 1920 war die Pfalz bayerisches Territorium, sakrakruzifixochamol. Erst musste Bayern die Pfalt abgeben, als nächstes macht sich auch noch Franken selbstständig.

 

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Wenn man auf dem Grenzweg wandelt, sollte man sich nicht über die Geräusche wundern. Keine Sorge, auch das französische Militär weiß, dass die Erbfeindschaft überwunden ist, aber man dachte sich, dass ein so wunderbar abgelegener Wald sehr geeignet für ein Truppenübungsgelände sei. Daher: immer schön auf dem Premiumweg bleiben, sonst Lebensgefhar!

 

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Jetzt aber mal ehrlich, cher amis, muss denn so was sein? Das beschädigt doch die deutsch-französische Freundschaft, wenn ihr noch nicht einmal die simpelsten deutschen Worte richtig schreiben könnt. Wir schreiben ja auch nicht Frongs auf unsere Schilder, wenn wir auf Euer schönes Land mit Baguette und Jeanette hinweisen wollen.

 

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Und der Hinweis „Achtung Sharf“ gehört nur auf die Speisekarte indischer oder chinesischer Spezialitätenrestaurants.



Närrische Rebstöcke in Franken

Geschrieben am um 6:23

Bei meinen bisherigen Weinwanderungen war es üblich, dass ich zu den Weinflaschen gewandert bin. Auf dem Bocksbeutel-Wanderweg ist es üblich, dass die Flaschen selber wandern.

 

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Das ist auch sinnvoll, denn der Bocksbeutel hat in Franken seine Heimat und kennt sich aus. Die Markierung auf der Tour ist doch eher überschaubar und selten so romantisch umrankt wie auf dem Foto.

 

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Es empfiehlt sich daher unbedingt – natürlich nur wenn man kein Bocksbeutel ist – eine Wanderkarte der Region zu erwerben. ATK 25, hört sich an wie ein Schnellfeuergewehr von Heckler und Koch. Trotz Karte habe ich mich allerdings zweimal desaströs verlaufen.

 

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Die Tour startet im Weinort Thüngersheim am Main in der Nähe von Würzburg. Neben der Vinothek der Wintergenossenschaft geht der Weg an einer bemerkenswerten Grundschule vorbei. Der Namensgeber Georg-Anton Urlaub ist entweder mit Farin Urlaub, dem Sänger von „Die Ärzte“ verwandt. Oder ich missverstehe da etwas und es handelt sich um Herrn Anton, Vorname Georg, der die geniale Idee hatte, eine Grundschule zu gründen, die ständig im Urlaub ist.

 

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Im Anbaugebiet Franken arbeiten die klügsten Winzer. Das kann man alleine daran erkennen, dass die fränkischen Weingärtner die Erntemethode revolutioniert haben. Am Main fließt der Rebsaft direkt von der Traube in die Flasche, nur noch Korken drauf, fertig! Einfach, aber genial.

 

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Was einem Rheinländer wie mir in den letzten Jahrzehnten komplett entgangen ist: Der Franke ist total närrisch. So närrisch, dass sogar die Rebstöcke Narrenkappe tragen.

 

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Ich bin nach Veitshöchheim gewandert, das ist so etwas wie Mainz, Köln und Düsseldorf zusammen für die fränkische Fastnacht. In Veitshöchheim wird jedes Jahr eine (sehr lustige) Sitzung live vom BR ausgestrahlt, das ist die erfolgreichste Sendung des Bayerischen Rundfunks im gesamten Jahr.

 

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Daher treiben sich in Veitshöchheim jedes Jahr äußerst dubiose Menschen herum. Franken – Helau, Oberpfalz – Helau, Veitshöchheim – Helau!

 

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Wanderwitz

Geschrieben am um 6:23

In den thüringischen Februar-Wirren wurde ein Politiker an die Öffentlichkeit gespült, den bislang kaum jemand auf der Rechnung hatte: Der neue Ostbeauftragte (wieso gibt es eigentlich keinen West-Beauftragten? – es gibt ja auch Süd-Beauftragte, man nennt das CSU) der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung also ist Marco Wanderwitz. Nachname Wanderwitz, kein Scherz. Seitdem er also nun zweiter Ost-Beauftragter nach Angela Merkel ist, schickt mir Marco, ein wirklich feiner Kerl, jeden Tag einen Wanderwitz. Hier die besten der letzten Tage:

Ein schwäbisches Ehepaar wandert durch die Alpen und fällt in eine Gletscherspalte. Am nächsten Tag hören sie eine Stimme von oben rufen: „Hallo, hier ist das Rote Kreuz!“ Darauf ruft der Schwabe zurück: „Mir gäbet nix!

