Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Geheimnisvoller Lemberg

Geschrieben am um 6:23

Es ist wie früher bei Enid Blyton, am Lemberg gibt es jede Menge geheime Geheimnisse:

Geheimnis um … den Weg des letzten Jahres

Geheimnis um … den Inhalt des Berges

Geheimnis um … Union

Geheimnis um … den schönsten Naheblick

Geheimnis um … die ekligen Raupen

Geheimnis um … einen halbtrockenen Silvaner

Geheimnis um … den Saumagen

Geheimnis um … den zweitschönsten Naheblick

Geheimnis um … Helmut Hütchen

 

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Geheimnis um … den Weg des letzten Jahres

Das erste Geheimnis ist schnell gelöst: Letztes Jahr sind wir auf der anderen Naheseite gewandert. Ich bin zunächst desorientiert, weil ich Oberhausen mit Niederhausen verwechselt habe, aber dafür habe ich einen ortskundigen Guide dabei. Marian Ristow ist der rasende Reporter des Nahelands und wir wollen den nigelnagelneuen Premiumweg Geheimnisvoller Lemberg erwandern. Die Erwartungslatte liegt extrem hoch: 90 Punkte hat der Weg vom Wanderinstitut bekommen

 

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Geheimnis um … den Inhalt des Berges

Das ist bei dieser Wanderung wirklich magic. Noch nie bin ich bei einer Weinwanderung auf die Verbindung von WeinBERG und BERGbau gestoßen. Und das Geile ist: Die Besucherbergwerksgastronomen betreiben einen Kleinstweinanbau auf 0,07 Hektar. Und der Bergwerksweinberg-Riesling kann einiges!

 

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Geheimnis um … Union

Das waren noch Zeiten, als für Kohle Werbung gemacht wurde.

 

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Geheimnis um … den schönsten Naheblick

Da streiten sich die Experten (siehe Geheimnis um … den zweitschönsten Naheblick)

 

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Geheimnis um … die ekligen Raupen

Uiuiui. Zuerst denkt man, och, ganz niedlich diese Raupen, die Raupe Nimmersatt ist ja auch ein tolles Kinderbuch. Dann sieht man aber die zerfressenen Blätter an den niedrigen Eichenbäumen und realisiert: Das sind aber ganz schön viele Raupen. Wikipedia identifiziert die kleinen Biester als Eichenprozessionsspinner, die tatsächlich so heißen, weil sie wie eine marodierende Wandertruppe in einer Gruppe von 20 bis 30 Raupen „im Gänsemarsch“, so heißt es auf wikipedia, auf Nahrungssuche gehen. Wir hatten noch Glück, denn bei uns zeigten sich keine Hautausschläge, schaut Euch die Quaddeln auf den Unterarmen, die die kleinen Widerlinge anrichten können, besser nicht im Internet an. Ich finde Artensterben generell nicht so toll, aber diese Art darf gerne übermorgen aussterben, da hätte ich nichts dagegen.

 

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Geheimnis um … einen halbtrockenen Silvaner

Der Höhepunkt im wahrsten Sinne: Die Lemberghütte nahe des Gipfels (übrigens ist der Lemberg der höchste Berg im ganzen Naheland). Der ehrliche Schoppen kam vom Weingut Korz in Feilbingert, einem Ort direkt am Premiumweg.

 

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Geheimnis um … den Saumagen

Da die Lemberghütte eine Hütte des Pfälzer Waldvereins ist (PWV-Hütte) darf der gepflegte Saumagen mit Sauerkraut und Bratkartoffeln nicht fehlen. Skandal: Marian hat noch nie Saumagen gegessen – bis heute.

 

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Geheimnis um … den zweitschönsten Naheblick

Die einen sagen so, die anderen so (siehe Geheimnis um … den schönsten Naheblick)

 

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Geheimnis um … Helmut Hütchen

Dieses finale Geheimnis gilt hiermit als gelüftet!



St. Martin – Weinwandern – Pfalz – Die Zweite

Geschrieben am um 6:23

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Wir gingen zum sogenannten Dichterhain. Die Portraits vieler regionaler Wortakrobaten sind dort im Buntsandstein verewigt, eine Art pfälzisches Mount Rushmore. Das Beste am Dichterhain war allerdings der Wein vom Weingut „Altes Schlößchen“ in St. Martin.

 

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Mit dem Unimog war der Winzer auf den Waldweg gefahren, ich befürchte fast, dass er nicht jedes Wochenende am Dichterhain mitten im Wald steht. Eigentlich schade. Denn es hatte den Anschein, als ob die Wandergruppe sich festgetrunken hätte. Alle acht Probierflaschen wurden geleert, aber der Stoff war auch wirklich vorzüglich.

