Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Zu Fuß zum Vesuv

Geschrieben am um 7:26

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Das war mal wieder eine Wanderung, die auch meine letzte hätte sein können. Im Hintergrund Neapel, eine Stadt, die ich ausnahmsweise nicht besucht habe, weil der 1.FC Köln dort im Europapokal spielte. (internationale Effzeh-Spiele gibt es erst wieder ab nächsten Herbst). Nein, Neapel war der Ausgangspunkt meiner Expedition hinauf zum Vesuv. Okay, ich bin natürlich wie alle anderen erst mal die Serpentinen hinauf mit dem Bus gefahren, danach – wie alle anderen – die letzten 1.600 Meter zu Fuß gegangen. Zugegebenermaßen keine alpine Spitzenleistung.

 

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Und für alle, denen das noch zu anstrengend war, bot ein junger Mann Wanderstöcke an: „For free, kooostenlos“ rief er. Als eine ältere Frau sich einen Wanderstock schnappen wollte, hielt er die Hand auf: „Ein Euro“. Das ist gelebte neapolitanische Kostenlosigkeit.

 

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Man muss es noch einmal betonen: Der Vesuv ist ein AKTIVER Vulkan. Es ist zwar schon eine Weile her, dass er sich über Pompeji ergossen hat, aber man weiß ja nie. Mir ist es vor Ort erst klar geworden, welchen Wumms der Vulkanausbruch von August 79 hatte. Heute ist der Vesuv 1.281 Meter hoch. Nach Schätzungen war er vor dem Ausbruch ein 3.000-Meter-Berg. Wo sind die restlichen 1.700 Meter geblieben? Nun, die sind bei dem Ausbruch fünfzig Kilometer in die Höhe geschleudert worden und dann auf Pompeji und andere Städte gefallen. Ein monströser Steinregen. Auf dem Foto oben sieht man den eigentlichen, heute zart bewaldeten Kraterrand.

 

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Das, was heutzutage als eigentlicher Krater gilt, ist im engeren Sinne nur eine Art Nebenkrater. Damit nichts schief geht, bin ich mit dem neuesten rot-schwarzen Hemd von Fifty Five ausgestattet. Eigentlich heißen alle Hemden von Fifty Five André, seit dem Marsch auf den Vulkan ist es für mich das Modell „Vesuv“ – rot wie die Lava, schwarz wie vulkanisches Gestein.

 

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Obwohl das vulkanische Gestein ehrlich gesagt eine hell-beige Färbung hatte. Wieder am Bus angekommen, erhielten wir (im Bild auch die Schuhe meiner Tochter) eine exklusive Fuß- äh Schuhwaschung von unserem Busfahrer. Mit dem Hochdruck-Reiniger wurden unsere Schuhe so sauber, wie sie noch nie waren.

 

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Auf der Fahrt vom Vesuv hinunter nach Neapel sahen wir, wie vorbildlich die italienischen Sicherheitsvorkehrungen sind, falls es doch zu vulkanischen Aktivitäten kommen sollte. Für den Fall der Fälle steht die neapolitanische Feuerwehr bereit. Forza Italia!

 



Der Wald-Knigge

Geschrieben am um 7:34

Im Germanistik-Studium habe ich gelernt, dass es ein Missverständnis ist, den ehrwürdigen Freiherrn Knigge auf einen Benimm-Onkel zu reduzieren. Vielmehr hat der aufgeklärte Freimaurer Empfehlungen für den Umgang mit Menschen gemacht. Allerdings sollte man auch im Wald den Umgang miteinander beachten – oder mit Schildern.

 

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Denn es gibt Sachen, die gehen sozusagen beim Wandern, und anderes, was gar nicht geht. Ich fand es zum Beispiel empörend, als ich bei einer Gruppenwanderung in diesem Jahr ein Warnschild sah, das ich als diskriminierend empfand.

 

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Ich bilde mir ja ein, ein humoriges Naturell zu haben, aber was zu weit geht, geht zu weit. Harmlose Wanderer als Kröten zu bezeichnen ist unter Wald-Knigge-Gesichtspunkten ab-so-lut nicht akzeptabel. Nächstes Beispiel: Entspricht das noch dem Waldknigge: ein enger Felsdurchgang, kann man, darf man, sollte man das dicken, stämmigen, kräftigen, also einfach fetten Menschen zuzumuten?

