Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Royal weinwandern in der Pfalz

Geschrieben am um 8:08

Die royale Weinwanderung mit der Deutschen Weinkönigin Katharina Staab steht unter der Überschrift „Zwei“. Warum? Nun, Katharina und ich sind zwei Majestäten, Weinkönigin und Wanderkönig, die gemeinsam wandern. Außerdem ist das pfälzische Weingut Bangerth-Rinck, wo die royale Weinwanderung stattfindet, ein Doppeltes-Lottchen-Weingut.

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Auf dem Glas des Weinguts Bangerth-Rinck sind zwei weingefüllte Gläser zu sehen. Und der Vogel, ist das vielleicht ein Rabe? Sehr mystisch, Vater Bangerth hat einen Raben aufgezogen, der sogar sprechen konnte, Herr Bangerth war wohl so etwas wie ein Hexenmeister des pfälzischen Weins. Das ist interessant, zumindest ungewöhnlich. Winzerin Esther Bangerth erklärt mir zunächst, was es mit den beiden Gläsern auf sich hat. „Unsere Eltern haben geheiratet, da haben sich die Weingüter quasi verdoppelt.“ Seit zehn Jahren führen zwei der drei Töchter das doppelte Weingut weiter. Und die Männer der Töchter? Die haben umgeschult zum Winzer und sind jetzt auch „mit Herz und Leidenschaft“ dabei. Es gibt allerdings einen Keller, eine Bilanz, zwei Standorte, das Weingut Bangerth-Rinck ist sozusagen ein siamesischer Zwilling mit zwei Körpern, aber einem Gehirn.

Bei einem Glas Sekt begrüßen wir – also Esther Bangerth, Katharina Staab und ich – die ungefähr fünfzig Weinwanderer. Der Secco ist aus einem sortenreinen Kernling gemacht, sehr fruchtig, er ist aber, betont Winzerin Bangerth, auch etwas für Trockentrinker. Ist nun ein Trockentrinker einer, der versucht, aus einem leeren Glas zu trinken, oder jemand, der normalerweise trockene Weine bevorzugt? Oder ist der Trockentrinker jemand, der jedes Glas ruckizucki trocken trinkt? Das wäre doch mal eine Frage für „Wer wird Millionär“. Anschließend dürfen die Weinwanderer die Weißweine des Weinguts verkosten, es bleibt fast zu wenig Zeit, um auch nur die Hälfte der Weine auszuprobieren. Denn wir wollen ja auch noch wandern, und zwar von dem einem Weingut zum andern.

 

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Wir gehen von Esther Bangerth geführt aus dem Ort Mühlhofen hinaus und haben schnell die Weinberge erreicht, die in der Pfalz ja traditionell eher Weinfelder sind. Um Mühlhofen laufen wir auf einem kleinen Weinkulturpfad, der einem die Schönheiten des Rebensaftes näherbringt. Esther Bangerth erklärt, wie sie den Schädling Traubenwicklermännchen bekämpft. Es werden an den Rebstöcken Dispenser ausgebracht, die durch Ihre Duftstoffe die Traubenwicklermännchen verwirren. Und Verwirrte können sich nicht paaren, das leuchtet ein. Aber die gesamte Region muss verwirrt sein, sonst funktioniere es nicht, deshalb müssen alle Winzer mitziehen: „Die Duftglocke muss über allen Weinbergen hängen“

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Es weinwandern auch vier Hunde mit, unter anderem mein Border Collie/Berner Sennhund-Mischling Luna. Was auffällt: Weinwanderhunde sind anscheinend ausnahmslos extrem tiefenentspannt, da gibt es kein Herumzicken, Kläffen, Bellen, Knurren. Ich glaube, es liegt an der Coolness der Besitzer, die durch den Doppelgenuss Wandern und Wein ihre Lebensfreude auf ihre Vierbeiner übertragen. Allerdings haben die Hunde keinen Sinn für die großartigen Fernblicke auf unserer Wanderung. Vor uns erheben sich die Höhenzüge des Pfälzer Walds mit vielen kegelförmigen Bergen, die aussehen wie der Zuckerhut von Rio de Janeiro. Der Blick geht hinein bis nach Frankreich und die Gegend von Wissembourg.

 

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Hinter uns schauen wir in den Odenwald (der ist ein wenig flacher) und in den Schwarzwald hinter Karlsruhe, der sich mächtig über dem Rheintal erhebt. Nachdem wir durch die Weinlagen Mühlhofener Rosenberg und Ingenheimer Pfaffen gewandert sind, immer hart am Rebstock entlang, erreichen wir eine herrlich blühende Streuobstwiese. Dort wartet auf uns schon ein mit weißem Tuch gedeckter Tisch. Das erinnert von der Optik ein wenig an das letzte Abendmahl, aber für uns ist es die Rast-Station mit dem Schwerpunkt Rosé-Weine.

 

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Esther Bangerth präsentiert drei Rosé-Weine, einen Blanc de Noir (aus einem Blauen Zweigelt), der eigentlich aussieht wie ein Weißwein, einen Bari-Rosé aus Dornfelder und Spätburgunder und einen farblich schon sehr ins Rötliche gehenden Weißherbst mit einem großen Anteil an Dornfelder.

Seit genau zehn Jahren gibt es schon das Weinwanderwochenende, genau zehn Jahre ist auch schon das Weingut Bangerth-Rinck dabei. Jedes Jahr gehen die Gäste die gleiche Tour, das bietet sich nun mal an – vom Schwesternweingut in Mühlhofen zum Schwesternweingut in Klingen. Für die Stammgäste ist das ein wenig wie Jährlich-grüßt-das-Murmeltier, aber es bedeutet auch ein Stück Heimat.

Als wir weitergehen, komme ich mit der Deutschen Weinkönigin Katharina ins Gespräch. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie wanderbegeistert und wandererfahren Katharina ist.

