Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Die Wanderfreundschaft

Geschrieben am um 6:23

Freundschaft ist ein großes Wort. Ich bin immer etwas vorsichtig, jemanden vorschnell als „Freund“ zu bezeichnen. Ich finde es daher auch etwas befremdlich, wenn ich bei Facebook Freundschaftsanfragen von Menschen bekomme, die ich mein Lebtag noch nie gesehen habe. Die Freundschaftsdefinition bei wikipedia: „Freundschaft bezeichnet ein … Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.“ Wenn man das so sieht, habe ich schon viele solide Wanderfreundschaften geschlossen. Denn die gegenseitige Sympathie entsteht ja schon dadurch, dass man für die gleiche Leidenschaft brennt – eben das Wandern. Und Vertrauen muss man bei einer Wanderung sowieso haben: Vertrauen in die Orientierungsfähigkeit, Vertrauen in die Leistungsfähigkeit- und bereitschaft, Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Wanderfreunds.

 

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So war es 2010, als ich das erste Mal mit Thorsten Hoyer wanderte, mittlerweile Dreihundert-Kilometer-Wanderweitstrecken-Weltmeister. Wir wanderfreundeten uns bei einem kurzen Spaziergang von 82 Kilometer an, meisterten Krisen und Durststrecken und gehen auch aktuelle immer wieder wandern – sogar manchmal mit den Kindern. Kürzlich wanderte ich mit einem Journalisten des BR (dazu mehr im Blog „Die Fehler“, coming soon). Schnell waren wir beim Wander-Du, aber die hohe Kunst der Wanderfreundschaft zeigte sich erst, als wir fast zehn Kilometer (wegen eines unnötigen Umwegs in strömendem Regen) größtenteils uns anschwiegen.

Eine Wanderfreundschaft hält es auch aus, wenn es auch größere Pausen zwischen den gemeinsamen Wandererlebnissen gibt. So sind die gemeinsamen Wanderungen mit meinen Wanderfreunden aus Oberboihingen eher überschaubar. Trotzdem existiert ein festes Band, aus Sympathie und Vertrauen. Und mittlerweile senden wir uns sogar Urlaub- und Weihnachtsgrüße.

Ich finde es schön, dass man eine zünftige und absolut analoge Leidenschaft wie das Wandern (inklusive extrem analogem Belohnungs- und Sinnierbier) auch größtenteils virtuell leben kann. Hintermstoaner und Markazero, meine beiden fränkischen Wanderfreunde aus Düsseldorf und Hamburg haben das Kunststück geschafft, schlaue Wandergedanken in den Kommentarspalten von andrackblogs mit realen gemeinsamen Wandererlebnissen zu verbinden. Nur beim nächsten geplanten Wanderfreundschaftsausflug besser mal zwei Wecker stellen, um nicht wieder zu verschlafen. Und besser keine Diskussionen über Zwölftonmusik.

 

 

Rot-weiß

 

Für mich hat die Wanderfreundschaft auch eine bildliche Entsprechung: Man hört förmlich den sozialistischen Gruß „Freundschaft!“ der unseligen DDR, wenn man das Emblem der Naturfreunde vor sich sieht: Ein kräftiger Händedruck von zwei freunschaftlich verbundenen Pranken. Sehr schön finde ich es übrigens, während einer Wanderung meine Freundschaft zu meinen langjährigen Freunden Markus und Victor zu vertiefen. Klar, wir treffen uns auch mal „einfach so“. Im Theater, beim FC, beim Grillen, bei Geburtstagen (falls wir letztere nicht gegenseitig vergessen), mit und ohne Familie. Aber die gemeinsamen Wanderungen treffen am ehesten den Kern unserer Freundschaften: Zuneigung, Sympathie und Vertrauen.

 

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Weinwandern in Sachsen II – Paradies im Weinberg und der Hundekorkenzieher

Geschrieben am um 6:23

Ich nehme den Faden der Ariadne wieder auf und erzähle von meiner Weinwanderung auf dem sächsischen Weinwanderweg.

 

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So genial wie die Landschaft und die sächsischen Weine ist übrigens die Beschilderung nicht. Man hat das Gefühl, als wäre man in einer Art Übergangsphase zwischen der alten Markierung (rote Weintraube) und neuer Markierung (grüne Traube auf blau) Mit viel Improvisationstalent und Dank der passenden App auf dem Handy meiner Tochter Myrina, die mitwanderte, haben wir aber den Weg ganz gut gefunden.