 

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Christian Hormuth präsentierte am Dichterhain eine gelungene Helmut-Kohl-Parodie. Der ehemalige Bundeskanzler aus der Pfalz war ja bekennender Weintrinker und so musste er öfter mal seine Frau Hannelore bitten, bei der Rückfahrt am Steuer zu sitzen – die Pointe der Geschichte verrate ich aber an dieser Stelle nicht …

 

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Wir wanderten weiter und wurden durch die rot-weiße Markierung des Pfälzer Weinsteigs begleitet. Der Pfälzer Weinsteig führt von Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze bis nach Bockenheim an der Weinstraße. 172 Kilometer Wandergenuss, der Pfälzer Weinsteig ist ein Qualitätsweg. Wir liefen durch typisch pfälzische Kiefernwälder. Christian ging neben mir und erweiterte meinen pfälzisch-deutschen Wortschatz, ich notierte alles fleißig in mein Vokabelheft. Wir gingen bergab an einem Bachlauf entlang und dabei tatsächlich – wie in dem berühmten Lied von Karat (später gecovert von Peter Maffay) – über sieben Brücken.

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Am Bellachini-Brunnen erwartete uns die vierte Station mit exzellenten Weinen. Bellachini, so erzählte es Christian Hormuth sehr lebendig, war ein international bekannter Zauberer, ein gebürtiger St.Martiner, der angeblich den Trick der schwebenden Jungfrau erfunden hat.

 

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Für die Verzauberung der Weinwanderer sorgte Weinprinzessin Daniela vom Weingut Alfons Hormuth mit einem Grauburgunder. Bisher unbekannt, dass eine Levitation, ein tatsächlicher Schwebezustand also, auch von pfälzischem Wein hervorgerufen werden kann. Ganz ohne Bellachini und ohne Jungfrau. Auf dem sogenannten Kuckucksweg wanderten wir hinunter Richtung Ort, bogen aber, bevor wir das Zentrum erreichten, noch einmal in die Weinberge ab.

An der sogenannten Haardtmadonna, einer farbenprächtigen Mutter-Gottes-Skulptur, erwartete uns das Weingut Alfons Ziegler. Wir probierten einen Rosé, passend zur rötlichen Färbung durften wir köstliche frische Erdbeeren verzehren.

 

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Unsere Blicke schweiften durch die Weinberge und immer wieder über die hügelige Landschaft zwischen Pfälzer Wald und Vater Rhein. Es existieren übrigens verschiedene Legenden, warum St.Martin St.Martin heißt. Gesichert ist, dass weder der Bettler noch der heilige Mann Pfälzer waren. Am wahrscheinlichsten ist, so hat es mir Christian erzählt, dass fränkische Siedler ihren Lieblingsheiligen in die Pfalz importierten und einen ganzen Ort nach dem Helden des 11. November benannten.

 

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An der letzten Station unserer Wandertour standen wir an einer Weinkelter am Weinlehrpfad. Ausschenkende Winzerei ist das Herrengut St. Martin. Wir tranken einen göttlichen Merlot, der gehört in Zukunft in meinen Weinkeller. Durch die pittoresken Gassen von St. Martin wanderten wir zurück bis zur Alten Kellerei.

Die abschließende Lesung war eine ziemliche Herausforderung. Dass im Publikum getuschelt wurde, ist verständlich, man musste sich ja ausgiebig über die sechs verkosteten Weine austauschen, das konnte ich verstehen. Und meine Artikulation passte sich problemlos dem sanften Pfälzer Dialekt an, etwas vernuschelt und verstolpert, aber noch ganz okay. Als es darum ging, ein Fazit des Tages zu ziehen, waren sich alle einig: Das war eine perfekte Weinwanderung, herausragend von Christian Hormuth organisiert, geniale Weine plus die großartige Landschaft rund um St. Martin. Meistens ist es eben doch schöner, in einer Gruppe zu wandern.



St. Martin – Weinwandern – Pfalz

Geschrieben am um 6:23

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Ich werde oft gefragt, ob ich als Wanderer eher Solist bin oder Gruppen bevorzuge. Ich antworte dann meistens ausweichend, dass ja beides einen ganz besonderen Reiz habe. Auf meinen meisten Weinwanderungen bin ich jedenfalls alleine unterwegs, um mich auf Landschaft und Weinbau zu konzentrieren. Mitte Mai hatte mich Christian Hormuth, ehrenamtlicher Chef des örtlichen Tourismusvereins netterweise nach St. Martin eigeladen, einem Winzerort (25 Weingüter!) an der südlichen Weinstraße. Die Weinwandertruppe bestand aus 25 Teilnehmern aus verschiedenen deutschen Regionen: Saarland, Franken, Rheinhessen, Pfalz, lustigerweise alles Landstriche, in denen Wein angebaut wird. Start war an der Tourist Information und schon auf den ersten paar hundert Metern ging es ziemlich steil hinauf Richtung Weinberge. Kaum waren wir so richtig in Schwung gekommen, war auch schon die erste Wein-Station mit Ausblicken über die Rheinebene erreicht. St.Martin liegt genau an der Grenze zwischen dieser offenen Landschaft Richtung Rhein (der aber noch etliche Kilometer entfernt fließt) und den üppig bewaldeten Hängen der Pfälzer Walds. Richtung Norden kann man sogar Schloss Hambach erkennen.

 

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An der ersten Station tranken wir einen frischen fruchtigen feinherben Riesling vom Winzer Winfried Seeber. Es ist ein Wein des Jahrhundertjahrgangs 2018 und dementsprechend ein richtiger Kracher! Das Weingut Winfried Seeber war 2017 das beste internationale Bio-Weingut und das beste Bio-Weingut Deutschlands.