 

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Ich muss sogar zugeben, dass die Weinkönigin eindeutig in einer anderen Wanderliga unterwegs ist als ich. Ich bin ja eher der Genusswanderer, Katharina dagegen liebt lange, anspruchsvolle Wanderungen, viel Gepäck auf dem Rücken, karge Landschaften. „Ich gehe immer die schwarzen Routen“, sagt die Deutsche Weinkönigin. Ich kannte schwarzen Pisten und den schwarzen Gürtel der Judoka, aber was sind schwarze Pisten? Ich lasse mich aufklären, dass in den handelsüblichen Wanderführern des Rother-Verlags die Wandertouren je nach Schwierigkeit eingefärbt sind: Die leichtesten sind Blau, dann kommt Rot und die Profi-Routen sind schwarz. Und die geht Katharina am liebsten. 30 Kilometer, 40 Kilometer, egal, Hauptsache sie kann abschalten, denn beim Wandern möchte sie den Kopf frei bekommen, abtauchen in eine andere Welt. Am besten, sie ist nicht erreichbar, kein Handyempfang, Natur pur – das ist für sie der größte Wanderspaß. Auf diese Art und Weise war sie im Tramantura-Gebirge auf Mallorca unterwegs, in den Anden und die klassische Alpenüberquerung hat sie auch schon geschafft.

Wir können auf unser pfälzischen royalen Weinwanderung schon das Dorf Klingen sehen, in einer Tal-Mulde gelegen, umgeben von Weinbergen, dem Klingener Herrenpfad. In Klingen erwartet uns ein großartiges Schlussbuffet mit mediterrannen Köstlichkeiten, aber auch Schmalz- und Leberwurstbroten.

 

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Wie sehr die Pfälzer ihre Leberwurst verehren, werde ich noch zum Abschluss des Tages erfahren. Im Hof des Klingener Schwesternweinguts kann man sämtliche Rotweine des Weinguts verkosten. Der Spätburgunder ist phänomenal. Kann ich den mir bei dieser Qualität überhaupt leisten? Ich studiere den Info-Zettel neben der Weinflasche und entdecke, dass die Flasche 5,60 Euro kostet. In Worten: Fünf Euro und sechzig Cent. Jetzt mal ehrlich, gehen Sie in einen Discounter (Stichwort Jauch-Wein) oder einen Supermarkt ihres Vertrauens und zeigen Sie mir einen Wein mit diesem sensationellen Preis/Leistungs-Verhältnis. Und zwar einen traubenreinen, nicht verschnittenen Wein aus einer definierten Ortslage. So was gibt es nur in der Pfalz, so etwas gibt es nur beim Weingut Bangerth-Rinck.

Ich stoße mit dem Ehepaar aus Köln neben mir an, die sind nicht nur Fans des Weingut Bangerth-Rinck, sondern auch der Wandermöglichkeiten in der Pfalz. Deshalb sind die beiden, wegen des Weins und der Wanderlandschaft, vor ein paar Jahren in die Nähe von Klingen und Mühlhofen gezogen. Eine weise Entscheidung. Nach vielen schönen Gesprächen und Weinen fährt unser Taxi vor: Ein Traktor mit einem gemütlichen, überdachten Anhänger.

 

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Kaum sind wir mit dem Traktor-Gespann losgefahren, stimmen die einheimischen Weinwanderer eine Ode an den Pfälzer Wind an: „Das ist der Wind, Wind der Pfälzer Wind, der wird noch wehen, wenn wir nicht mehr sind“. Sehr interessant, ich dachte immer, nur der Wind im Westerwald, der dort soooo kalt ist, würde besungen. Aber nein, auch die pfälzischen Luftströmungen werden besungen. Ich fordere die Truppe auf, das berühmte Pfälzer Leberwoosch-Lied zu singen. Alle schauen unschuldig, keiner scheint zu wissen, was ich meine. Das kann doch nicht sein! Ich intoniere „Oh Du schöne, oh Du schöne Leberwurst“ auf die Melodie der deutschen Nationalhymne (auf die die Pfälzer gewissermaßen einen Anspruch haben, wegen Hambacher Schloss 1832 und so). Und plötzlich – so ein Zufall – haben doch wieder alle den „Text“ präsent und es schmettert aus vielen Kehlen „Oh Du schöne, oh Du schöne Leberwurst“ durch Klingen. Lebensfreude pur nach unserem schönen royalen Weinwandertag in Mühlhofen und Klingen.

Ich bedanke mich bei Caro Photo für vier Fotos!



Once upon a time in Manderscheid

Geschrieben am um 8:28

Vor etlichen Monden schrieb ich in meinem ersten Wanderbuch vom schönsten Wanderweg der Welt, dem Lieserpfad. Und in der Tat zieht es mich immer wieder nach Manderscheid zu den zwei Burgen und dem Tal der Lieser.

 

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Der Mensch vergisst leicht, aber vor fünf Wochen, Ende März, ganz genau am 22. März, war es noch bitter kalt und in der Eifel war das letzte Aufbäumen des Winters mit ordentlich Schneefall zu bewundern. Was auffiel am klassischen Blick auf Ober- und Niederburg: Die Zäune fehlten. Wahrscheinlich hat sich der schlaue Bürgermeister von Manderscheid gedacht: Bevor ich die Absperrungen immer teuer warten muss und die womöglich noch die Wanderer gefährden, kommen die Gatter weg. Auch neu ist das Design der Hauptwanderwege des Eifelvereins …

 

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Aus Raider wurde Twix und aus dem Hauptwanderweg 13 des Eifelvereins mit dem eigentümlich gestalteten „V“, das immer aussah wie eine Wurzelbehandlung im Mathe Leistungskurs, ist die neue Markierung mit dem „Vulkanpfad“ entstanden.

Wenn ich in Manderscheid bin, ist mein Standquartier immer die Heidsmühle an der Kleinen Kyll, die in die Lieser mündet. Und dann ist natürlich auch eine Wanderung in der traumhaften Wolfsschlucht Pflicht …

 

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Aber die spannendsten Pfade kann man immer noch auf dem Lieserpfad erwandern …

 

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… und kaum kommt man um die Ecke, ist man schon – auch das eine Novität – an der Philosophenbank angekommen. Ich habe zunächst gegrübelt, ob es diese Bank vielleicht schon immer gab, ich sie aber nur übersehen hätte, aber nein, die güldene Inschrift ist eindeutig jüngeren Datums.