 

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Überhaupt kein Problem war es, das Weingut Hoflössnitz zu finden, das ist wie Rom, da führen einfach alle Wege hin. Natürlich kann man nicht nur in der Vinothek Rebensaft käuflich erwerben, wir durften die Weine auch in der Weinstube verkosten. Einige zechen dort, bis der Arzt kommt …

 

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… wir tranken nur, ohne dass der Johanniter kommen musste. Auf jeden Fall eine sehr seltene Weintraube, interessant wäre mal ein Cuvée mit dem Malteser oder der Rotkreuztraube. Weiteres Highlight im Hofgut war der Museumsbesuch, in dem die Entwicklung der sächsischen Weinbaugeschichte der letzten zweihundert Jahre dokumentiert wurde.

 

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Auch 1969 wurde gefeiert, Bergfest hieß das damals, denn man wusste schon damals, dass es mit der DDR nur vierzig Jahre gut gehen würde. Sehr schön auch der Korkenzieher, der dem Schnauzer aber so was von am Arsch vorbeigeht.

 

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Wenige Kilometer später der Hinweis auf einen paradiesischen Weinberg und eine höchst interessante Winzerei. Dort gab es ehrliche Weine zu absolut fairen Preisen, dazu einfache Speisen wie die köstliche vegane Kartoffelsuppe.

 

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Für meine Tochter und mich hätte die Kartoffelsuppe aber auch sein können wie sie wollte, noch bessere Laune als die Weine machte die großartige Aussicht auf Radebeul und das Elbtal. Paradiesisch! Das Beste war, dass die Hütte komplett überdacht war, das Regenwetter war uns also piepegal.

 

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Diese Winzerei war rückblickend das Highlight der Tour gewesen, da konnte selbst das Staatsweingut, Verzeihung Erlebnisweingut Schloß Wackenbarth, nicht mithalten. Obwohl es natürlich gigantisch ist, was man dort im Norden von Radebeul auf die Beine gestellt hat.

 

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Viele geführte Wanderungen durch das Gelände mit dem charakteristischen Pavillon und eine Vinothek mit einer sehr einladenden Probiertheke. Dort haben wir uns durch einige interessante Weine getrunken, wir konnten quasi die gesamte Weinwanderung Revue passieren lassen. Auch ein Spätburgunder von der Spitzhauslage, sehr überzeugend. Fazit: Wanderer, kommst Du nach Sachsen, geh nicht nur im Elbsandsteingebirge (Pflicht), sondern auch durch die sächsischen Weinberge (Kür).



Weinwandern in Sachsen I – Trabbi, Margot und ein Junggesellinnen-Abschied

Geschrieben am um 6:23

Ich höre oft die Frage: gab es das überhaupt, Weinbau in der DDR?

 

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Die Antwort ist ein klares Jein. Offiziell war der Weinbau unerwünscht und wurde von staatlicher Seite nicht unterstützt. Weinanbau galt als irgendwie bourgeois, dem Winzer wurde das Klassenbewusstsein abgesprochen. Aber dennoch haben zahlreiche Menschen an Saale, Unstrut und Elbe im Nebenerwerb Weinbau betrieben. Seit der Wende hat sich in beiden östlichen Anbaugebieten die Weinfläche wiederstark vergrößert. Nach Radebeul bin ich mit der Bahn gefahren …

 

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… allerdings nicht mit der Schmalspurbahn, die wartete abfahrbereit am Bahnhof. Die lauten Pfiffe der Lok, wenn sie durch das Lößnitztal Richtung Moritzburg (in diesem Schloss wurde – wichtig für alle Weihnachtsmärchenfilmfans – Aschenbrödel gedreht) fährt, ergeben einen ungewöhnlichen Sound für jede Weinwanderung oberhalb von Radebeul.

 

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In Radebeul, hörte ich, ist die Millionärsdichte relativ hoch, einige Wohnkollektive sind aber noch aus DDR-Zeiten übrig geblieben, wie die Villa Margot. Über Radebeul thront ein großartiges Gebäude im Zuckerbäckerstil, das Grand Budapest Hotel lässt grüßen. Die spitzen Türme geben dem Restaurant den Namen: Spitzhaus.

 

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Unterhalb des Restaurants, in dem Hochzeitsgesellschaften saßen, die traurig nach draußen in den Regen schauten, erstreckt sich eine der besten Lagen in Sachsen. Wir beobachteten fleißige Winzersleut‘, die fröhlich ihr Tagwerk ausübten. Wo die drei arbeiteten, regnete es nicht.