 

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Vor zwei Jahren bin ich in der Nähe von Berdorf in der luxemburgischen Schweiz gewandert, und habe diese Felspassage, die den merkwürdigen Namen „Andrack“ trägt, nicht gefunden. Freundlicherweise hat meine Wanderkollegin Heike aus Sachsen die Mandrack-Passage wiederentdeckt. Aber ob sie dem Wald-Knigge entspricht? Ich weiß es nicht.

 

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Und auch das ist ja wohl voll krass überhaupt nicht Wald-Knigge. (Toll, wie ich die Jugendsprache beherrsche, oder? – denn auch Menschen Ü40 sollen sich durch diesen Blog angesprochen fühlen) Die Markierung eines Wanderwegs in Rheinhessen lädt dazu ein, über Wasser zu gehen. Wenn man vom rheinhessischen Wein gekostet hat, eine eher leichte Übung. Irritiert war ich allerdings, dass das Wanderschild eindeutig Einschusslöcher aufweist. Anscheinend wird in Rheinhessen noch scharf geschossen. Und das kann es doch nicht sein, Wald-Knigge hin und her. Also, wandert weiter, aber bitte mit Knigge im Hinterkopf.



Wanderlust in Berlin

Geschrieben am um 7:39

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Zunächst einmal: Sorry! Sorry, weil ich erst jetzt die geniale Ausstellung „Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie gesehen habe, die seit Mai läuft und am 16. September ihre Pforten schließt. Nun ja, ein paar Tage habt ihr ja noch, nach Berlin zu pilgern oder zu trampen, es lohnt sich wirklich.

 

 

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Auch die Bilder der eher unbekannten Künstler überzeugen, weil sie Geschichten von der Freude am Wandern erzählen. Der Dessauer Hofmaler Heinrich Beck malt 1839, wie ein Wanderer (vermutlich er selbst) den Wanderhut schwenkend (vielleicht sollte ich mir ja auch einen anschaffen) jubilierend das Etschtal erreicht. Das heißt: er hat die Alpen bezwungen, jetzt geht es nur noch bergab – Richtung Italien, dem gelobten Land.

 

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Oder hier: Heinrich Reinhold malte 1819 das Bild „Künstler erkunden die österreichischen Alpen“ Und mit welcher Lebensfreude diese Künstler das tun, sieht man im Bilddetail, sie turnen an ihrem Wanderstock über die Felsen, dass man direkt an Stabhochspringen denkt.

 

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Neben unzähligen supertollen Bildern dann natürlich das Highlight: Der Wanderer über dem Nebelmeer, ausgeliehen aus Hamburg. Interessanterweise hat Caspar David Friedrich sein eigenes Bild anscheinend nie so genannt. Und wenn man das Bild im Original sieht, fällt direkt der dunkel-türkise Samtanzug auf. Ganz schön schick für einen Wanderer! Vielleicht hätte ja Friedrich das Bild eher „Dandy hat sich verirrt“ genannt. Ich habe noch einen Verdacht. In der Ausstellung sind sehr viele Bilder zu sehen, auf denen sich die Künstler malen, wie sie malen, wandern, die Natur beobachten. Denn das war neu im 19. Jahrhundert in der akademischen Malerei: Der Blick öffnet sich, in die Bilder kommt Luft, Weite, Landschaft hinein. Also: Meiner Meinung nach ist der junge Mann, dessen Rücken wir sehen, Caspar David Friedrich selber.

 

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Ich habe mir also so meine Gedanken gemacht und das Bild angeschaut. Und habe einen Mann von hinten angeschaut. Spontan hat mein Kumpel Rolf ein Foto gemacht und jetzt schaut ihr gerade einen Mann an, der einen Mann von hinten anschaut. Und wenn jetzt noch jemand hinter Euch steht, der Euch zusieht, wie ihr einem Mann zuseht, der einen weiteren Mann von hinten anschaut – dann wird es langsam ziemlich psycho… Das Foto schmeichelt mir ehrlich gesagt nicht sehr. Guckt Euch mal meine „Frisur“ an.