 

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Bioweinbau gilt ja als ziemlich arbeitsintensiv verglichen mit konventionellen Weinbau, ein Stichwort ist die Schädlingsbekämpfung. Aber wenn man sich trotz dieses Aufwands das Preis-Leistungs-Verhältnis anschaut, fällt man von Hocker, wäre ein Hocker vorhanden. Die Flasche kostet 5,20 Euro, vergleicht das mal mit den Preisen und vor allem der Qualität im Supermarktregal!

 

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Christian Hormuth, Winzer im Nebenerwerb aus St.Martin, war unser Weinwanderführer und erklärt, wie der Chemie-Gigant BASF (das Werk in Ludwigshafen kann man noch gerade so am dunstigen Horizont erkennen) vor einigen Jahren eine geniale Idee hatte. Ein schlimmer Feind der Reben ist nämlich der Traubenwickler, einer Schmetterlingsart, die sich mangels Seh-Apparatur (sie haben eben keine Augen) nur über Gerüche orientiert. Und sein Weibchen findet der männliche Traubenwickler nur über den Duft, den das Weibchen verströmt. Exakt diesen Duft hat nun die BASF kopiert, in jeder fünften Rebreihe hängen die kleinen braunen Pheromon-Kapseln und der Traubenwickler kann sich nicht mehr vermehren, zum Wohle der Traube.

Ein anderes interessantes Detail von Weinwanderführer Christian: Die Pfalz ist nicht nur eines der größten Weinanbaugebiete Deutschlands, sondern auch der nationale Gemüsegarten. Christian erzählte, dass 80 Prozent aller deutschen Radieschen pfälzischer Herkunft sind. Ich hatte die Prozentzahl zunächst akustisch nicht verstanden (am Wein kann es nicht liegen, es ist ja die erste Station). Geduldig wiederholte Christian: „Acht-zig Pro-zent“ und fügte noch hinzu: „Für unsere saarländischen Freunde, das sind genau vier Fünftel!“ Respekt, dass ein Pfälzer einem Saarländer ein derart abstraktes mathematisches Denken zutraut.

 

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Wir gingen weiter durch die Weinberge und erreichten schon bald auf einer Wingertsterasse (Wingert = Weingarten) unterhalb der Kropsburg die zweite Station. Eine wiederum eher kurze „Wander“-strecke, der Schwerpunkt liegt bei dieser Weinwanderung eindeutig auf dem Weingenuss. Wir trinken einen Sauvignon 2016, der im Barriquefass ausgebaut wurde. Der Winzer sagte: „Der Wein bekommt durch den Barrique sein Rückgrat.“ Wenn man sich also einen Wein als Körper vorstellt, verhilft das Barrique-Rückgrat nicht nur zu einem geraden Rücken, sondern garantiert auch ein langes Leben. Denn noch in sieben, acht Jahren kann man diesen Weißwein mit der starken Wirbelsäule problemlos verkosten.

 

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Christian Hormuth hatte sich noch ein ganz besonderes Schmankerl für die zweite Wein-Station ausgedacht. Passend zur grandiosen Location intonierte er die pfälzische Nationalhymne: „Oh Pfälzer Land, wie schön bist Du“. Der Liedvortrag war so gefühlvoll, dass sogar alle Saarländer berührt waren.

 

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Wir gingen weiter, am Eingangsportal der Kropsburg vorbei, in den Wald hinein. Am Wegesrand wird der Leidensgeschichte von Jesus Christus gedacht, wir befinden uns also nicht auf dem Holzweg, sondern auf einem Kreuzweg. Und diese Kreuzwege haben die Eigenschaft, jedem Wanderer seine individuelle Leidensgeschichte zu bescheren, denn sie sind immer ziemlich steil. Die Weinwandertruppe erreichte eine Freiluftkirche, die Lourdesgrotte von St.Martin. Man kann sich also die weite Pilgerreise nach Frankreich sparen, auch in der Pfalz werden Wunder wahr. Nächste Woche gehe ich weiter in der Pfalz …



Weinwandern auf dem Moselsteig

Geschrieben am um 6:23

Am 13. und 14. April findet traditionell die Weintour in München statt, letztes Jahr war die erste Veranstaltung. (ihr wisst, für die Kölner ist alles, was zum zweiten Mal stattfindet, Tradition, ab dem dritten Mal nennt man es – Brauchtum). Kurz zur Weintour: das ist die einzige deutsche Weinmesse, die die Weine und Winzer der 13 deutschen Anbaugebiete präsentiert. Mit wenigen Schritten kann man von Sachsen in die Pfalz, von Baden zum Mittelrhein wandern und Weine verkosten. Ein einmaliges Erlebnis!

 

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Im letzten Jahr lernte ich Volker bei der Weintour in München kennen. Ich fand es sensationell, dass wir uns schon in der Messehalle für eine herbstliche Weinwanderung an der Mosel verabredeten. An der Rabenlay bei Hatzenport traf ich den dynamischen Münchener (der kein Bier mag!) mit seinem Kumpel Thomas, die beiden waren schon eine Weile unterwegs auf dem Moselsteig. Nach den ersten Kilometern (ohne Wein) dürstete es uns und im Dorf Moselsürsch entdeckte Volker im Innenhof eines Handwerkbetriebs einen Wasserhahn. Dort würde er sich Wasser abfüllen, sagte Volker, das würde er auf Wanderungen immer so machen, natürlich nicht ohne zu fragen.