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Ich frage mich nur, welche Fürsten genau gemeint sind: Der Kurfürst von Köln oder Brandenburg. Oder der Fürst Pückler mit seinem Eis? Anscheinend werden die Eifelaner immer noch von irgendwelchen Fürsten gequält.



2017: Die erste royale Weinwanderung an der Mosel

Geschrieben am um 11:21

Die Turmbläser blähen ihre Backen und tröten ihre Fanfaren! Das ganze Schloss ist in heller Aufruhr! Die Hermelin-besetzten Outdoorjacken funkeln im Sonnenlicht! Was ist denn hier los? Nun ja, der gesamte Hofstaat wird auf den Beinen sein, denn am letzten April-Wochenende 2018 weinwandern die deutsche Weinkönigin Katharina und der deutsche Wandermeister Manuel im Rahmen des bundesweiten Weinwanderwochenendes. Zwei royale Wanderungen auf ausgesuchten Wanderwegen mit exzellenten Weinen. Am 28. April in Mühlhofen-Klingen in der Pfalz und am 29. April in Markelsheim im Anbaugebiet Württemberg.

Für den Rheinländer hat alles, was schon zum zweiten Mal stattfindet, den Status einer „Tradition“. Ab dem dritten Mal ist es dann Brauchtum. In diesem Sinne hat auch das royale Weinwandern schon Tradition. Im letzten Jahr, 2017, fand in Mehring an der Mosel die erste royale Weinwanderung der Welt statt. Dem Anlass entsprechend mit zwei Königinnen. Eigentlich – um ehrlich zu sein – waren es sogar drei Königinnen.

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Für die deutsche Weinkönigin 2017, ihre Majestät Lena Endesfelder, war die Wanderung durch die Weinberge von Mehring ein Heimspiel, denn Sie stammt aus Mehring. Nun glaubt natürlich jeder, weil die Weinkönigin aus Mehring kommt, sind wir auch in Mehring gewandert, so etwas kann doch kein Zufall sein. Aber ich schwöre: Es war Zufall. Und nun gehen wir durch die Steillagen, hinter uns die letzten Häuser von Mehring, neben mir Lena I. Weitere königliche Begleitung haben wir durch die Ortsweinkönigin Annika aus Mehring und die Königin der Riesling Selection, Caro Hoffranzen. Erstaunlich ist, dass alle Königinnen ohne Entourage und Hofstaat unterwegs sind. Keine Zofen, kein Zeremonienmeister, keine Anstandsdamen. Die Royalität von Lena und Co. ist eben eine innere Qualität, sozusagen eine Charakter-Eigenschaft.

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Startpunkt der royalen Weinwanderung 2017 war vor einigen Minuten das Hofgut Hoffranzen in Mehring. Zur Begrüßung wurde ein roter Teppich ausgerollt. Ehrlich gesagt: Das kann man ja wohl auch erwarten! Die Weinwandergruppe ist schon sehr gespannt und wird von Weinkulturführer Stefan auf die kommenden Strapazen eingestimmt: „Diese Wanderung folgt dem Motto: 2.000 Höhenmeter in zwei Stunden.“ Das kann ja heiter werden. Stefan erkundigt sich, ob denn jemand Allergien hätte. „Ja“ meldet sich ein Mann in den besten Jahren, „ich bin allergisch gegen lange Wanderstrecken!“

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Wir folgen der Wegmarkierung des Moselsteigs und gehen durch die Weinberge. Die Markierung des Moselsteigs zeigt in gelb-orange-Tönen aufeinandergeschichtete Schiefersteine. Ich wandere neben der Weinkönigin Lena. Bezüglich der Anrede bin ich ein wenig unsicher, denn ich frage mich, wie man eine Weinkönigin korrekt anspricht: „Eure Hoheit“, „Frau Weinkönigin Lena“, „Ihre Exzellenz“? Lena sagt: „Lena reicht. Wein ist ein persönliches Getränk, man kommt ins Gespräch, der Winzer offenbart sich in Geschmack und Stil. Deshalb finde ich: Lena reicht““. Die ehemalige deutsche Weinkönigin Lena hat eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Lena erzählt: „Ich war Ortsweinkönigin, dann Prinzessin, dann Verbandsgemeinde-Weinkönigin.“

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Das war sozusagen die Regionalliga der deutschen Weinköniginnen. „Nach dem Studium in Geisenheim dachte ich mir, och komm, Du könntest Dich auch darum bewerben, Gebietsweinkönigin zu werden.“ Das klappte. Und so wurde sie die Weinkönigin der Mosel, das war schon die Bundesliga der Weinköniginnen. Die Konsequenz wurde ihr erst später klar. „Huch, da muss ich dann nach Neustadt!“ Neustadt an der Weinstraße, sozusagen das Versailles der deutschen Weinwelt. Dort entscheidet sich, wer Königin wird. Und wer nicht. Denn die dreizehn Gebietsweinköniginnen tragen jedes Jahr in Neustadt an der Weinstraße eine Art Weinköniginnen- Meisterschaft aus. Und die Siegerin trägt dann für ein Jahr den Titel der deutschen Weinkönigin.

Wir stoppen vor einer malerischen Trockenmauer aus Schiefergestein. Zeit für einen kurzen Fotostoppp. Lena kramt in ihrem Rucksack und zaubert ihr Weinköniginnenkrönchen hervor. Bei der royalen Wanderung ist sie bisher nicht als Königin kenntlich gewesen: Kein Zepter, kein Umhang, kein Reichsapfel – und auch keine Krone.