 

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Nach zwei Probiergläsern im Spitzhaus erreichten wir einen Pavillon, in dem lustige, besinnliche, merkwürdige Sprüche über den Weingenuss zu lesen waren. Ein Beispiel:

 

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Einen hab‘ ich noch:

 

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Direkt unterhalb des Pavillons ging es steil bergab, auf der Spitzhaustreppe, der längsten Weinbergtreppe an der Elbe.

 

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Die Ausblicke auf Weinberge, Radebeul und Elbtal waren wirklich gigantisch, trotz Dauerregen. Wenn ich die Augen zusammen kniff, und ein wenig die Rebstöcke wegdachte, hätte man auch denken könne, man ist in Südostasien und schaut auf terrassierte Reisanbaugebiete.

 

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Im Weingut unterhalb des Spitzhauses trafen wir eine fröhlich zechende Frauenrunde an, augenscheinlich schon ziemlich hinüber – ein ganz klassischer Junggesellinenabschied. Wo wir die Mädels getroffen haben, und wer überhaupt „wir“ ist, erzähle ich nächste Woche.

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Das Hochgebirge

Geschrieben am um 6:23

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Georg Friedrich Wilhelm Hegel mochte das Hochgebirge nicht: „Der Anblick dieser ewig todten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so“ notierte der Philosoph während einer Alpenüberquerung. Er als Flachlandbewohner „sehnt sich immer nach Erweiterung, nach Ausdehnung, und sein Blick stößt immer an Felsen an.“ Der arme Mann, keine Blicke, nur immer diese Felsen.

Jeder Wanderer weiß, dass es in der Tat große Unterschiede gibt zwischen dem alpinen und dem mittelgebirgigen Wandern gibt. Wenn es im Hochgebirge bergan geht, dann geht es meistens auch sehr sehr lange bergan. Im Mittelgebirge verlasse ich beispielsweise das Rheintal, steige – wenn es hoch kommt – 200 Höhenmeter hinauf und genieße den Ausblick. Im Hochgebirge gehe ich 1.000 Höhenmeter hinauf, steile Rampen und felsige Pfade. Und wenn ich Glück habe, bin ich dann schon auf dem Gipfel. Wenn ich Pech habe, bin ich erst an einer Alm, und dann geht es noch einmal hinauf bis zum Gipfelziel.

Dass man im Hochgebirge ist, merkt man auch daran, dass man im Frühling, April oder Mai, eine lustige Wandertour plant. Aber schnell wird klar, dass man erstens die falsche Klamotten angezogen hat, weil zweitens bei jedem Schritt die Temperatur um gefühlte zwei Grad sinkt und drittens man nicht ohne Schneeschuhe hätte loslaufen sollen, da man bei jedem Schritt einen halben Meter in den Schnee einbricht.

 

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Aber auch im Hochsommer hat das Hochgebirge für Wanderer Tücken. Denn viele alpine Pfade erfordern nicht nur Trittsicherheit, sondern auch eine starke Konzentration auf jeden Schritt. Das heißt, der Blick geht immer zum Boden, nicht in die Landschaft. Eigentlich schade, denn die Ausblicke im Hochgebirge sollen ganz schön sein, habe ich mir sagen lassen. Ganz ehrlich, so ein Bergpanorama ist natürlich phantastisch. Ich kann daher nicht das Bonmot von Marcel Reich-Ranicki verstehen, als er über alpine Blicke so urteilte: „Was heißt denn hier schöne Aussicht, da stehen doch überall Berge davor.“

 

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Wenn ich mich an einer Typologie des Hochgebirgswanderers versuchen sollte, würde ich behaupten, dass er am ehesten der Typ einsamer Wolf ist. Der Berg und ich, ein ewiger Kampf, wer ist stärker? Noch eine dreiviertel Stunde bis zum Gipfel? Der Ehrgeiz ist geweckt, das schaffe ich auch in einer halben Stunde. Ich frage mich, muss das echt sein?