 

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Gar nicht mal sooo schlecht. Hier der nächste Wanderwitz:

„Spielst Du eine Wandergitarre?“ – „Nee, wieso?“ – „Das ist Musik zum Weglaufen!“

Na ja, eher die Abteilung Wortspielhölle.

 

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Was passiert, wenn eine Blondine von Deutschland nach Österreich wandert? In beiden Ländern steigt der durchschnittliche IQ.

Für einen Blondinenwitz gar nicht so schlecht. Einen Wanderwitz hau ich noch raus …

Zwei Wanderer stehen plötzlich einem riesigen Bären gegenüber. Ruckizucki reißt sich der eine die Stiefel von den Füssen, holt seine Turnschuhe aus dem Rucksack und zieht sie an. „Was soll das denn?“ fragt sein Begleiter, „mit Turnschuhen bist Du auch nicht schneller als der Bär.“ – „Ja und, Hauptsache ich bin schneller als du.“

Der kurze Wanderwitz zum Schluss:

Wie hieß der berühmteste chinesische Wanderer? Ging Hang Lang

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Als Zugabe noch mein Lieblings-Wanderwitz, den ich schon auf vielen Veranstaltungen zum Besten gegeben habe. Diesmal in Reimform, Büttentauglich gemacht für mein Buchprojekt „Mein Jahr als Narr“

Drei Männer, drei Freunde, die haben nen Plan

„Wir wandern auf dem Rheinsteig, geradeaus und bergan!“

Die erste Etappe ist beschwerlich, alle drei sind froh

als sie ihre Unterkunft beziehen, ein Hotel mit Niveau

Sie trinken viele Biere, sie stoßen immer wieder an

Sie sind schon reichlich hinüber, da haben sie einen Plan

Wir grüßen jetzt mal unsere Frauen, am besten per SMS

Alle schreiben das Gleiche – das ist ganz schön kess.

„Wär ich ein Vöglein, flög ich zu Dir

Weil ich ein Wanderer bin, vögel ich hier“

Der nächste Tag beim Frühstück, es summt das erste Telefon

Die Ehefrau Nummer Eins schickt ihre Nachricht schon.

„Schon zu Hause warst Du immer ein Schwein,

auch als Wanderer lässt Du die Schweinereien nicht sein“

Zur Mittagsrast vibriert das zweite Handy

Die nächste Ehefrau schreibt zurück – es ist die Mandy:

„Von Deiner SMS glaub ich kein Wort,

Du konntest schon hier nicht – geschweige denn dort“

Spät am Abend, die zweite Etappe ist bereits gerannt

erhält der dritte Wanderer eine SMS, die ist brisant:

„Weil Du kein Vöglein bist, bist Du ein Wanderer,

sei ganz unbesorgt, mich vögelt ein anderer.“



Winterwanderfundstücke

Geschrieben am um 6:23

Gegen die Überschrift ‚Winterwanderfundstücke‘ könnte man einwenden, dass man schlecht Winterwanderfundstücke präsentieren kann, wenn es gar keinen Winter gab. Schnickschnack. Erstens kann der Winter ja noch kommen, im April oder Mai, habt doch mal Geduld. Und zweitens heißt die Jahreszeit vor und nach der Jahreswende eben auch Winter, wenn es sehr heiß ist.

 

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Am tollen und extrem abwechslungsreichen Premiumspazierwanderweg „Fasanenjagd“ in Zweibrücken habe ich eine sehr exotische Pflanze gefunden. Die Kletterrose Dortmund verströmt einen betörenden Duft nach Hochofen und Stadionwurst und blüht in den herrlichsten gelb-schwarzen Farben. Leider habe ich die Rosenarten Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel nicht gesichtet.

 

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Bei der gleichen Wanderung habe ich die erste Outdoor-Galerie der Pfalz gesehen. Die Hängung ist etwas lieblos, aber die Idee absolut ausbaufähig. Nicht Kunst am Bau, sondern Kunst in der Natur.