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Ein flinker Lurch flitzt zwischen den Steinen herum, Lena platziert ihre Krone zwischen den Steinen und macht ein Stilleben mit Schiefer und Krönchen. Ehre wem Ehre gebührt: Denn ohne den Schiefer der Mosel wären die Riesling-Weine nicht Weltklasse. Und ohne Welt-Klasse-Weine keine strahlende deutsche Weinkönigin. Also bekommt der Schiefer auch die Ehre, bekrönt zu werden und in den Hofstaat der deutschen Weinkönigin aufgenommen zu werden. „Dabei sind Gesteine gar nicht so meins“, sagt Lena und muss lachen. Für den Contest der Weinköniginnen in Neustadt musste sie tatsächlich vor allem Gesteinskunde büffeln, denn es kommt bei der Wahl zur Weinkönigin vor allem auf Weinwissen an. Dass aber ihr Krönchen nun in einer Schiefer-Ritze steht, brauche ich ihr als Moselanerin aber natürlich nicht zu erklären.

Wir gehen weiter, aber schon bald unterbrechen wir unsere royale Wanderung ein weiteres Mal. Was wäre eine Weinwanderung ohne Wein? An einer kleinen Schutzhütte gibt es den ersten Wein-Stopp, drei Weine werden ausgeschenkt, unter anderem das „Mehringer Urgestein“. Zum Wein singen einige stimmgewaltige Herren „Oh Mosella“

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O Mosella! Du hast doch so viel Wein!
O Mosella! Trinkst du den Wein allein?
In deinem Garten Eden,
Wächst doch der Wein für jeden,
Und ohne Wein kann ich nicht sein!

Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, auch ein wenig kitschig. Aber mit dem kühlen Riesling im Glas, mit Blick auf die sonnenüberflutete Mosel und dem Gesang im Hintergrund wird mir ganz warm ums Herz.

Unser Weinkulturführer Stefan sieht sich als Bindeglied zwischen Weinkäufer und Winzer. Auf dem Wanderweg gelingt es ihm, der Wandertruppe sachkundig und sehr unterhaltsam die Besonderheiten des Weinbaus an der Mosel zu erklären. Stefan zaubert ein langes Seil aus seinem Rucksack, legt es in einer schnurgeraden Linie auf den Boden und erklärt, wie es zu den mäandernden Windungen der Mosel kommen konnte. An das eine Ende des Seils legt er ein Foto der Porta Nigra, an das andere ein Foto vom Deutschen Eck.

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Wir lernen: Schon vor etlichen Jahrmillionen entstanden die Römer-Städte Trier und Koblenz, die gibt es quasi schon immer. Damals war die Mosel noch schnurgerade. Dann erhoben sich in einem revolutionären Akt die Gesteine des rheinischen Schiefergebirges und die Mosel musste sich ihren Weg bahnen. Inzwischen hat Stefan das ursprünglich gerade Seil auf dem Wanderweg in Schlingen gelegt. Voila! Zwischen den Prallhängen und den Gleithängen des Flusses entstanden die Voraussetzungen für herausragenden Weinbau.

Wir wandern an einem Wegweiser vorbei, der auf den Seitensprung „Zitronenkrämerkreuz“ hinweist, das ist ein besonders schöner Premiumweg.

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Uns zieht es allerdings zur alten Römerleitung in Pölich und anschließend über die steile Himmelsleiter hinauf zur Finnbahn von Mehring. Auf der Finnbahn mit den vielen weichen Holzhackschnitzeln kann man ganzjährig seine Runden drehen, als Jogger oder auch als Spaziergänger. Unsere Wandergruppe ist aber vor allem an einer weiteren Weinverkostung interessiert, die Hoffranzen präsentiert. Caro hat 2016 eine ganz besondere Auszeichnung errungen: Sie ist deutsche Jungwinzerin für das beste Riesling-Sortiment geworden. Man merkt, wie stolz sie darauf ist, und das vollkommen zu Recht. Das Weingut Hoffranzen (man spricht das Hof-Franzen, das war eben der Franz vom Hof, nicht Hoff-Ranzen) wurde schon 1601 gegründet.

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Auch darauf ist Caro stolz: „Wir sind Winzer in der 17. Generation.“ Ich weise Caro auf diese Zahlenmystik hin. 17 Mal müssen sie und Lena und alle anderen Steillagenwinzer jedes Jahr in den Weinberg, und sie ist in der 17. Generation Winzerin. Verrückt!

Unsere royale Weinwanderung hat ein romantisches Ende, denn wir wandern an den Rebstöcken der Weinkönigin Lena Endesfelder vorbei. Lena ist eine Königin mit Herz, denn sie hat die Zweige ihrer Rebstöcke in Herzform gebunden. Sie hat also 17 Mal im Jahr ein Rendezvous mit ihren Rebstöcken in der Steillage.

 

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Nachdem es letztes Jahr bei der royalen Wanderung an der Mosel so herrlich war, freue ich mich unglaublich auf die beiden royalen Wanderungen in diesem Jahr. Wer sich über alle Angebote des bundesweiten Weinwanderwochenende am letzten Aprilwochenende informieren möchte, kann die Broschüre unter info@deutscheweine.de bestellen oder alle Weinwander-Angebote unter www.deutscheweine.de/tourismus/weinwanderwochenende anschauen. Vielleicht sehen wir uns ja bei den royalen Weinwanderungen in der Pfalz oder in Württemberg!



Andrack weinwandert an der … Nahe

Geschrieben am um 6:11

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Frau Wallhäuser-Schmitt vom Weintreff Wallhausen sagt, vielen Weinkunden sei die Nahe als Anbaugebiet kein Begriff. Wie bitte? Ich bin ehrlich entrüstet. Das müssen wir dringend ändern und das Anbaugebiet Nahe noch bekannter machen. Die Weinberge um Bad Kreuznach herum sind doch wirklich nicht zu übersehen.

Ich stehe in der kleinen, feinen Vinothek bei Frau Wallhäuser-Schmitt, in der man von Freitag bis Sonntag (Sonntag gibt’s auch Kuchen!) Weine aus Wallhausen verkosten, genießen und schließlich kaufen kann.