 

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Nun ja, ihr habt schon gemerkt, summa summarum ist das nicht unbedingt mein Ding, dieses Wandern im Hochgebirge. Der Wanderpsychologe sagt: Wahrscheinlich bin ich in einer vorzivilisatorischen Phase stecken geblieben: Die Angst vor hohen, schroffen Bergen dominiert mich. Das Gebirge als Feind. In vergangenen Jahrhunderten haben die Postkutscher bei der Alpenüberquerung die Vorhänge des Wagens zugezogen, damit die Reisenden nicht durch den Anblick der schrecklichen Berge verstört wurden. Das sehe ich nicht so. Anschauen mag ich mir die Berge ganz gern. Allerdings sind sie meines Erachtens für das Wandern nicht unbedingt geeignet.

 

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Der Nenniger Weinwandergenuss

Geschrieben am um 6:23

Kürzlich habe ich mit meinem luxemburgischen Wanderkumpel Christian die Weinwandersaison mit einer ganz besonderen Rundtour an der Mosel begonnen.

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Seit Juni ist der Dolinenweg im saarländischen Perl-Nennig offiziell eröffnet. Anstatt den Namen Dolinenweg zu wählen, wäre auch Nenniger Weingenussschleife eine passende Bezeichnung für die 9,4 lange Rundtour gewesen.

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Zu Beginn der Wanderung machten wir eine kleine Schleife durch den Ort Nennig, direkt an Dorfbrunnen, Kirche und alter römischer Villa vorbei. Schon die Römer haben Wein an der Obermosel angebaut, der Elbling (von lateinisch albus = weiß) ist dort seit 2.000 Jahren heimisch.

Oberhalb der Weinberge erreichten wir einen Wald, in dem noch einige Schützengräben des Westwalls zu erkennen waren…

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Warum heißt es eigentlich: Sie LAGEN in ihren Stellungen? Haben die Soldaten wirklich immer gelegen?

Vor der Wandertour hatte ich beim genialen Weingut Karl Petgen in Nennig eine kühle Flasche Auxerrois vom herausragenden 2018er Jahrgang besorgt.

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Bevor ich ins Saarland zog wusste ich es nicht: Saarländischen Wein gibt es nicht an der Saar (alle Saar-Weingüter, auch das Weingut Othgraven von Günter Jauch, liegen in Rheinland-Pfalz), sondern nur an der Obermosel gegenüber von Luxemburg in den Ortsteilen von Perl – Perl, Sehndorf und eben Nennig.

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An einigen Passagen des Dolinenwegs sahen wir Baumleichen, die von den letzten Stürmen umgehauen wurden. Einige Bäume waren zwar schon entwurzelt, aber noch nicht komplett umgestürzt. Gefährlich für die Wanderer, weswegen ich mich als finaler Baumwerfer verdient gemacht habe.

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Und dann endlich die Dolinen, Ausspülungen aus dem Kalkgestein, wenn ich das richtig verstanden habe. Etwas ratlos stand ich vor dem geologischen Phänomen der Schlucklöcher. Eigentlich ein gemeines Schimpfwort für exzessive Belohnungsbiertrinker.

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Eine andere Variante ist die Lösungs-Doline, ein kleines verschilftes Feuchtgebiet. Ganz ehrlich, Weinberge finde ich ästhetischer, und – so ein Zufall – auf dem Rückweg zum Schloss laufen wir durch die Weinberge des Weinguts Karl Petgen. Wir fanden die Rebreihen mit dem Auxerrois, den wir noch vor kurzem gekostet hatten: das ist Weinwandern in Perfektion

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Nach der Wandertour kann man in der “Scheune“ einkehren, dort gibt es gehobene Landhausküche und natürlich die Weine der Region. Wenn man etwas mehr Geld (und auch Zeit) mitbringt, empfängt einen gerne das Team von Christian Bau im Schloss-Restaurant. Bau ist einer von zwei saarländischen Drei-Sterne-Köchen, er kocht in der weltweiten Champions League. In so einem Drei-Sterne-Restaurant ist es allerdings angebracht, die Wanderkleidung zu wechseln, ein wenig Stil muss sein.



Die Gelassenheit

Geschrieben am um 6:23

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Gelassenheit ist ein schönes Wort, wenn ich es ausspreche, werde ich schon gelassener. Gelassenheit kann vieles bedeuten: Besonnenheit, Umsicht, Seelenruhe. Im Netz habe ich einen sehr schönen Aphorismus des Österreichers Ernst Ferstl gefunden. „Der beste Aussichtsturm des Lebens ist Gelassenheit“. Ich finde, das Wandern ist die hohe Schule der Gelassenheit. Schon das Tempo des Wanderers ist mäßig, ruhig, gelassen, um nicht zu sagen: lässig.