 

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Andererseits ist natürlich die Sturmfrisur von C.D. Friedrich auch von einer Wildheit, die mit der Landschaft korrespondiert. Fazit: Fahrt nach Berlin, schaut es Euch an, oder kauft zumindest den hervorragenden Katalog.



Ein echter Wurm

Geschrieben am um 6:32

Einer der genialsten Künstler weltweit ist der Österreicher Erwin Wurm. Seine Skulpturen sind schlau und albern. Wer Erwin Wurm sieht und danach immer noch sagt: „Mit zeitgenössischer Kunst kann ich nichts anfangen“ wird mit Björk-Videos nicht unter 10.000 Stunden bestraft.

Auf der letztjährigen Biennale in Venedig waren im österreichischen Pavillon einige sensationelle Skulpturen Wurms ausgestellt …

 

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Die Skulptur „Wanderbank“ ist nicht nur einfach Art pour l’Art, sondern hat einen hohen Nutzwert für alle Touristiker, die die Wandermöbel an ihren Prädikatswegen aufhübschen möchten. Die Wurm‘sche Wanderbank ist formschön – und auf einem begnadeten Männerkörper sich auszuruhen, bedeutet das perfekte Wanderglück. Sinnenbank war gestern, Sinnlich-Bank ist heute.

Erwin Wurm präsentierte in Venedig außerdem einen Wohnwagen mit speziellen Outdoor-Features …

 

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Viele Wohnwagen-Mobilisten beklagen die unbequemen Außenwände ihrer fahrbaren Häuser. Dank Wurm kann man es sich auch von außen bequem machen…

 

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Ein weiteres Camping-Ärgernis ist es, stundenlang zum WC laufen zu müssen und sich dort in die Schlange zu stellen. Mit Wurms Außenbordtoilette ist Schluss damit. Danke Erwin Wurm und weiter so!

 

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Nur mit richtigem Schuhwerk zum Manafossen!

Geschrieben am um 8:49

Norwegen ist in jedem Fall eine Wanderreise wert, das hatte ich ja schon am Preikestolen festgestellt. Aber es gibt in dem skandinavischen Land nicht nur beeindruckende Fjorde und Klippen, sondern auch ein bezauberndes Hinterland. Nicht weit von Stavanger im Südosten von Norwegen liegt ein einsames Dal (norwegisch Tal = Dal), das man nur zu Fuß erkunden kann. Das Highlight des Mandals kann man schon nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch bestaunen: Den Wasserfall Manafossen. Am Parkplatz muss man aber erst mal checken, ob man auch schuhmäßig für den Aufstieg zum Manafossen gerüstet ist. Schuhe mit Absatz kann man streichen, Sandalen und Flip Flops ebenso.

 

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Kurzer Blick auf meine Füsse: Meine BÄR-Schuhe sind keine High Heels und auch keine Birkenstock-Latschen. Bingo, Daumen hoch!

Eine Schuhart, die erstaunlichwerweise auf dem Manafossen-Schild keine Erwähnung findet, sind Holzschuhe, wie sie in Holland, aber auch traditionell im fast-holländischen Münsterland getragen wurden.

 

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Der Mann mit dem Schnaps in Tecklenburg ist nicht der Schnapskerl, sondern der Kiepenkerl, der in fernen Jahrhunderten seine Waren von Dorf zu Dorf feil bot. Tante-Emma-Laden to go sozusagen. Und der war in den robusten und stabilen Holzschuhen unterwegs. Nichts für Manafossen.

Robust und stabil zeigt sich auch der Parkscheinautomat am Wasserfall.

 

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Den Parkschein muss man schon selber ausfüllen, in zweifacher Ausführung, ein Zettel für die Windschutzscheibe, ein Zettel für den „Automaten“. Und dann bitte auch noch ehrlich sein, und passend bezahlen. Denn der Automat wechselt nicht.

Alle Vorbereitungen getroffen, Parkgebühr bezahlt, Helm auf, Schuhwerk tadellos, der Berg ruft, es geht steil hinauf…

 

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Auf den steilen Wegen und den Felsplatten nach oben zu stiefeln, ist schon recht sportlich. Aber meine BÄR-Schuhe haben ja immer Unsinn im Kopf und verleiten mich dazu, eine kleine Balance-Tour auf der Eisenkette zu probieren, die eigentlich als Handlauf gedacht war. Ich sag mal so, meine BÄR-Schuhe finden das prima, ich eher nicht. Ich bin eher der Typ für die Slack-Line, nicht für Eisenketten.