 

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In der Vinothek präsentierten 15 Winzer aus Wallhausen ihre Produkte, es ist die einzige Vinothek dieser Art an der gesamten Nahe. Frau Wallhäuser-Schmitt empfiehlt mir einen ganz besonderen Wein, einen Metal-Tropfen. Nicht weil das Rotwein-Cuvée metallisch schmecken würde – der junge Winzer Michael Schott aus Wallhausen ist Mitglied in einer Heavy-Metal-Combo, er mag es gerne laut und krachend. Und genau so einen Wein hat er gemacht: Laut und krachend ist der 666 von den „Black Hills“. Den 666-Wein nehme ich mal mit auf meine Weinwanderung, man kann nie wissen, wozu man den noch gebrauchen kann.

 

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Am Schwimmbad treffe ich Marian, einen Journalisten aus Bad Kreuznach, wir wollen zusammen den Wallhäuser Premiumwanderweg „Wein, Stein & Farbe“ erwandern. Dieser Weg ein Vitalweg, so nennen sich die Premiumwege an der Nahe. Mal schauen, wann wir vitaler sind – vor oder nach der Wanderung. Unser elf Kilometer lange Rundweg heißt also „Wein, Stein & Farbe“. Ich verstehe das als eine Art Versprechen, mal sehen, ob es eingelöst wird. Nach einigen hundert Metern wird es schon mal sehr bunt. Eine Info-Tafel verweist auf eine Felswand, es wird erläutert, das sei „Grünschiefer im Wallhäuser Rabenfels“. Voila, da hätten wir also schon mal die Farbe grün, obwohl der Fels doch reichlich grau ausschaut.

 

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Wir gehen über die Höhenwege oberhalb von Wallhausen mit weiten Ausblicken ins Nahetal. Marian schätzt, dass es bis zur Nahe noch ungefähr sechs Kilometer sind, Wallhausen liegt in einem Seitental der Nahe. Wir können bis nach Rheinhessen hinüberschauen, ein weiteres Weinanbaugebiet, gut erkennbar an den vielen Windrädern. Wir wandern an Pferdekoppeln vorbei und ruhen uns kurz auf einer gemütlichen Sinnenbank aus. Auch mein Hund Luna sitzt neben mir auf der Bank (für alle Hunde-Freaks, viele sind an den Stammbaum-Details interessiert: Luna ist schon einen Hunde-Oma, eine ganz liebe Mischung aus einem Border Collie und einem Berner Sennhund). Luna hechelt, aber sie trinkt lieber Wasser als Wein, das ist klar.

 

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Schon eine Weile gehen wir durch wundervolle Weinberge und nähern uns dem Kreuz des Johannisbergs. Damit ist eine weitereße Versprechung der Vitaltour „Wein, Stein & Farbe“ erfüllt: Da ist der Wein, reichlich! Steine und Felsen haben wir gesehen. Und alle Farben der Wanderwelt: Das Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das grün-grau des Rabenfels.

 

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Wir wandern weiter und haben vom Kreuz des Johannisbergs einen herrlichen Ausblick auf Wallhausen. Aber das eigentliche Highlight des Weges haben wir noch gar nicht gesehen: Wenige hundert Meter nach dem Kreuz erreichen wir die Wanderschaukel von Wallhausen. Und da werden selbst Erwachsene zu Schaukelkindern. Eine Wanderschaukel mit grandiosen Ausblicken auf das Naheland, auf Wälder und Weinberge. Und schaukeln macht auch noch mit über 50 Jahren Spaß.

 

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In der Ortsmitte von Wallhausen befindet sich nicht nur die Vinothek, sondern auch das Weinhaus Barth, eine großartige Weinstube mit Weinen aus Wallhausen. Alexander Barth, der Chef, bedient und begrüsst mich, als wäre ich ein Stammkunde. Wer weiß, vielleicht bin ich in einem früheren Leben ja schon einmal im Weinhaus gewesen.

 

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Am späten Abend, die meisten Gäste sind schon gegangen, setzt sich Alexander Barth zu mir und sagt: „Dieser Ort, dieses Weinhaus, das ist alles ein Geheischnis“. Geheischnis ist eines der schönsten Worte der deutschen Sprache, unübersetzbar, fast unerklärbar, ich kenne es aus der Heimat-Serie von Edgar Reitz. Geheischnis beschreibt eine Mischung aus Heimat, Glück, Geborgenheit. Wunderschön, diese Weinwanderung an der Nahe war ein echtes Geheischnis. Und jetzt sollte die Nahe wirklich JEDER kennen lernen wollen.

 



Andrack weinwandert am Mittelrhein

Geschrieben am um 8:02

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Ich stehe mit meinem Wanderkumpel Peter mitten am Mittelrhein, oberhalb von Rheinbrohl und wir genießen das phantastische Flusspanorama. Peter ist mit deutschen Mittelgebirgslandschaften eigentlich unterfordert, am liebsten spaziert er auf den Sechstausendern der Schneeberge im Osten Tibets umher. Aber heute muss Peter auf Minya Konka und Dsha-Ra verzichten, wir haben uns zum Weinwandern auf dem Rheinbrohler Lay verabredet. Wir können nicht anders, wir müssen über die Vielfalt des Rheintals staunen: Wir sehen Burg Rheineck, viele Weinberge, natürlich unseren Vater Rhein, die Schiffe, die Autos, die Eisenbahnen, auf der gegenüberliegenden Seite das Radioteleskop von Effelsberg, weiter rheinaufwärts die Erpeler Ley. Peter und ich machen das, was Rhein-Touristen seit mindestens 200 Jahren machen – wir machen uns ein Bild vom Rhein.

 

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Und dann dürfen wir auf einem wirklich sensationellem Pfad wandern. Schmale Pfade sind das, die an der Hangkante verlaufen. Links des Weges begrenzen Weidenzäune den Weg, rechts des Weges beglücken uns Ausblicke auf den Rhein. Das ist wirklich Wandern auf höchstem Niveau, wie es die Prospekte über den Rheinsteig versprechen. In langgezogenen Serpentinen wandern wir hinunter in den Weinort zum Weingut Zwick. Dort sind wir mit zwei anderen Wanderern verabredet – Andreas und Holger. Das Wichtigste am Weinwandern ist ja: bloß kein Stress! Das haben sich zumindest Andreas und Holger gedacht und sich den steilen Aufstieg zur Rheinbrohler Lay gespart. Jedem das Seine. Es ist kein Zufall, dass wir uns in Hammerstein treffen, und erst recht ist es kein Zufall, dass wir zu viert sind – seit über 30 Jahren spielen wir in dieser Konstellation Doppelkopf.