 

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Nicht zu vergleichen mit der Geschwindigkeit einer Autofahrt, einer Zugreise, oder gar eines Fluges. Aber der Wanderer (und die Wandererin natürlich auch) sind darüber hinaus wesentlich entschleunigter als Fahrradfahrer oder Jogger. Die Geschwindigkeit des Wanderers ist nicht abhängig von Hilfsmitteln, sie ist sozusagen menschlich.

Ich empfinde beim Wandern ein starkes, körperliches Wohlbefinden. Eine ruhige Kraft, die den ganzen Körper durchströmt, der Wanderer wird zu Körper gewordenen Gelassenheit. Woher kommt das? Wahrscheinlich dadurch, dass Draußensein entspannter ist als Drinnensein, Land entspannter als Stadt, Natur entspannter als Zivilisation. Das überträgt sich. Nehmen wir zum Beispiel einen weiten Ausblick über die Landschaft. Dieser Blick hat etwas Meditatives, man bekommt wie eine Antizivilisations-Arznei eine Portion Gelassenheit verpasst.

 

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Ich behaupte, dass Wanderer generell wesentlich gelassener sind, als andere Zeitgenossen. Zumindest, muss man einschränken, während sie wandern. Nehmen wir als Gegenbeispiel das Automobil: Es gibt wohl keinen Ort (außer dem Fußballstadion), an dem so hemmungslos geschimpft, geflucht, bedroht wird. Das Auto ist der Inbegriff der Anti-Gelassenheit. Daher sollte man auch nach Möglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Wanderausflug hin – und auch wieder zurück fahren. Nicht, dass sich die Wandergelassenheit blitzschnell in die Anti-Gelassenheit im Innenraum des Autos verwandelt.

Die Gelassenheit ermöglicht uns, den Widrigkeiten des Wanderlebens zu trotzen. Sollten wir uns verlaufen, ist das kein Problem, wir nehmen es auf die leichte Schulter und sagen uns: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Wir geraten in einen Regenschauer? Kein Problem, der gelassene Wanderer kennt verschiedene Lösungs-Optionen.

 

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Wir können in Ruhe abwarten und uns unterstellen, bis der Feuchtigkeitspegel wieder gesunken ist. Oder aber wir wandern einfach stoisch weiter, wir durchschreiten mit größtmöglicher Gelassenheit den Regenschauer, wozu hat man denn die Outdoorklamotten.

Nicht zu unterschätzen ist es, in gelassener Stimmung mit den Mitwanderern, der Familie, den Freunden, dem Wanderverein sich zu unterhalten. Unsere Wandergelassenheit ermöglicht perlende, emotionale, einfach wunderbare Gespräche.

 

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Die entspannte Wanderstimmung lädt uns dazu ein, uns auf eine Wiese und auf den Waldboden zu legen. Oder – falls das zu nass/dreckig/matschig ist – sich einfach auf eine Bank zu setzen. Denn auch die modernen Wanderliegen sind unendlich bequem, wir strecken uns aus, lassen Beine und Seele baumeln, auf diesen Gelassenheitsmöbeln. Denn darum geht es auch beim Wandern: Mal alle Fünfe gerade sein lassen. Da fällt mir ein – fünf, das ist doch exakt die (durchschnittliche) Anzahl von Zehen, die in einen guten Wanderschuh passen. Ihr wisst schon, welchen Wanderschuh ich meine, den mit der hunderprozentige Zehenfreiheit …

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Weinwandern an der Saale

Geschrieben am um 6:23

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Ich starte die Weintour in Bad Kösen, Weinbaugebiet Saale-Unstrut, die Toscana Mitteldeutschlands, eine Station vor Naumburg.

 

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Ich gehe den Weinbergsweg auf den Höhen des linken Saaleufers auf einem traumhaften Pfad. Aber auch die Blicke ins Saaletal Richtung Bad Kösen ist spitze. Man kann bis nach Thüringen schauen, immerhin ist Saale-Unstrut das einzige Anbaugebiet Deutschlands mit Rebflächen in drei Bundesländern: Sachsen-Anhalt, Brandenburg und eben Thüringen

 

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Am Aussichtspunkt ein Gedenkstein, auf der Wanderkarte als Napoleonstein bezeichnet, auf den Wegweisern als Fürst-Heinrich-Stein. Ja was denn nun? Ich finde, das Ding sieht eher wie ein Eisernes-Kreuz-Gedächtnis-Stein aus.