 

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Was folgte war eine äußerst interessante Unterhaltung mit Schreinermeister Oster, der auch noch mit über 80 Jahren jeden Tag mit Säge und Hobel werkelt. Eines seiner Bauwerke, die Holztreppe zum Ausoniusstein, haben wir einen Kilometer hinter Moselsürsch bewundert und unter die Füße genommen.

 

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Der Aussichtspunkt am Ausoniusstein, benannt nach dem Privatlehrer des Sohnes von Kaiser Valentinian I. in Trier (mehr zu Ausonius in meinem Buch „Schritt für Schritt“, Kapitel „Als römischer Legionär auf dem Ausoniusweg“), schrie geradezu nach einem Picknick.

 

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Da ich in meinem saarländischen Weinkeller keinen adäquaten Moselwein gefunden hatte, haben wir einen Riesling des VDP-Weinguts Prüm von der Mosel getrunken – erworben bei ALDI Süd. Ein köstliches Picknick, das fanden auch die beiden bayerischen Naturburschen.

 

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Zum Ende unserer Tour wagten wir uns noch an eines der letzten großen Outdoor-Abenteuer. Die Begehung des Würzlaystiegs bei Lehmen. Alle Achttausender besteigen, 300 Kilometer am Stück wandern, Freeclimbing an der Steilwand – alles Kindergeburtstag im Vergleich zum Würzlaystieg.

 

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Daher war ich nach all dem Auf und Ab auf den Pfaden des Würzlaystiegs froh, eine Info-Tafel zu finden, an der ich festen Halt fand. Ich heuchelte Interesse an den Informationen zu Mosel, Schleuse und Weinberg, hatte aber eigentlich nur im Sinn, wieder Luft zu bekommen.

 

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Aber Lehmen nahte und damit eine (spontane) Weinprobe bei Winzer Hermann Dies. Sehr sehr nette Leute und großartige Weine mit einem sensationellen Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch Volker und Thomas hatten genug vom Wandern und beendeten ihre Etappe in Lehmen. Mein Vorteil war allerdings, mit der Bahn angereist zu sein, so dass ich eine ganze Kiste Riesling Spätlese an die Saar mitnehmen konnte. Mehr über die Wein-Tour mit den bayerischen Wanderern erzähle ich live auf der Weintour in München.

 

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Übrigens, wem die Weintour in München zu weit ist, kann sich die folgende Weintour-Termine vormerken. Am 19. + 20. Oktober erstmals in Essen, am 16. + 17. November schon zum fünften Mal in Hamburg. Voll das hanseatische Brauchtum, diese Weintour!



Wadoko reloaded

Geschrieben am um 7:34

Vor einigen Monden beschrieb ich in meinem zweiten Wanderbuch mit dem schlichten Titel „Wandern“, wie ich mit einer munteren Männerrunde das Doppelkopf-Spiel mit dem Wandern zum Wadoku verbinde. Das ist anregender für Körper UND Geist als jedes Sudoku.

Am zweiten Januarwochenende zockten und wanderten wir in und um Birresborn/Eifel, einem kleinen Ort im Kylltal bei Gerolstein. Sehr intensiv haben wir die Wanderwege und Ausblicke genossen, allerdings erst nach ausdrücklicher Aufforderung.

 

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Und ihr da draußen, könnt jetzt auch schauen. In den Wald. Na los, wird’s bald!!!!

SCHAU! IN! DEN! WALD!

 

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Das absolute Highlight der Region, im Wald oberhalb von Birresborn, sind die Eishöhlen. Das Tolle ist: diese Höhlen sind nicht nur begehbar, es sind auch richtige Höhlen. Höhlen-Höhlen sozusagen, also mit superdunkel, Kopfstoßgefahr und jeder Menge Fledermäuse, die Peter und mir um die Ohren zischten.

 

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Wir haben schließlich eine Wegesperrung ignoriert, das war gaaanz schlecht ….

 

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… denn wir wurden zwar nicht von Bäumen erschlagen (auch Waldarbeiter haben ein Recht auf Wochenendruhe), aber wir haben uns in Ermangelung eines wirklich professionellen Wanderführers hoffnungslos verlaufen. Die Belohnung war, auf dem letzten Kilometer bis Birresborn an einer romantischen regennassen Landstraße mit Eifelrasern nicht unter 180 Ka-Emm-Ha entlang zu wandern.

 

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Aber dann haben wir wieder Doko gespielt, und ich habe wirklich JEDE Runde gewonnen. An Erfahrung.



IVV Wandern

Geschrieben am um 8:19

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Für die große Wanderland-Ausstellung in Nürnberg (Germanisches Nationalmuseum, noch bis zum 28. April) sollte und wollte ich einen Beitrag zu IVV-Wanderungen schreiben. Dann fiel mir auf, dass ich noch nie an einem solchen Ereignis teilgenommen habe. Das habe ich sofort geändert.