 

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Auf der Sauerland-Waldroute in der Nähe von Marsberg (diese Tour beschreibe ich ausführlich im nächsten Wunderbar-Wanderbar-Heft von NRW Busse und Bahnen) habe ich die größte Wetterhütte der Region gesehen. Wer als Wanderführer mit 150 oder 200 Wanderern unterwegs ist, findet dort problemlos wettergeschützt Unterschlupf.

 

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Die Zeit vor den Jahren, zwischen den Jahren und nach den Jahren bietet nicht nur Zeit für Heimeligkeit, Besinnlichkeit und Glühwein. Man kommt auch endlich dazu, ordentlich aufzuräumen, die Steuer zu machen, so Sachen eben. Beim Aufräumen ist mir das legendäre Pfälzer Hüttenquartett in die Hände gefallen. Bekanntlich verfügt der Pfälzer Waldverein über außerordentlich zahlreiche und vorbildlich geführte Wanderhütten. Was das Netz der Hütten angeht, kann selbst der Alpenverein nicht mithalten. Meine Lieblingskategorie (nach „Anzahl der Weine“ und „Meter zum nächsten Parkplatz“ – ganz entscheidend für Wanderer) des Quartetts ist „Leberknödeldurchmesser“. „Leberknödeldurchmesser“, ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Mjam, mjam, mjam.



Die flache Landschaft

Geschrieben am um 6:23

Das Hochgebirge: aufregend, spektakulär, atemraubend im wahrsten Sinne des Wortes. Das Mittelgebirge: aussichtsreich, angenehm, abwechslungsreich. Das Flachland: öde, fade, langweilig. Mit einer Wanderung im flachen Land (nicht umsonst spricht man ja auch von den „Mühen der Ebene“) verbindet man kein großartiges Erlebnis. Bezeichnend die Beschreibung des Wortkünstlers Arno Schmidt in seinem Jahrhundertroman „Das steinerne Herz“: „Die Sonne machte mir gleich eine flüssige Maske. Beim Umsehen wickelte ich mir die Landschaft ums Gesicht. Nur 3 Farben : unten grün ; oben blau ; der Braune Schlammstrich ; meines Weges“.

 

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Nun ja, lieber Arno Schmidt, immerhin hat es nicht geregnet, dann hätte es nur zwei Farben gegeben, braun und grau. Ich frage mich aber, ob dieses negative Bild der flachen Landschaft der Realität entspricht. Es stimmt natürlich: wenn ich über einen schnurgeraden, schattenlosen Feldweg gehe, am Horizont keine strukturierenden Hügel oder Berge, ich kann in der Ferne schon sehen, wo ich übermorgen sein werde, das ist wirklich keine große Wanderfreude. Ich kann mich an eine Wanderung in der Nähe von Cottbus erinnern. Ich ging auf einem markierten Fernwanderweg, meistens an Feldern vorbei. Stundenlang habe ich keinen Wanderer gesehen, dafür viele Fahrradfahrer, sehr viele Radfahrer, denn der Wanderweg war gleichzeitig eine äußerst beliebte Radstrecke. Da kommt man natürlich ins Grübeln. Wäre es vielleicht schlauer gewesen, eine Radtour anstelle einer Wanderung zu machen?

 

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Eine vergleichbare Wanderung habe ich auch mal im Münsterland erlitten, einer absoluten Fahrradregion. Ich komme in diesen Regionen ganz schnell an den Punkt, an dem ich das Gehen an sich in Frage stellt.

Und dann gibt es ja noch die Sache mit den Namen der Landschaften. Hochgebirge sind zumeist weltbekannt: Die Alpen, die Kordilleren, der Himalaya. Deutsche Mittelgebirge heißen Eifel, Harz und Rhön.

 

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Aber flache Landschaften? Haben die überhaupt Namen? Wie heißt die Ebene südlich von Augsburg? Wie nennt sich die Gegend um Osnabrück? Okay, Osnabrücker Land (früher gab es eine schöne touristische Tafel am Osnabrücker Hauptbahnhof: „Osnabrück, Hauptstadt im Osnabrücker Land“, ich war immer schwer beeindruckt), aber wer findet es reizvoll, dort einmal zu wandern? Es gibt allerdings Ausnahmen, schillernde Flachlandgebiete, in denen man genial wandern kann. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet westlich von Mönchengladbach gibt es die Premiumwanderregion „Wasser.Wander.Welt.“ Die Interpunktion erinnert an Arno Schmidt.