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Apropos Markierungen: Die Wegweiser des Weinbergswegs sind neu, fast alle sind in der richtigen Richtung aufgehängt. Nur Wegmarkierungen sind Mangelware, Beruhigungszeichen fehlen komplett. Auch beunruhigt kann man den Weg ganz gut finden.

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Hier ein Blick durch die Reben Richtung Norden, im Hintergrund der Naumburger Dom, Weltkulturerbe, mit der berühmten Skulptur der lieblichen Uta. (kein Wein, trotzdem lieblich)

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Am Wegrand ein Hinweis auf ein Weinbergrennen, dass wohl zwischen 1980 und 1988 in den Weinbergen der Region stattgefunden hat. Ich erspare mir Witze über die Motorisierung der DDR, aber die Frage wird doch erlaubt sein, wer da gegen wenn ein Rennen veranstaltet hat? Motorräder, gegen Fußgänger und gegen Autos? Jeder gegen jeden? Nur auf den eigenen Vorteil bedacht? Das ist aber nicht sehr sozialistisch, was sagt denn Kevin K. dazu?

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Schon eine Enttäuschung, dass in der Besenwirtschaft Dierking („Wenn der Besen hängt, wird ausgeschenkt!“) noch nicht einmal ein Besenhaar (oder sagt man Besenborsten???) zu erkennen ist.

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Wenigstens gibt es im sehr maritim dekorierten Fischhaus an der Saale vernünftige Weine aus Saale-Unstrut – und eine Forelle, das ist ja auch so eine Art Fisch.

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Hallelujah, aber die Vinothek von Klosterpforta hat geöffnet und lädt zum Probieren und kaufen ein. Das ist doch ein Wort …

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… ich kann mich allerdings lange nicht entscheiden und muss daher sehr viel probieren. Mein Favorit, ein schlanker, relativ säurearmer Silvaner von 2018, prämiert mit einer goldenen Kammerpreismünze.

 

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Das Landesweingut Klosterpforta wird schon lange nicht mehr von Mönchen verwaltet, die mussten schon im 16. Jahrhundert im Zuge der Reformation ihre Weinberge aufgeben. Der reformierte Fürst Moritz von Sachsen machte aus Klosterpforta Schulpforta und gründete eine Fürstenschule. Diese Schule besuchten unter anderem Klopstock, Fichte und Nietzsche.

 

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An der Kleinen Saale wandere ich unspektakulär zurück nach Bad Kösen, vorbei am Köppelberg, einem Weinberg, den schon die Mönche bewirtschafteten. Die Armen haben nur für Gottes Lohn gearbeitet, als Wanderer im Weinberg des Herrn kann ich dagegen auf einen äußerst lohnenden Weinwandertag an der Saale zurückblicken.



Sensationelle Fähigkeiten auf dem 3-Türmeweg in Hagen

Geschrieben am um 7:24

Der 3-Türmeweg in Hagen ist ein Premiumweg der Superlative: Der einzige Premiumweg des Ruhrgebiets! Der schönste Premiumweg einer deutschen Großstadt! Der coolste Oberbürgermeister! Sogar ein Turm mehr als beim Schach!

 

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Manchmal scheint es mir, als würden sich gerade auf dem 3Türmeweg ganz besondere Fähigkeiten entwickeln. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass ich mit meinen beiden linken Händen einmal ein überwältigendes Schnitzkunstwerk fertigen würde.

 

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Im April 2018 und April 2019 habe ich mir den ersten und bisher einzigen Premiumweg des Ruhrgebiets in Hagen angeschaut. Der Drei-Türme-Weg mit abwechslungsreichen Wegabschnitten ist hübsch zu wandern. Und um den Weg noch hübscher zu machen, drückten Hagener Touristiker mir ein Schnitzmesser in die Hand. Ich? Schnitzen? Aber siehe da, flugs wurde ich zum Tilman Riemenschneider von Hagen.

 

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Manchmal wird man als Wanderexperte sogar zum Model aufgewertet. Man braucht nur einen Oberbürgermeister von Hagen (links), dessen Büroleiter (Mitte) und einen Rahmen, schon ergibt sich eines der schönsten Meisterwerke, die je in Hagen entstanden sind.