 

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Bei einer IVV-Wanderung wird nichts dem Zufall überlassen. Für jede Strecke (6, 10, 15 Kilometer und ein Halbmarathon) werden ellenlange Plastikbänder um die Bäume geschlungen. Auch so geht unverlaufbar. Eindeutig stammen die IVV-Wanderungen aus dem Pleistozän des Genusswanderns. IVV-Wanderungen sind – zumindest was die Unverlaufbarkeit angeht – „Premiumwege“ für einen Tag.

 

 

 

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Man muss sich aber bei einem IVV-Wandertag nicht schon am Start auf die Streckenlänge festlegen. Ein kleiner Vorteil vom IVV zum Premiumweg. Beim IVV gibt es immer die Wahlmöglichkeit, sozusagen eine urdemokratische, eher altliberale Form des Wanderns. Wenn ich mich bärenstark fühle, gehe ich eben noch ein paar Kilometer mehr. Wenn nicht, dann wähle ich den schnelleren Heimweg

 

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Was auffällt: Der IVV-Wanderer ist generell eher solitär unterwegs. Man darf sich nicht täuschen. Beim IVV-Wandern wird nicht das teilweise geschwätzige, aber immer gemütliche Vereinswandern zelebriert. Ich dachte mir nach zwei Kilometern: Den Opi vor mir hast Du doch an der übernächsten Biegung ein- beziehungsweise überholt. Nix da. Beim IVV-Wandern wird richtig Tempo gebolzt.

 

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Aber es gibt Gott sei Dank auch kurze Boxenstopps. Man muss sich durch einen Stempel legitimieren, dass man den Posten passiert hat. Ich bekam einen Schlumpf-Stempel. Und dazu noch einen warmen, süßen Tee. Das war himmlisch.

 

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Und zurück im Gemeindehaus gab es dann noch den finalen Geschafft-Stempel! Leider: No medal this year. But maybe next year, at the IVV in Lambsborn. Übrigens: Zum Thema IVV findet sich auch Interessantes in der Wanderland-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Und am 30. Januar gibt es in den Räumen des Germanischen Nationalmuseums um 19:00 einen Vortrag/Lesung über meine Wanderabenteuer.



Machen wir ne Herrentour, an die schöne Ahr, trinken wir Burgunder nur, das ist sonnenklar

Geschrieben am um 7:22

Der wahrscheinlich bekannteste und meist frequentierte Weinwanderweg Deutschlands ist der Rotweinwanderweg im Ahrtal

 

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Seit kurzem gibt es in Ahrweiler die sogenannten Traubenwege, ich habe Traubenweg Nummer Zwo ausprobiert, ein Rundweg, der am Bahnhof in Walporzheim startet und teilweise auf dem Rotweinwanderweg verläuft.

 

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Die Anbindung an den ÖPNV ist im Ahrtal gigantisch, wer also dort seine nächste Weinwanderung plant, sollte – auch wegen des obligatorischen Konsums des großartigen Spätburgunders – unter jeden Umständen auf das Auto verzichten. Außerdem ist man durch die Anreise im Zug so ausgeruht, dass man problemlos die größte sportliche Herausforderung des 2er Traubenwegs meistern kann.

 

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Nach gemächlichen Beginn durch die Weinberge geht es auf einem sogenannten Bergpfad durchaus alpin hinauf zur Bunten Kuh. 300 Meter lang, gefühlt 200 Höhenmeter. Über der kuriosen Felsformation eine Aussichtshütte und hier die schöne Legende, warum der Felsen Bunte Kuh heißt: Französische Soldaten machten dereinst eine Herrentour an die Ahr und tranken nur Burgunder, das ist sonnenklar. Die Wertung der Weinkenner fiel positiv aus: „C’est bon de gout“, übersetzt: Schmeckt gut. Die Ureinwohner an der Ahr verstanden nur Bahnhof und machten aus bon de gout Bunte Kuh.

 

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Man sollte ja keine Namenswitze machen, aber hat da jemand den falschen Beruf ergriffen? Horst Vegetarier wird ja auch nicht Metzger.

 

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Hinter der Bunten Kuh liegt nach einem Kilometer fast am Weg eine der phantastischsten Weingaststätten der Welt. Warum? Erstens die Ausblicke, zweitens der hauseigene Spätburgunder. Drittens: Jede Menge vegane Speisen, viertens gibt es Flammkuchen vun de Ahr: Schwadlappe, Parat jemaht und Ärm Diersche. Ich habe mich allerdings für die hausgemachte Eifler Rotwein-Wildsülze entschieden.

 

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Der Traubenweg No. 2 geht auch ins Hinterland und ist teilweise so schön wie bei diesem schmalen Pfad. Manchmal auch nicht.

 

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Mitten im Wald stehen wir vor dem EVA Turm. Die Abkürzung steht für Eindeutig Verhunzte Ausblicke. Man sieht auf Baumspitzen und das in alle Himmelsrichtungen. Enttäuschend.

 

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Der Hammer dagegen ist – auch direkt am Wanderweg – der ehemalige Regierungsbunker der Bundesregierung, der im Falle eines Atomkriegs die neue Heimat der Regierung, sowie von Bundestag und Bundestag gewesen wäre. 936 Schlafräume und 897 Büroräume wurden in den Fels gebaut. Hoffentlich waren die Weinvorräte auch ausreichend angelegt.