 

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Im Maas-Schwalm Nette-Gebiet wandert man auf deutscher und niederländischer Seite auf acht Premiumwegen, die Rundtouren haben zwischen zwei und fünf Höhenmetern. Und trotzdem funktioniert das abwechslungsreiche Wandererlebnis. Schmale Pfade, durch Auenwälder, über Felder, durch Mischwald, an Seen, Bächen, Kanälen entlang. Auch ambitionierte urbane Wege wie zum Beispiel der Frankfurter Grüngürtelweg beweisen, dass man auch ohne Höhenmeter lustvoll wandern kann. Es stimmt, man muss in der Ebene nach den schönen Wegen suchen, muss viel Spreu vom Weizen trennen, aber es geht auch im Flachland.

 

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Die Poetik

Geschrieben am um 6:23

Jede gelungene Wanderung ist ein Gedicht. Manche möchten singen, um ihr Hochgefühl hinaus zu posaunen, andere schreiben lieber Reime. So wie der ungekrönte König aller Wandergedichte, der unübertreffliche Joseph von Eichendorff. Ich empfehle, von Zeit zu Zeit das gelbe Reclam-Heft mit seinen Gedichten zur Hand zu nehmen. Bei dem meisten Versen kann man im Kopf mitwandern:

Der absolute Gassenhauer ist natürlich das Poem Der frohe Wandersmann, durch die Vertonung auch zum Mitsummen geeignet

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt;

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld

 

Aber schon in der zweiten Strophe kriegen diejenigen eins drüber, die zuhause bleiben:

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot

 

Pech gehabt, wer sich ums tägliche Brot kümmern muss, der kann halt eben nicht gottesgünstig wandernd gehen. So spricht die (wandernde) Elite. In Eichendorffs Gedicht Allgemeines Wandern heißt es:

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Er möchte sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft

Dagegen singt Der wandernde Musikant bei Eichendorff:

Wandern lieb ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

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Aber nicht nur bei den großen Meistern kann man wunderbare Wanderpoesie entdecken. Im weitesten Sinne muss sich ein Gedicht nicht zwingend reimen. Daher empfinde ich die Kreuzworträtselumschreibungen (Um die Ecke gedacht) des ZEIT-Magazins als ganz hohe Schule des poetischen Schreibens über alltägliche Begriffe des Wanderers.

Malheurmeldung vielleicht vom Wandertag, vielleicht aus dem Aquarellmalkurs? – VERLAUFEN

Atemberaubende Wanderwegqualität? – STEIL

Kommt laufend zu neuen Weltansichten? – WANDERER

Das finde ich absolut großartig, wunderschön!

 

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In Florian Illies‘ zweitem 1913-Buch fand ich einen Brief von Rainer Maria Rilke, der mehr Gedicht als Alltagsprosa ist. Er preist die vergangenen romantischen Wanderstunden mit seiner angebeteten Hedwig:

Hedwig, wie fehlst Du mir. Sind wirklich alle Wege noch da, dort hinten im Regen? Hast Du sie mit Dir hinweggenommen? Aber wenn ich hinsehe, wo wir gingen: gingen wir denn? Wars nicht Fliegen, Stürmen, Strömen?

 

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Hach, ist das schön – nur ein ganz ganz klein wenig schwülstig/kitschig. Jetzt bin ich erschöpft von so viel Wander-Pösie. Ich leg mich hin, im Hinterkopf Goethes Wanderers Nachtlied

Über alle Gipfeln ist Ruh

In allen Gipfel spürst du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde ruhest Du auch

 

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Weißenstein und Weissenstein

Geschrieben am um 6:23

And the winner is … Overath. Seit fast zehn Jahren kürt das Land NRW den Wanderbahnhof des Jahres, ein Bahnhof also, der erstens gut erreichbar ist, zweitens über eine gewisse Infrastruktur verfügt (Stichworte Belohnungsbier und Wanderverpflegung beziehungsweise Wanderbier und Belohnungsverpflegung) und drittens natürlich wanderbar ist.

 

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Bevor es losging, habe ich mich nicht nur mit Wanderverpflegung und Fanartikeln des 1.FC Köln versorgt (warum tut man das eigentlich noch?), sondern wollte auch noch schnell heiraten, doppelt genäht hält besser, dachte ich, aber der Standesbeamte hatte einfach extrem viel zu tun, im Wanderbahnhof Overath wurde im Akkord geheiratet. Außerdem fiel mir im letzten Moment ein, dass ich ja schon verheiratet bin.