 

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Oberbürgermeister Erik Schmidt war im übrigen sehr hart im Nehmen. Während ich jämmerlich daran scheiterte, die kleine Flasche Mein-Hagen-Schnaps zu exen (immerhin sind da 0,05 Liter drin), schluckte der Oberbürgermeister wie ein Vollprofi, Chapeau! Aber auch diese Fähigkeit habe ich beim dritten Versuch erlangt. Von einem der drei Türme, dem Bismarcktürme, habe ich in die Ferne geschaut …

 

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Und wer in Hagen in die Ferne guckt, kann die Fernuniversität entdecken, an der nicht nur Olli Kahn seinen Abschluss gemacht hat. Ich hätte nicht gedacht, dass man für eine Lehranstalt, deren Studierenden in der Ferne lernen, so große Gebäude braucht.

Eine ganz besondere Fähigkeit habe ich am Wildgehege kurz hinter dem Kaiser-Friedrich-Turm entdeckt …

 

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… ich kann mit einer Schere ein rotes Band zerschneiden und eine Aussichtsplattform eröffnen, sensationell. Das ist mir aber nur gelungen, weil mir Hagens Oberbürgermeister zeigte, wie das geht. Betreutes Rotes-Band-Durchschneiden gewissermaßen. Oder, um bei den Superlativen zu bleiben: Erfolgreichstes Rotes-Band-Durchschneiden aller Zeiten!

 



Die Individualität

Geschrieben am um 6:23

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Es gibt eine Vielzahl von Gretchenfragen beim Wandern: Wanderst Du allein oder in der Gruppe? Wanderst Du lieber im Mittelgebirge oder im Hochgebirge? Bist Du mehr der Typ für Mehrtagestrekking oder doch eher der bequeme Tagestourenwanderer? Rundweg oder Streckenwanderung? Einkehr oder Rucksackproviant? Eifel oder Hunsrück? Über oder unter zwanzig Kilometer am Tag?

Ganz klar, das Wandern ist etwas für Individualisten, man geht zu Fuß genau so, wie man es eben möchte. Aber gerade in den letzten Jahren sind noch unendlich viele, teilweise sehr spezielle Formen des Wanderns dazu gekommen. In meiner saarländischen Regionalzeitung las ich vor kurzem etwas über eine „sinnvolle“ Wanderung.

 

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Da ich ein sehr sinnvoller Wanderer bin, habe ich mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt eingefunden. Ehe ich mich versah, wurden mir Handschuhe, ein Plastiksack und eine Müllzange ausgehändigt. Ich durfte mit anderen Freiwilligen Müll aus dem Wald entfernen, das war wirklich mal eine sinnvolle Wanderung.

Das Gegenteil ist eine Gourmetwanderung, da bekommt man höchstens eine Zange in die Hand, um sich noch einen Nachschlag zu holen oder die Schnecke aus ihrem haus zu puhlen. Auch bei einer Weinwanderung oder Bierwanderung kommt der Gaumengenuss neben dem Wandergenuss nicht zu kurz. Ob ich allerdings bei einer Jodelwanderung (das gibt es alles tatsächlich, ich habe mir nichts ausgedacht!) mitmachen würde, das wage ich stark zu bezweifeln. Mein Jodeln geht eher als Mittelding zwischen Meckern und Blöken durch, und auf das Gejodele der anderen Wanderer bin ich auch nicht scharf.

 

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Quelle: „Das NacktAktiv Buch“ von Anita & Wolfgang Gramer

 

Auch dem Nacktwandern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn im Sommer der Mückenschwarm kommt und die Disteln, Dornen und Brennnesseln am Wegrand zuschlagen, habe ich lieber eine Hose an.

Ziemlich sinnvoll erscheint mir dagegen eine Single-Wanderung, sofern man denn Single ist. Aber anscheinend werden solche Wanderungen veranstaltet, damit die Singles nicht mehr sehr lange Singles bleiben, und wer wandert dann bei der nächsten Singlewanderung mit? Sehr beliebt sind auch Wanderungen an bestimmten Terminen, Winterwanderungen, Neujahrswandern, Vatertagswanderungen. Nicht zu vergessen Schneewanderungen und Barfußwandern.

Aber für die richtig harten Typen ist Powerwandern das Richtige. Der Autor Philipp Sauer hat „ultimative Extremtouren für zähe Typen“ zusammengestellt. Und was ist mit den zähen Typinnen? In der Buchankündigung las ich, es mache Spaß, 30 Kilometer in acht Stunden zu wandern. Klar macht das Spaß, man nennt das auch Genusswandern, denn eine Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit von unter vier Stunden ist ja nun wirklich kein Ruhmesblatt, Herr Sauer, da hätte ich von einem zähen Typen wie Ihnen doch etwas ultimativeres erwartet.