Überraschend schnell erreiche ich den Aussichtspunkt am Manefossen. Sehr, sehr beeindruckend! Dreht erstmal euren Wasserhahn volle Pulle auf, dann multipliziert ihr die Dezibel mal 20 und schon habt ihr den Manafossen-Soundtrack. Das Einmalige an diesem Wasserfall ist, dass der Wasserschwall durch eine Art Schlundloch herausschießt.

 

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Es sieht so aus, als müsse der Fels sich mal so richtig auskotzen. Dann stürzen die Wassermassen 92 Meter (wie man das so genau messen kann!) in die Tiefe und produzieren beim Aufprall im Tal eine enorme Gischt. Um das Alles genauer studieren zu können, haben sich meine Wanderschuhe bis an den Rand des Aussichtspunkts getraut. Da wohl kein Geld für ein Absperrgitter im norwegischen Staatssäckel zu finden ist, habe ich eher respektvollen Abstand gehalten.

 

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Ich hätte nun noch eine Stunde das Mandal hinauf zur Man-Hütte wandern können. Und wieder zurück zum Parkplatz. Da mein Flugzeug nach Stockholm schon wenige Stunden später ab Stavanger flog, habe ich es beim Kurztrip belassen, und bin vom Manafossen direkt zurück zum Parkplatz gegangen. Wenn ihr auch das nächste Mal in Norwegen wandert, wünsche ich Euch: Ha en fin tur! – Habt eine schöne Tour!

 

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Meine BÄR-Schuhe wandern in Ohrid

Geschrieben am um 6:46

Heute mal ein etwas exotischer Wandertipp. Wandert doch mal, wenn ihr schon genug Eifel, Bayrischer Wald und Pyrenäen gesehen habt, in Mazedonien. Der kleine Balkanstaat ist auf jeden Fall eine Wanderreise wert. In meinen Gesammelten Wanderabenteuern (Ab Seite 421) habe ich ausführlich meine erste Wanderung in der Nähe der mazedonischen Hauptstadt Skopje geschildert. Aber man kann auch an der mazedonischen Riviera wandern.

 

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Mazedonien als ehemaliger Staat von Jugoslawien hat im Unterschied zu Kroatien keine imposante Mittelmeerküste zu bieten. Wenn mazedonische Familien Badeurlaub machen wollen, fahren sie nach Griechenland, nach Thessaloniki. Oder aber nach Ohrid (das „h“ wird gesprochen wie das „ch“ in „Krach“) an den Ohrid-See. Quer durch den Ohrid-See verläuft die Grenze zu Albanien, man kann in Ohrid Baden, Angeln, Boot fahren, Wandern und – Kirchen gucken.

 

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Nicht umsonst ist Ohrid Weltkulturerbe, denn der Ort verfügt über eine der größten Kirchenhaus-Dichten der Welt. Es sind genau 365 Kirchen im Stadtgebiet, teilweise sehr kleine Kapellen, für jeden Tag im Jahr eine. Auf meiner „Wanderkarte“ im Ortszentrum konnte ich nicht nur die Fußpfade rund um Ohrid erkennen, sondern auch einige Kirchen. Überall, wo ein „SV“ davorsteht, ist eine Kirche dahinter. „SV“ ist die Abkürzung für „Sveti“ = Heilig. Als kölscher Jung aus dem hillije Kölle ging ich also im russich-orthodox-heiligen Ohrid.

 

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Schon der stadnahe Fußweg am See entlang ist höchst interessant. Es geht über Holzbohlen direkt über das Wasser. Eins schöner Auftakt für meine kurze Wohlfühl-Wanderung. Denn auch meine BÄR-Schuhe lieben die Abwechslung, immer nur Waldboden ist auf Dauer ja auch öde. In und um Ohrid kann man auf Felsen, Holzbohlen, Graspfaden und Waldwegen gehen. Wanderuntergrundabwechslung pur, das hat Premiumwegqualitäten. Man beachte übrigens auch die originelle Laterne am Seeweg. Nicht nur Norwegen beleuchtet seine Wanderwege!