 

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Im Weingut Zwick werden wir äußerst herzlich vom Winzer-Ehepaar empfangen (Herr Zwick links im Bild). Seit elf Generationen beschenkt die Familie Zwick ihre Gäste und Kunden mit tollen Weinen. Andreas fühlt sich direkt heimisch und schlägt vor, auf der herrlichen Terrasse des Weinguts schon mit dem Kartenspiel anzufangen. Winzer Zwick wird hellhörig: „Ihr sei doch vier Mann, da würde sich ja Doppelkopf anbieten“ Touché, der Mann hat ins Schwarze getroffen. Eine glückliche Fügung, dass der Winzer unserer Wahl auch noch Kenner unseres Spiels geht. So können wir nicht nur über Wein fachsimpeln, sondern auch über Doppelkopf-Regeln. Und es gibt mindestens so viele unterschiedliche Regelungen, wie man Doppelkopf spielen kann, wie es Möglichkeiten für einen Winzer gibt, seinen Wein auszubauen.

 

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Wieder auf dem Rheinsteig gehen wir durch Weinberge und Wälder und erreichen eine Aussicht mit Tisch und Bänken. Neben der Aussichtsbank blickt ein Wanderer aus Basalt-Lava nachdenklich zum Rhein hin, aus seinem Rucksack lugt eine Flasche Wein. Gut, dass in meinem Rucksack auch noch eine Flasche-to-go des Zwickschen Rieslings einen Platz gefunden hat.Wir lassen unsere Blicke beim Glas Wein über die Rheinebene südlich von Andernach schweifen. Das Rheintal weitet sich am Neuwieder Becken und auch der Weinbau am Mittelrhein macht eine schöpferische Pause, um südlich von Koblenz wieder an Fahrt aufzunehmen. Aber so weit reichen unsere Aussichtsmöglichkeiten ohne Fernglas nicht.

 

Wir kommen auf unserem Weg hinunter zum Rhein an der Edmund-Hütte vorbei. Im Bereich der Edmundhütte wird es richtig alpin auf dem Rheinsteig, wir müssen uns anstrengen, um auf dem Felsenpfad mit Handseil nicht die Übersicht und das Gleichgewicht zu verlieren.

 

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Oberhalb von Leutesdorf verlassen wir den Rheinsteig, der sich wieder auf luftige Höhen begibt, und orientieren uns an der gelb-orangen Markierung Richtung Ortsmitte und Rhein. Wir gehen an der Rheinpromenade entlang und erreichen das Historische Wirtshaus Leyscher Hof. Dort wollen wir unsere Weinwanderung ausklingen lassen und endlich Doppelkopf spielen.

Am Anfang läuft es ganz schön mies für mich, wer sich mit Doppelkopf auskennt, weiß, wie mies dieses Blatt ist…

 

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…Wir bestellen – jeder nach seinem Gusto – Weine des Weinguts Mohr. Und starten unser Spiel. Im Laufe des Abends gehe ich dazu über, Weinschorle zu trinken. Die Riesling-Schorle ist eigentlich ein logisches Getränk für diese Region, denn Riesling-Weinberge gibt es reichlich, das haben wir während unserer Wanderung gesehen. Überall sprudelt und brodelt es in der Erde. In Rheinbrohl gibt es die Arienheller-Quelle, in Brohl auf der anderen Rheinseite heißt es: „Trink Brohler, dann wird dir wohler“. Also stoße ich auf einen erfolgreichen Doppelkopf-Abend mit meinem schorligen Kaltgetränk an und dichte: „Trink Schorle mit dem Wein vom Rhein, dann wird Dein Leben schöner sein.“

 

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Von der Terrasse der Gaststätte haben wir übrigens einen hervorragenden Blick auf Europas größten Kaltwasser-Geysir bei Andernach, der in bestimmten Abständen mit einer gewaltigen Fontäne auf der anderen Rheinseite in die Höhe schiesst. Ich fühle mich sauwohl am Mittelrhein, die Karten in der einen Hand, ein gutes Glas Wein in der anderen, der Blick auf Vater Rhein.

 



Wer achtzig Jahre vom Weine trinkt, als Greis erst in die Grube sinkt

Geschrieben am um 8:48

2017 habe ich viele sehr schöne Weinwanderungen in den 13 deutschen Weinanbaugebieten erleben dürfen. Dabei habe ich einige Sinnsprüche entdeckt, die ich Euch selbstverständlich nicht vorenthalten möchte.

 

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Natürlich spenden Fröhlichkeit und Sonnenschein auch der Nahe-Wein, der Pfälzer Wein, der Rheingau-Wein, der Franken-Wein, der Sachsen-Wein, der Unstrut-Wein, der Baden-Wein. Zum Beispiel. Aus Gründen der Ausgewogenheit, sollte ich das erwähnen. Nur bei drei-silbigen Anbaugebieten wie Rhein-hes-sen holpert der Reim ein wenig.

Hier ein eher rustikaler Wein-Spruch:

 

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Da klingt schon an, dass beim Weingenuss die Menge eine gewisse Rolle spielt. Das wird noch klarer bei folgender, sehr bekannten Weinsage.

 

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Interessant, dass die Menge mit Flaschen nicht mit Gläsern, sondern mit Flaschen angegeben wird. Aber über vier Flaschen gibt es keinen Tiervergleich mehr. Denn was sagt man über Gérard Dépardieu, der dem Vernehmen nach einen täglichen Weinkonsum von fünf Flaschen hat? Was soll das dann für ein Tier sein?