 

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Der zäheste Powerwanderer der Welt ist sowieso Wladimir Putin. Ich las zuletzt, dass der russische Zar nach Oben-Ohne-Reiten und der Jagd nun auch das Wandern für sich entdeckt hat. Nach einer Acht-Kilometer-Bergtour schmerzten seinen Mitwanderern noch lange die Beine, während der Führer der aktuellen UdSSR von einer kleinen „Morgengymnastik“ sprach. Das war wahrscheinlich eine wirklich sinnvolle Wanderung für den ultimativen und härtesten Herrscher des Globus.

 

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Weinwandern in Würzburg

Geschrieben am um 7:30

Frei nach Klaus Lage: Tausend Mal hat mich der ICE vorbei geführt, Tausend Mal ist nichts passiert, Tausend und eine Mal – und es hat Zoooom gemacht. Glücklicherweise hatte ich Mitte November drei Stunden Zeit für Würzburg. Drei Stunden, die man in der Residenz- und Kickers-Stadt mit einer grandiosen Weinwanderung ausfüllen kann.

 

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Und das auch noch fußläufig vom Hauptbahnhof. Erstmal a weng (original unterfränkisch!) durch den Stadtpark gehen, dann der Markierung WH (hat nicht mit der Wilden Horde aus Köln zu tun!) Richtung der Treppen auf der Rotkreuzstiege folgen. Und schon hatte ich (17 Minuten nachdem ich dem Zug entstiegen war) den Steinweinpfad erreicht.

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Ein kleiner, aber feiner Weinwanderweg, drei Kilometer lang und um einen Kilometer verlängerbar, das kann sich man aber – entre nous – auch schenken. Der Weg führt durch DIE Würzburger Weinlage, den Steinberg. Das ist nicht irgendein fränkischer Weinberg, sondern seit ein seit Jahrhunderten berühmtes Weinweltwunder.

 

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Schon Goethe befahl: „Sende mir doch einige Würzburger, denn kein anderer Wein will mir schmecken, ich bin verdrüßlich, wenn mir mein gewohnt Lieblingstrank abgeht“ Nun, wenn ihm sonst nichts abgeht. Aber man hat es wirklich geschafft, wenn schon die Getränkebestellungen den Rang von Literatur bekommen.

Und Kurt Tucholsky schrieb in sein Würzburger Tagebuch: „Das Gehen fällt uns leicht, der Steinwein fällt uns recht schwer. Die älteren Jahrgänge vom Bürgerspital wollen getrunken sein. Wir trinken sie.“ Zum Bürgerspital komme ich noch gleich…

 

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Erst mal ein Selfie im Weinberg mit Mauer, die natürlich unliebsame Spitzbuben vom Traubenklau abhielt. Traubenklau ist antiquiert? Von wegen: In der Mini-Weinlage Hamburger Landungsbrücken hat man, hörte ich, letztes Jahr schon zum zweiten Mal nächtens den kompletten Ertrag gestohlen. Ich schlage für die Diebe eine Strafe vor, vergleichbar der für Pferdediebe des Wilden Westens.

Am Ausgangs- und Endpunkt des Steinweinpfad dann ein kurzer Besuch des VDP-Weinguts am Stein. Die Weinbar hatte leider noch geschlossen (und ich hatte ja nur drei Stunden Zeit) daher schnell rein in die Vinothek …

 

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… und einen Silvaner im Bocksbeutel gekauft. Ach edles Stück, du liegst immer noch in meinem Weinkeller, und keiner traut sich ihn zu trinken. Denn ist er mal getrunken, dann ist er ja auch weg.

 

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Da ich noch a wenig Zeit hatte, ging ich ins Würzburger Zentrum ins VDP-Weingut Bürgerspital. Dort gibt es ein sensationelles „Hockerle“, rustikale Sitzbänke, Schoppenweine, man darf mitgebrachte Speisen verzehren. Ich habe hingegen im „normalen“ Weinlokal – mangels mitgebrachter Speisen – gegessen (fränkische Tapas) und getrunken (so viel noch ging).

 

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Bei meinem nächsten Besuch in Würzburg kommt die andere Hälfte der Weinkarte dran. Und ich nehme mir mehr Zeit für diese besondere Weinstadt. Mindestens vier Stunden.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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