Schon bald ist am Ohrid-See die erste Kirche erreicht …

 

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Sveti Jovan Kaneo ist aber nicht irgendeine Kirche, sondern Dank des wunderbaren Ensembles und der phantastischen Lage eine Art Wahrzeichen von Ohrid, wenn nicht von ganz Mazedonien. Im besten Reiseführer von Mazedonien aus dem Trescher Verlag ist auf jeden Fall Sveti Jovan Kaneo aus fast genau derselben Perspektive auf der Titelseite abgebildet. Nur fehlt der vorwitzige BÄR-Schuh im Vordergrund, das hat der Buch-Verlag leider vergessen.

 

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Ich bin dann kreuz und quer durch den Wald oberhalb von Ohrid gewandert, meistens mit atemraubenden Blicken über den ganzen See bis hinüber nach Albanien. Tolle Pfade und sauschöne Ausblicke sind aber bei jeder Wanderung nur die halbe Miete. Was fehlte zu einem kompletten Wandervergnügen war natürlich das Belohnungsbier. Und das sollte man im schönsten See-Lokal von Ohrid genießen.

 

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Skopsko heißt der heimische Gerstensaft. Kann man sich gut merken: Hauptstadt Skopje, Hauptbier Skopsko. Jetzt fragt Ihr Euch, wo denn das Skopsko auf dem Bild zu sehen ist. Ha, das Foto habe ich VOR der Bestellung gemacht, damit ich mich anschließend voll und ganz auf den Belohnungsbiergenuss einstellen kann. Skol, Santé, Cheerio, wie man in Mazedonien sagt!



Schengen grenzenlos

Geschrieben am um 7:41

Meine Bär-Schuhe sind ziemlich international aufgestellt. Allein in den letzten Monaten sind sie in England, Mazedonien, Norwegen, Frankreich, Holland und im Saarland unterwegs gewesen. Wandern ohne Grenzen, Wandern in vielen europäischen Ländern. Da liegt es nah, sich mal einen total grenzenlosen Wanderweg vorzunehmen.

 

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Wo könnte man schöner grenzenlos Wandern als in dem Ort, der wie kein anderer für das vereinte Europa steht: Schengen an der Obermosel, seit den berühmten Abkommen von 1985, 1990 und 1995 der Inbegriff für die Europäische Union. Wenn man an der Schengener Tourist-Information am Ufer der Moselle steht, kann man sich nicht vorstellen, dass ein klar denkender Mensch gegen diese EU sein könnte. Aber wie es Täler und Berge gibt, so scheint es politische Wellenbewegungen zu geben: Mal für mehr, mal für weniger Internationalismus, Völker hört die Signale!

 

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Aber muss man wegen der EU-Kritik unbedingt wie in der Schengener Tourist-Information die EU-Flagge in die Tonne kloppen? Kinder, so geht das aber nicht!

Die grenzenlose Traumschleife von Perl ist nicht lang, 7,7 Kilometer inklusive dem Zuweg ab der Mosel, aber es sind ein paar gemeine Steilstücke darunter. Gute Kondition ist am Dreiländereck gefordert. Und dass die Region nicht immer grenzenlos war, kann man an einem alten Grenzstein erkennen, der die Grenze von L-iechtenstein markiert.

 

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Ach nein, Quatsch, das war ja das andere Steuerparadies mit „L“. Wir wandern natürlich von Luxemburg rein nach Frankreich, wahrhaftig grenzenlos. Hoffen wir, dass das auch nach der französischen Präsidentenwahl so bleibt. Im Fall eines Wahlsiegs könnte ja Madamm Lö Päng eine Mauer rund um die Grong Nation ziehen – und dann ist Feierabend mit „sans frontières“.

Wir wandern also auf französischem und luxemburgischem Staatsgebiet, Deutschland liegt auf der anderen Moselseite.

 

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Beim Blick auf das wunderschöne Perl kann man allerdings verstehen, warum dieser Ort die am stärksten wachsende Gemeinde im Saarland ist. Oder könnte es daran liegen, dass die Immobilienpreise doch ein klein wenig günstiger als im Herzogtum sind? Tanken in Luxemburg, wohnen in Perl, das scheint die – Achtung Wortspiel – DEVISE zu sein. Dass allerdings kein Luxemburger auf der französischen Seite wohnen will, ist auch klar.