 

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Nach einem Steilstück durch den Wald erreichten wir den kleinen Ort Büscherhöfchen und die Straße Weißenstein beziehungsweise Weissenstein. Alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung? Alte Rechthaber und neue Rechthaber? Ich vermute, dass in dieser kleinen Stichstraße mindestens zwei pensionierte Oberstudienräte wohnen, die über dicke Aktenordner verfügen, in denen sie hunderte Gutachten von Historikern, Sprachwissenschaftlern und Weißer-Riese-Forschern gesammelt haben, um sich gegenseitig zu beweisen, wie denn nun dieser Weißenstein beziehungsweise Weissenstein geschrieben wird. Sehr salomonisch, beide Versionen auszuschildern.

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Ein richtiger Pilgerweg ist ohne Pilgereinkehr natürlich nichts wert. Daher neben dem Dom in Marialinden Haus Altenrath. Sehr zu empfehlen, vor allem das Päffgen Kölsch vom Fass. Man sollte aber entweder alleine oder mit einer Gruppe zehn Liter schaffen, sonst schlägt der Wirt kein Fässchen an.

 

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Der schönste Teil des Weges eindeutig die zweite Hälfte ab Marialinden, vor allem die Passage an der Agger, aber auch kurz davor der Weg an einem Bauernhaus vorbei. Liebliche Zwerge und Schneewittchen grüßen vom Wegrand und der Bauer hat zwar keine Leiche im Keller, aber eine Leiche im Grünschnitt.

 

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Wenn man den Overather Ortsteil Wasser erreicht, möchte man fast die Bewohner des Ortsteils bedauern, denn wahrscheinlich müssen sie sich ständig das blöde Wortspiel anhören: „Du hast wohl zu nah am Wasser gebaut!“ Der totale Heuler.

 

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Dann aber noch der Pfad an der Agger entlang, ich erwähnte es schon. Und ruckizucki ist man wieder am Wanderbahnhof 2019 in Overath angekommen. Möglichst aber die Tour so timen, dass man erst ab 17:00 am Bahnhof ankommt, denn vorher hat die sehr gute Bahnhofsgaststätte nicht geöffnet.

 

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Beckinger Saarblicke

Geschrieben am um 6:23

Es ist doch immer wieder schön, einen Haken hinter eine der 111 Traumschleifen zu machen, noch schöner, wenn die Traumschleife in meiner Wahlheimat gelegen ist, dem kleinen Bundesland mit den vielen Spitzenpolitikern, die sich immer ganz doll lieb haben. Beckingen ist ein Ort südlich von Merzig. Die berühmte saarländische Familie Becker wohnt nicht in Beckingen. Es kommt nicht sehr oft vor, dass ein Schiff in Beckingen anlegt. Der Grund ist, dass der gewerbliche Schiffsverkehr der Saar schon kurz vor Saarbrücken endet. Daher singt man Beckingen, wehmütig auf die Saar blickend: „Ein Schiff wird kommen…“

 

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Trotz des unregen Schiffsverkehrs hat man am Saarufer einen – allerdings unbemannten – Leuchtturm errichtet. Die Ernsthaftigkeit dieses Leuchtturms ist leider äußerst zweifelhaft, hat man doch einen Sandkasten und Kinderspielplatz um dieses Gebäude errichtet.

 

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Kein Kinderspielplatz findet sich am Bunker der Bauart „Regelbau 10“ im Beckinger Ortsteil Haustadt. In dem Bunker ist ein Westwallmuseum eingerichtet. Ich bekomme schon klaustrophobische Beklemmungen, wenn ich das Ding nur von außen sehe.

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Oberhalb der Saar, kurz vor der grandiosen Einkehr Fischerberghütte, findet sich dieser hervorragend erhaltene Grenzstein. Deutlich ist die Lilie zu sehen, aber nicht als Erkennungszeichen der Fans von Darmstadt 98, sondern als Herrschaftszeichen der französischen Krone. Zwischen 1679 und 1697 und noch einmal zwischen 1766 und 1815 war Beckingen französisch und wurde eher Béckongsche ausgesprochen.

 

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Inzwischen redet man aber in dem Ort wieder saarländisch und das ist auch gut so. Und nach den Saarblicken vom Leinpfad aus ergeben sich auch viele Saarblicke aus der Höhe.

 

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Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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