 

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Fazit: Auch ohne Herrentour (oder als Ein-Mann-Herrentour) eine sehr feine Weinwanderung an der Ahr.



Die Weine der gräflichen Familie – eine Weinwanderung in Rheinhessen

Geschrieben am um 7:44

Wenn man in Rheinhessen, der größten Weinbauregion Deutschlands auf schönen Wegen wandern will, sollte man eine der mittlerweile neun Hiwweltouren testen. Ich habe meiner Frau zum Hochzeitstag eine herbstliche Weinwanderung auf der Hiwweltour „Westerberg“ geschenkt. Wir parken in Schwabenheim und gehen schon bald über schöne Graswege hinauf in die Weinberge. Wenn wir uns umschauen, sehen wir ausgedehnte Weinfelder in der hügeligen Landschaft, so weit das Auge reicht.

 

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Die große Lese war schon vor einem guten Monat, nun, Ende Oktober, hängen zwar noch einige wenige Trauben an den Rebstöcken. Aber viele Beeren sind vertrocknet, andere so überreif und geschmacksintensiv, dass in der Mundhöhle schon eine Spontangärung einsetzt. Ein Winzer aus Schwabenheim hat vier Reihen Rebstöcke mit einem Netz eingepackt. Das soll ein Geschenk an die Weinliebhaber werden: eine Eiswein-Experience, drücken wir mal die Daumen, dass es klappt.

 

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Nachdem wir die Höhen des Westerbergs erstiegen haben, erreichen wir schon bald Schloss Westerhaus. An der rot-weißen Tür kündet ein Messing-Schild davon, dass sich hinter den trutzigen Mauern ein VDP-Weingut verbirgt. Also schnell geklingelt und siehe da, der Graf persönlich öffnet.

 

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„So ein Glück,“ sagt der Graf, „den Weinwanderer und seine Frau persönlich begrüßen zu dürfen.“ „So ein Glück,“ sage ich, „den Hausherrn persönlich anzutreffen.“ Graf von Schönburg-Glauchau berichtet, dass die Hiwweltour „Westerberg“ im August 2017 eröffnet wurde. Seitdem haben schon reichlich Hiwweltour-Wanderer an der rot-weiß gestreiften Haustür geklingelt. Man bekomme, erzählt der Graf, von den Wanderern ein großartiges und vor allem schnelles Feedback. „Die sind noch nicht mal bei der Eulenmühle, da gibt es schon einen guten Tweet oder ein Foto, auf dem sie den Wein des Weingutes auf einer Bank verkosten mit der Message: Vielen Dank, es war so schön.“

 

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Der Name Schönburg-Glauchau stammt von einem Adelsgeschlecht aus Westsachsen, er ist der Liebe wegen nach Rheinhessen gezogen. Seine Frau hieß früher Opel, sie ist die Ururenkelin von Adam Opel. „Ich bin durch die Liebe zum Wein gekommen“. Der Sohn von Adam Opel hat 1900 das Schloß gekauft, seitdem ist es quasi das Stammhaus der Autobauer mit edlem Pferdegestüt und Weinbau. Der Graf wohnt mit seiner Frau und den fünf Kindern im Schloss. Ein ZDF-Krimi wurde auch schon in den Gemäuern gedreht. Achtung, Spoiler: „Es war die Witwe, das kann ich schon mal verraten“. Als Einstieg einer kleinen Weinprobe trinken wir einen Gutswein, einen Riesling. „Ein ernsthafter Wein“, so der Graf lächelnd, „bei dem man muss man nicht warten bis Sonntag ist.“ Der Hausherr fügt hinzu: „Es gibt so viele Augenblicke, in dem ich meinen Job mit keinem anderen auf der Welt tauschen möchte.“ Da hat er etwas mit mir gemeinsam.

 

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Wir blicken durch die Fenster auf die herbstliche Landschaft und die Weinhänge auf der gegenüberliegenden Talseite. Die Weingärten haben unterschiedliche Färbungen, von Hellgelb über Ocker bis Dunkelbraun. Kann man an der Färbung der Wingerte eigentlich die Rebsorte erkennen? Beim dunkelroten Feld an dem Gegenhang ist sich Graf von Schönburg-Glauchau sicher, das ist Dunkelfelder. Klar, das ist auch die dunkelste Einfärbung.

 

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Wir sind inzwischen bei einem der Spitzenweine des Weinguts angelangt: Ein GG Wein (Grand Cru), ein Spätburgunder von 2013. Wir schwenken wie die Weltmeister. Solche gigantischen Rotweingläser könnte man allerdings nicht mit auf die Wanderung nehmen. Wir lernen, den Wein richtig zu genießen und auch in den Körper zu horchen. Der Graf empfiehlt, man müsse immer bis drei zählen: Als erstes komme der Geruch im Glas, als zweites der Geschmack im Mund (schlürfen ist daher Pflicht!) und drittens müsse man den guten Tropfen dort spüren und schmecken. Dabei zeigt unser Gastgeber auf die Speiseröhre. Das ist der Dreiklang der Geschmacks-Sinne.