 

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Denn wenn man genau hinschaut, sieht man auf der Traumschleifen-Wanderung die vier fröhlich rauchenden Kühltürme der VIER Atomreaktorblöcke von Cattenom. Die Saarländer schauen immer nach, ob auch alle vier Türme schmauchen. Mal nachzählen: Eins, zwei, drei … Huch! Nach der Wanderung erfahre ich im Netz, dass es einen Tag vor meiner Wanderung eine der fast täglichen Zwischenfälle gegeben hat. Ein Block wurde ausgeschaltet, weil es ein kleines Feuer gegeben hat. Oh, la, la, pas de problème! Schulterzucken auf Französisch, deshalb hat man doch VIER Reaktoren, damit ein bis drei auch ruhig mal ausfallen können.

Ohne größere Strahlenbelastung kehre ich zurück zum Moselufer und gönne mir noch einen Riesling von der luxemburgischen Obermosel.

 

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Die Zukunft der EU wird in Schengen durch drei kommunizierende Röhren mit sehr sehr vielen Sternen symbolisiert. Und da die meisten der unzähligen Sterne rot leuchten, gehe ich davon aus, dass der Beitritt von Russland in die EU unmittelbar bevorsteht. Dann kann man demnächst bis zum Pazifik grenzenlos wandern.



Mit meinen Bär-Schuhen in Norwegen

Geschrieben am um 6:16

Wanderer, kommst Du nach Norwegen, musst auf den Preikestolen wandern. Dieser Fels ist wie kein anderer Fels auf der Welt, die Felskante stürzt steil 604 Meter hinab bis zur Wasseroberfläche des Lysefjord. Der Preikestolen, zu deutsch Predigtstuhl, ist allerdings kein Geheimtipp. Es gibt wahrscheinlich keinen Norweger, der nicht zu diesem Felsen an der Westküste Norwegens gewandert ist. Und man MUSS wandern. Genau 4.000 Meter hinauf zu dem großen Stein. Denn es fährt keine Seilbahn und keine Zahnradbahn zu diesem Felsen, der Anstieg ist sogar durchaus anspruchsvoll.

 

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Da ergibt es sich zwangsläufig, dass man andere Wanderer überholt. Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt war auf den Beinen, um den Preikestolen zu erklimmen. Ich habe Menschen aus allen Herren Ländern gesehen, mit hochroten Köpfen – wegen der Anstrengung. Russen, Engländer, Holländer, Deutsche, Schweizer, Tschechen, Amerikaner, Asiaten. Und natürlich Norweger. Die Frage ist natürlich, warum ich relativ schnell auf dem sehr anspruchsvollem Weg unterwegs sein konnte. Ihr werdet es schon geahnt haben: Mein exzellentes Schuhwerk hat mir wahrhaft Flügel verliehen.

 

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Denn der Weguntergrund war alles andere als einfach. Normale Waldwege und Bohlenwege gab es auch. Aber die meiste Zeit ging es über Felsbrocken, die man als eine Art Treppe nutzen konnte oder über gigantische, flache Felsplatten. Dazu ab und zu ein glasklarer Gebirgssee und immer wieder Aussichten zum Niederknien. Nicht umsonst haben auch die Beatles dereinst der norwegischen Flora mit „Norwegian Wood“ einen eigenen Song gewidmet. Die Ausschilderung des Weges hinauf zum Preikestolen ist mehr als perfekt.

 

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Immer wieder gibt es Info-Tafeln, die anzeigen, wie weit man schon gekommen ist. Es gibt vier gößere Anstiege hinauf zum norwegischen Super-Felsen, wobei der dritte Anstieg, ein sehr steiles alpines Stück, schon ein regelrechter Scharfrichter ist. Als zusätzlichen Service hat man Hinweispfähle in den Boden gerammt, die auf 50 Meter genau anzeigen, was man schon geschafft hat, und wie weit man noch zu laufen hat.

 

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Und ich muss sagen, dieser Markierungs-Service hat bei mir regelrechte Glücksgefühle ausgelöst. Hilfreich waren die Pfähle vor allem, als das Schlimmste überstanden war (der dritte Anstieg!): 1.050 Meter, 700 Meter, 450 Meter, 200 Meter. Das war ein tolles, ein erhebendes Gefühl, Wanderglück pur.