Aber wie auch immer man das Glas dreht, gilt doch auf jeden Fall das hier …

 

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Weinwandern auf dem Ahrsteig

Geschrieben am um 8:05

 

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Ich starte an der schönen Ahr in Kreuzberg. Weinberge sind in diesem Bereich des Ahrtals – noch – nicht zu entdecken, alle Hänge sind bewaldet. Schnell wird der Weg wirklich alpin. Nicht umsonst heißt der Ahrsteig Ahr-STEIG.

 

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Bei einigen Steigen in Deutschland, zum Beispiel beim Rennsteig, fragt man sich: Wo genau soll man da steigen? Aber auf dem Ahrsteig zwischen Kreuzberg und Altenahr muss man – oder vielmehr darf man – alpin wandern und steigen. Schmale, felsige Pfade am Berg, unter den Füßen der Schiefer, in den viele grobe Stufen gehauen wurde.

Ich erreiche das Schwarze Kreuz oberhalb von Altenahr, ein sogenanntes Unglückskreuz. Für alle Wanderer bedeutet diess Schwarze Kreuz nicht Unglück, sondern Wanderglück. Das Wanderglück, eine gigantische Aussicht auf die Burg Are oberhalb Altenahr zu genießen. Und es ist ein Glück, das Ahrtal wie eine Spielzeugeisenbahn vor sich liegen zu haben.

 

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Eine Modelleisenbahn übrigens, die nicht mit Tunneln geizt, denn im Ahrtal sind nicht nur Wanderer unterwegs, sondern auch Autos, Züge und jede Menge Radfahrer.

Vom Schwarzen Kreuz geht es auf steinigen Pfaden steil abwärts, an der Jugendherberge vorbei. Ich wandere durch den Straßentunnel und bald darauf ein Stück direkt an der Ahr entlang. Es ist interessant zu beobachten, dass am steilen Hang noch einige mit Trockenmauern terrassierte Flächen zu sehen sind, die früher voll mit Weinreben waren.

 

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Wahrscheinlich war der Anbau zu kompliziert und unrentabel, es hat sich einfach für die Winzer nicht mehr gelohnt. Mittlerweile hat sich die wilde Natur wieder ausgebreitet.

Seit dem Start in Kreuzberg ändert sich langsam der Charakter des Tals – schon bei der Aussicht vom Schwarzen Kreuz konnte man unweit der Burg erste Weinhänge entdecken. Je näher wir dem Rhein kommen, desto weniger Wald an den Hängen, dafür umso mehr Weinberge.

Hinter der Saffenburg oberhalb von Mayschoß wandere ich auf breiteren Wegen auf und nieder. Es ist schön schattig und ich gehe in halber Hanglage. Auf den nördlichen Ahrhängen sind zwischen Mayschoß und Rech verstärkt Weinberge zu sehen. Klar, der Wein mag es nicht schattig wie der Wanderer, sondern liebt die pralle Sonne in Südlage.

 

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Zwischen Rech und Dernau wandere ich gemütlich an der Ahr entlang. Der Ahrsteig ist zahm geworden, keine anstrengenden Höhenmeter mehr, reine Wander-Wellness. Ich lasse mir nicht die Möglichkeit entgehen, ein erfrischendes Fußbad in der Ahr zu nehmen. Das ist in anderen deutschen Flüßen, Mosel, Rhein, schon deutlich schwieriger, da kann man im Zweifelsfall in Ufernähe schon nicht mehr stehen. Dort steht einem schnell das Wasser bis zum Hals. Und ein Glaserl Wein muss bei einem Weinwander-Foto auch dabei sein. Das Glas kann man so schön versonnen anschauen, frei nach dem Hamlet-Motto: „Jetzt oder später trinken, das ist hier die Frage“. Ich genieße das großartige Gefühl, in der Ahr stehend Ahrwein zu trinken. Das ist Klasse, sehr zur Nachahmung empfohlen!

 

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Am Bahnhof in Dernau könnte theoretisch meine Wanderung enden. Aber nur theoretisch. Denn bei einer Weinwanderung gehört der abschließende Rundgang in einem Weinort zwingend dazu. Weinwandern ohne Wein ist nun mal wie eine Bergwanderung ohne Berge. In den Straßen von Dernau stoße ich auf ein Wandbild. Ich lese: Vinum ex Dernau. Vorbildliches Latein, Vinum, Vini, Vino ist ein Substantiv (Neutrum) und heißt Wein. Dernau heißt Dernau. Und „ex“ bedeutet nicht, dass man den schönen Spätburgunder von der Ahr möglichst schnell kippen soll, sondern dass der edle Tropfen eben aus Dernau kommt.

 

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Dernau ist eindeutig die Hauptstadt der kuscheligen Straußwirtschaften des Ahrtals. Sehr schön ist die Straußwirtschaft des Weinguts Schloßhof.

Über der Gasse hängt der klassische Reisig-Besen und ein umkränztes Weinglas. Eine ältere Dame kehrt den Bürgersteig vor der Straußwirtschaft und freut sich, dass ich den Besen fotografiere. Stolz sagt sie: „Ich bin die Oma von der Straußwirtschaft und der Besen ist noch von meinem Vater, ein 70 Jahre alter Besen also. Nächstes Jahr muss der aber weg, der ist sehr kaputt.“ Schade um das gute Stück.

Den rheinischen Einschlag finde ich als Kölner im Ahrtal total super. Das Rheinische (das Wort „Rheinische“ muss man mit Dampflokomotiven-SCH sprechen) ist in Dernau überall präsent: Zum einen der Dialekt der Einheimischen. Außerdem heißen die Straßen und Gassen Pötzjass, Kirchjass, Ühlejass. Ein schönes Jeföhl, über diese Jassen zu gehen. Und am Bahnhof von Dernau wehen zwei riesige Fahnen des 1. FC Köln. Herr-lisch!

 

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Weinwandern in Rheinhessen

Geschrieben am um 11:22

Ich wandere auf einem Premiumweg, gekennzeichnet mit einem geschwungenen, kleinen „H“, also einem KLEINEN „h“. Merkwürdig, ich wandere am Rhein, aber nicht auf dem Rheinsteig und auch nicht auf dem Hreinsteig. Ich wandere durch Weinberge, aber nicht durch Heinberge. Warum also „h“???