 

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Nachdem wir eine dem Wanderer angemessene Anzahl von Flaschen erworben haben, verabschieden wir uns herzlich vom Grafen, der uns ein außerordnenlich vergnügliche und leckere Wanderpause beschert hat. Er gibt schon einen Ausblick auf die folgende Wegstrecke: „Jetzt kommen die Hohlwege mit den Dachsbauten.“

 

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Weder Hohlweg noch Dachsbauten, die wirklich gigantisch groß sind, kann man übersehen. Viele Ochsenkarren haben wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten den guten Wein vom Westerberg transportiert, so tief ist der Hohlweg in den Berg eingeschnitten. Im Tal liegt direkt am Weg die Eulenmühle, die man unbedingt besuchen sollte. Natürlich nicht nur besuchen, sondern auch etwas von der köstlichen Landküche und den Weinen Rheinhessens kosten, das versteht sich ja von selber.

 

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Nach genau 11,8 Kilometern haben wir wieder Schwabenheim erreicht. Diese Weinwandertour ist eine runde Sache und sehr empfehlenswert. Wie hatte der Graf noch so treffend analysiert: „Die Wanderer wollen das Full Entertainment – Wandern und Weingenuss!“



Weinwandern und Meditieren an der Nahe

Geschrieben am um 7:14

Im Sommer bin ich mal wieder weingewandert, im Anbaugebiet Nahe. Die Nahe zeichnet sich dadurch aus, das viele Weinberge gar nicht an der Nahe selber, sondern in Seitentälern zu finden sind, wie zum Beispiel im Glantal.

 

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Wir waren am Bahnhof Staudernheim losgewandert, um einen Tag auf dem neuen Hildegard-von-Bingen-Weg zu wandern. Dabei mussten wir auch neben den Gleisen eine Brücke über die Glan überqueren. Aber obacht! Beim Selfie-Machen kann schnell mal in ICE-Tempo eine Draisine angerauscht kommen.

 

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Meine Wanderkollege Marian ist nicht nur Heavy Metal-Fan, er sammelt auch die martialischen T-Shirts der Schneller-lauter-härter-Combos. 400 Shirts hat er schon, oft sind wandernde Monster in bunten Farben und phantsievollen Waffen auf den Leibchen abgebildet. Wenn man schon auf dem Hildegard-von-Bingen-Weg geht, sollte man auch meditieren, um dem spirituellen Charakter der Wanderung Rechnung zu tragen. (Wobei Weinwandern an sich schon eine höchst spirituelle Note hat) Damit man weiß, wo man meditieren darf, gibt es Meditationspunkte.

 

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Und dann habe ich meditiert, bis ich in ein helles Licht blickte – – – Dann sind wir weiter gegangen.

 

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Nach dem zauberhaften Weinort Duchroth erreichten wir den noch zauberhafteren Weinort Oberhausen, den man nicht mit der Stadt im Ruhrgebiet verwechseln sollte. Um eben dieser Verwechslungsgefahr zu entgehen, überlegt man in Oberhausen, den Ort in Katharina-Staab-Hausen umzubenennen, denn nicht nur am Weingut Staab begegnet man der aktuellen Weinkönigin (siehe auch mein Blog vom 21. Mai 2018) auf Schritt und Tritt.

 

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Das aber wahrscheinlich spannendste Weingut von Oberhausen ist das VDP-Weingut Dönnhoff. Unangemeldet überfiel ich den Winzer Cornelius Dönnhoff. Glaubhaft versicherte er mir, dass es ihn freuen würde, wenn wir ihn von der Büroarbeit abhalten würden. Also haben wir ein Gäschen getrunken.

 

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Auf der Luitpoldbrücke sind wir Über die Nahe gegangen, von Bayern nach Preußen. Denn Oberhausen war dereinst tatsächlich noch die Grenze zwischen diesen beiden Weltmächten. Heute regiert am Nordufer der Nahe die Angela, am Südufer der Horst.

 

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Aber ehrlich gesagt ist das nördliche Naheufer nicht sehr preußisch geprägt, sondern auch lebensfroh barock. Und so ließen wir den Tag mit einem Hoch auf den Prinzregenten Luitpold, unseren Kaiser Wilhelm, die deutsche Weinkönigin Katharina Staab und die Visionärin Hildegard von Bingen mit einem Schoppen im Niederthaler Hof ausklingen.

 

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Weinklettern in der Bopparder Hamm

Geschrieben am um 8:49

In Boppard am Rhein, eine der schönsten Wanderregionen Deutschlands, findet sich eine einzigartige Kombination: Eine legendäre Weinlage im Rheinbogen – die Bopparder Hamm – und ein aufregender Klettersteig. Allerdings hat man auf der Traumschleife des Klettersteigs Mittelrhein die Qual der Wahl: Die Wandervariante für alle Warmduscher oder die Klettervariante für die Harten, die in den Garten wollen.

 

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Allerdings sollte man sich schon vor dem Start der Tour für eine der beiden Varianten entscheiden, denn für die Klettervariante durch die steilen Felsen wird das entsprechende Equipment empfohlen, das man sich an der ARAL-Tankstelle an der Bundesstraße leihen kann. Von dort aus kann man sich auch schon mal den Hang anschauen, durch den man wandern oder klettern wird. Außerirdische haben dort das Mittelrhein-Weltkulturerbe-Zeichen eingefräst.