 

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Dann also auf dem Fels-Giganten. Schnell wollte ich ein Ich-war-auf-dem-Preikestolen-Beweisfoto haben und drückte meine Kamera einer Amerikanerin in die Hand. Dabei habe ich der Fotografin ganz klare Anweisungen gegeben. „Do you have also the shoes in the sucher?“ Ja, hatte sie, sehr fein gemacht. Und dann? Wie vertreibt man sich denn die Zeit auf dem norwegischen Super-Felsen?

 

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Man könnte ja ein Picknick an der Felskante machen, so wie es viele asiatische Familien praktiziert haben. Problem 1: ich hatte nichts zu essen dabei. Problem 2: Alleine Picknicken macht einsam. Problem 3: Ich wollte bloß weg vom Preikestolen. Warum? Weil ich Höhenangst habe, schreckliche Höhenangst. Und ich kann nicht verstehen, warum ein so reiches Land wie Norwegen es nicht schafft, ein stabiles Geländer an die Felskante zu bauen.

 

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Das Problem ist nämlich, dass sich meine Höhenangst auch auf andere Menschen bezieht. Wenn ich also sehe, wie an der Felskante junge Menschen für ein lausiges Smartphone-Foto an der Felskante herum turnen, wird mir blümerant. Da könnte doch ein Windstoss kommen, und die runter fegen. Oder es gibt Blitzeis und sie stürzen ab. Oder da liegt ne Bananenschale rum, die eine asiatische Familie bei ihrem Picknick vergessen hat, und sie stürzen 604 Meter in die Tiefe…

So schnell ich konnte, trugen mich meine BÄR-Schuhe wieder zurück zum Ausgangspunkt. Und auf dem Wanderweg fühlte ich mich auch wieder sicher.



Meine Bär Schuhe unterwegs in … Cornwall

Geschrieben am um 7:12

Ich bin mal wieder in der großen weiten Welt gewandert: In Cornwall. Bitte verschont mich mit Eurer ersten Assoziation zu Cornwall: Ah, Du bist also Rosamunde-Pilcher-Fan. NEIN! Obwohl ich gar nichts für oder gegen diese Frau und ihre Bücher/Filme habe. Ich kenne sie einfach nicht. Für mich als Literaturliebhaber ist Cornwall vielmehr das Daphne-Du-Maurier-Land. Rebecca! Die Vögel! Jamaica Inn! Wilde Klippen, tiefe Gefühle, rauhe See. Und genau dort wollten meine Bär-Schuhe wandern.

 

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Mein erstes Wanderlebnis in Großbritannien hatte ich in Schottland. Die Geschichte ist in den Gesammelten Wanderabenteuern beschrieben. Viele schwärmen von den Highlands, ich finde es da eher öde. Lieber Hunsrück als Highlands. Aber in Cornwall an der Südküste auf dem Coast Path zu wandern, das ist auf jeden Fall ganz großes Wanderkino.

 

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Schmale Pfade, naturbelassen, manchmal mit Gras-Untergrund. Schon die pure Wegequalität der alten Schmuggler-Pfade ist absolut premiumwürdig. Was aber (zum Beispiel) der Hunsrück nicht zu bieten hat sind diese Blicke auf’s Meer, auf Buchten, auf Felsen, auf Brandung, auf kuschelige Piratenstädtchen. Natürlich muss man immer mal wieder – vor allem wenn man quasi ein See-BÄR ist – den Blick zum Horizont schweifen lassen.

 

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Denn mit dem Auftauchen der spanischen Armada ist an den Gestaden England jederzeit zu rechnen. Und auch den Franzosen ist nicht zu trauen, wie überhaupt diesen ganzen Festlandvölkern, die sich zur EU zusammen geschlossen haben. Dass der politische Kampf um den Brexit auch auf den britischen Wanderwegen angekommen ist, kann man unschwer an einer Tafel erkennen, die die Geldgeber des Landschaftsschutzes am Coast Path würdigt.

 

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Tja, da hat wahrscheinlich Boris Johnson himself wütend die EU-Flagge ausgekratzt. Aber nur mal zur Info, liebe Brexiteers: Die EU, also wir alle, haben diesen wunderschönen Weg mitfinanziert und das ist auch gut so. Aber diesen Fakt macht man nicht ungeschehen, inden man mit dem Hausschlüssel EU-Fahnen unkenntlich machen will. Außer man ist entweder geistig nicht zurechnungsfähig oder extrem infantil. Oder man hat den Tunnelblick.

 

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Klar, diesen Tunnelblick kann man auch auf dem Weg von Looe nach Polperro bekommen, weil wie auf einem Gemälder von Caspar David Friedrich die Gewächse am Wegesrand eine romantische Laube bilden.

Ich erwähnte schon, dass sich Daphne du Maurier in ihren Büchern literarisch an der Küste von Cornwall abgearbeitet hat. Aber bei meinen Wanderungen auf dem Coast Path musste ich auch immer wieder an die literarischen Meisterwerke einer anderen englischen Autorin denken.

 

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Diese einsamen unbewohnten Inseln. Die Schmuggler-Höhlen. Die schroffen Strände. Ich musste sofort an das „Geheimnis um ein blaues Boot“ denken. An die Insel der Abenteuer. An fünf Freunde und die Felseninsel. An fünf Freunde auf Schmugglerjagd. Von wegen Rosamunde-Pilcher-Land, Cornwall ist Enid-Blyton-Country. Und der Blick auf das dunkle Eiland erinnerte mich auch ein klein wenig an Tim und Struppi und die schwarze Insel. Aber das ist natürlich Quatsch, denn diese Geschichte spielt nun nachweislich in Schottland und nicht in Cornwall.



Merry Ferry Hall Walk

Geschrieben am um 7:57

Preisfrage: Was haben die Traumschleife „Tafeltour Saarschleife“ und der Hall Walk in Fowey (Cornwall) gemeinsam?

 

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Antwort: Richtig, beide Wandertouren haben eine Fahrt mit der Fähre inklusive, ohne Fähre werden diese Rundwanderwege nicht rund.

Ich hatte im Reiseführer gelesen, der Hall Walk in Fowey (gesprochen Foi, die Engländer haben die Angewohnheit, mit Buchstaben, die man gar nicht braucht, sehr verschwenderisch umzugehen, oder warum braucht man das lange Wort „Leicester“ wenn es auch „Läster“ tun würde?) sei einer der 100 schönsten Kurzwanderungen in Großbritannien. Leider waren die 99 anderen Wege nicht aufgezählt. Auf jeden Fall ist der Hall Walk der ungekrönte Meister aller Fährenwanderungen, denn man muss im Gegensatz zu der kleinen Fähre über die Saar sogar zweimal mit der Fähre fahren.

 

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Mit der Stadtfähre setzt man von Polruan nach Fowey über, später dann mit der Autofähre (auch als Wanderer immer den Linksverkehr beachten!) hinüber zur Traditionsgaststätte Old Ferry Inn in Bodinnick. Und beim Fährefahren immer schön singen „Ferry, cross the mersey“ von Gerry and the Pacemakers. Okay, Fowey ist nicht Liverpool aber Fähren sind bei diesem Inselstaat mit den vielen Schären und Fjorden ein Nationalheiligtum.

 

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Taugt denn der Weg was? Klare Sache: yes! Jede Menge Aussichten, tolle Pfade, und auf dem Weg ist auch jede Menge Volk unterwegs, meistens Engländer. Der Engländer an sich macht ja gerne Ferien im eigenen Land, was soll man auch nach Europa fahren, da muss man sich ja an Rechtsverkehr, Steckdosenadapter, Kilometer-Masseinheiten und Abzocke mit dem Euro gewöhnen. Aber die wandernden Engländer scheinen eben auch den Hall Walk für eine wanderbare Besonderheit zu halten. Dem Andrang entsprechend sind die englischen Wanderhütten dimensioniert…

 

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Aber, ich wiederhole mich gerne, die Aussichten von diesem Weg sind wirklich phantastisch. Oder etwa nicht?

 

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Und wenn man es sich so richtig gemütlich machen will auf diesem Weg, dann sollte man unbedingt eine Pause auf einer britischen Sinnebank machen. Good walk!

 

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Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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