 

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Diese Hänge sind ehemalige Steillagen. Mittels Flurbereinigungen sollen dort wieder Rebstöcke angelegt werden. Die Weinlage Bopparder Hamm wächst und gedeiht, statt Abbau von Rebflächen werden neue geplant. Die heikelste Situation habe ich am Startpunkt der Klettervariante zu meistern. Ich versuche nämlich in den Klettergurt zu steigen, ohne dabei umzufallen. Das gelingt nur knapp.

 

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Eigentlich, finde ich, ist die Ausrüstung etwas übertrieben, ich bin ja schließlich nicht am Watzmann unterwegs. Gerade bei den Leitern, die man hinunter steigen muss, halte ich es für gefährlicher den Gurt einzuhaken, als ganz normal die Treppe hinunter zu steigen. Denn man muss mitten auf der Leiter stehen bleiben, mit einer Hand sich an der Leiter festhalten, mit der anderen den Karabinerhaken an das nächste Stück Seil hinter der Befestigung klemmen. Furchtbar. Ich stecke die Karabinerhaken in meine Jackentasche, da stören sie nicht.

 

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Ob mit oder ohne Seilsicherung – man sollte den Klettersteig begehen, bevor man dem Weine zuspricht. Und auch eine Weinflasche sollte man nicht im Rucksack transportieren. Erst klettern, dann Wein, Weinklettern ist ungesund. Auf der Höhe angekommen, bietet sich ein gigantischer Blick auf die Rheinschleife und die Bopparder Hamm.

 

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75 ha von 420 ha des Weins des gesamten Anbaugebiet Mittelrhein kommt aus Boppard. Jede sechste Flasche geht von Boppard also in die Welt – und viele Preise kommen nach Boppard zurück. Goldene und silberne Kammpreismünzen zum Beispiel. Einen preisgekrönten Tropfen teste ich im Ausflugslokal „Vierseenblick“, weltberühmt für den genialen Kuchen.

 

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Ich bekomme den Rheinwein in einem Bembel serviert. „Trinkt wie Eure Väter aus Stein den Wein“ steht auf dem Tonkrug. Ich habe bei meinem Vater nachgefragt, der hat noch nie Wein aus einem Stein getrunken, sein Vater übrigens auch nicht. Inzwischen wird übrigens gar nicht mehr geklettert und die Rheintour wird zur Reintour, denn wir gehen schon ins nächste Ausflugslokal, ganze dreihundert Meter hinter dem „Vierseenblick“. Im „Rupertseck“ gibt es weder Bembel noch Flaschenweine, auch keine Weinkarte, es gibt nur einen Wein auf der Karte: White Wine Dry. Auf Nachfrage ist es immerhin ein heimischer Whitewine von der Bopparder Hamm. Nun, wie sagte schon Bacchus: „Guter Wein in Maßen genossen, schadet auch in großen Mengen nicht.“ Hinter dem „Rupertseck“ geht es steil parallel zur Seilbahn den felsigen Berg hinunter, zurück zum Ausgangspunkt im Bopparder Zentrum.

 

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Dort treffe ich mich mit Herrn Bersch und Herrn Schoeneberger im Heilig Grab. Das ist ein Weingut mit Weinstube. Der Winzer vom Heilig Grab betont, er sei nicht der Herr Grab, Vorname Heilig. „Allerdings denkt das der Paketdienst, ich heiße aber Schoeneberger“. Das Heilig Grab ist die älteste Weinstube Boppards, direkt am Bahnhof.

Walter Bersch ist seit 1997 Bürgermeister der Stadt Boppard, er ist eine Legende am Mittelrhein. Bersch ist sehr stolz auf seine sieben Bopparder Traumschleifen, die ich auf diesem Blog ausführlich gewürdigt habe. Da ich mich also um die Bopparder Wanderkultur verdient gemacht habe, wurde ich 2017 zum Ehrenwinzer der Stadt Boppard ernannt. Michael Schneider ist mein Patenwinzer, der mir lebenslang, also noch über 50 Jahre, jedes Jahr drei Flaschen Wein schicken darf. Die Auszeichnung als Bopparder Ehrenwinzer gibt es seit ungefähr vierzig Jahren. Der erste war der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel. Auch Günter Verheugen, Rudi Altig, Rudolf Scharping (vor oder nachdem er Bundeskanzler wurde?) und Kurt Beck dürfen sich jährlich über ein Deputat vom Mittelrhein freuen. Bald, hofft Bürgermeister Bersch, wird auch Papst Franziskus Ehrenwinzer von Boppard. 1984 hat der Argentinier drei Monate in Boppard gewohnt, Deutsch gelernt, Wein getrunken. Bei eine der letzten Papstaudienz verkündete der Papst in flüssigem (!) Deutsch: „In Boppard wächst guter Wein“. Die Bopparder haben eben den Papst in der Tasche. Und wenn Papst Franziskus Ehrenwinzer wird, könnte er auch mal den Mittelrhein-Klettersteig testen. Ohne Klettergurt, denn Päpste sind unfehlbar und damit auch trittsicher.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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