 

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Das kleine „h“ steht für die Hiwweltouren in Rheinhessen, vier kleine, feine Premiumwege südlich des Rheins im Dreieck von Bingen, Mainz und Alzey. Wobei die Region Rheinhessen nichts mit Hessen zu tun hat, dieses Bundesland beginnt erst nördlich des Rheins im Rheingau. Geografisch ungefähr alles eingenordet? Dann trinken wir jetzt erst mal den rheinhessischen Wein…

Es ist ja eine schon fast philosophische Frage, sozusagen eine philosophische Frage des Weinwanderns, ob man zuerst den Wein trinken sollte oder danach. Also: erst einmal das Produkt der Weinberge trinken und dann durch die Weinberge wandern, und zu denken, ah, mmmh, das habe ich also eben verkostet. Oder umgekehrt erst weinzuwandern und hernach sich die Wanderung noch mal über den Gaumen zu Gemüte zu führen. Ich habe auf der Hiwweltour Bismarckturm Variante Eins gewählt.

 

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Die Weine des Weinguts Gres im Weindorf Appenheim definieren sich ganz stark über den Terroir, das heißt über die Böden, in denen die Rebstöcke stecken, unfachmännisch gesprochen. Es gibt den Chardonnay vom Korallenriff, den Graubrugunder vom Loess und den Riesling von der Kreide. Weingut-Chefin Isabell Gres gibt mir einen Silvaner aus dem Muschelkalk ins Glas. Und damit das Ganze noch anschaulicher wird, legt sie ein Stück von dem Muschelkalk neben das Glas. das finde ich großartig, da wird das Weinerlebnis noch sinnlicher, (fast) alle Sinne sind beteiligt: Auge, Zunge, Geruch und eben auch die Haptik, denn man kann sich nicht nur ans Weinglas, sondern auch an den Muschelkalkstein klammern.

Mutter Gres ist in der Küche der Weinstube zugange („Herrje, der Gulasch ist uns angebrannt, riecht man das noch?“ – ehrlich gesagt nein, es duftet nur verdammt lecker) und zeigt mir aus dem Küchenfenster die Hundertgulden-Lage. Frau Gres sagt: „Da oben geht die Hiwweltour entlang, da wandern Sie gleich, und darunter ist die Hundert-Gulden-Lage.“ Hundert Gulden, ein stolzer Preis, schon Hildegard von Bingen hatte übrigens bei dieser Lage ihre Finger im Spiel, und der Papst Eugen III. auch.

 

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Ich wandere vom Appenheimer Ortsrand los und habe die legendäre Hundertgulden-Lage schnell erreicht. Und warum die Hiwweltouren Hiwweltouren heißen, erschließt sich auch sofort. Hiwwel, das sind im rheinhessischen Dialekt die Hügel. Und die sanft geschwungene hügelige Landschaft mit den vielen Weinfeldern und Weinbergen (keine Steillagen) ist eben typisch für die Region. Schon ungefähr einen Kilometer hinter Appenheim erreiche ich den Tisch des Weins…

 

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Eigentlich müsste dieser Tisch „Tisch der Weine“ heißen, denn er ist so lang, das minimum zwanzig Leute dran passen und die wollen doch nicht nur eine Flasche Wein trinken, oder? Gut, dass ich erstens alleine bin und den ganzen Tisch für mich alleine habe, und zweitens einen Riesling aus der Lage Hundertgulden dabei habe. Wie in der Pfalz (Eintrag vom 16. April) scheint es in vielen Weinbaugebieten Deutschlands Pflicht zu sein, ein Tischlein-Deck-Dich-Wunder für alle Weinwanderer parat zu haben. Wobei mir ein Weinschränkchen der Appenheimer Winzer direkt am Weg noch besser gefallen hätte.

Ich gehe weiter auf meiner Hiwweltour, bis ich oberhalb von Gau-Algesheim die Gaststätte Waldeck erreiche. Weil Spargelsaison ist, bestelle ich ein Spargelgericht mit regionalem Spargel und trinke dazu einen halbtrockenen Riesling vom Ingelheimer Winzer Prieß.

 

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Bevor ich anfange zu essen, habe ich eine Vision. Es gibt Menschen, die erkennen in einem Reibekuchen die Umrisse des Saarlands. Es gibt Menschen, die haben religiöse Visionen. Und ich sehe in meinem Spargelgericht eine Miniaturvision der rheinhessischen Landschaft. So wie sich der rohe Schinken über meinen Teller schlängelt, so prägt der Rhein die Landschaft und ist mit seinen jahrmillionen-alten Ablagerungen die Quelle für hervorragende Weinlagen. Der Spargel symbolisiert die leicht hügelig-hiwweligen Bodenwellungen, die Sauce Hollandaise sind die Weinberge mit ihren Reben. Nicht auf jedem Hügel vorhanden, aber auf fast jedem. Und die dicke Kartoffel steht für die wuchtigen Berge des Taunus, die man auf der anderen Rheinseite sehen kann. Man spricht im Zusammenhang von Rheinhessen oft von Verspargelung, weil Hunderte von Windrädern die Gegend verschönern. Übrigens sehe ich im Bereich der Hiwweltour Bismarckturm kein einziges Windrad.

 

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Direkt neben meiner Einkehr steht der Bismarckturm, nach dem diese Hiwweltour benannt ist. Dieser Bismarck muss schon ein doller Wandervogel gewesen sein, in ganz Deutschland stehen seine Türme rum.

Den besten Ausblick der Hiwweltour gibt es aber von einem Ort, der ziemlich gaga ist…

 

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GAGA Aussicht (GAGA steht für die „Gebrüder Avenarius Gau-Algesheim, Herr Avenarius war der Begründer einer Firma für Metallputzmittel) heißt der Traumblick Richtung Nordwesten. Für mich ist es ein Vier-Weinanbaugebiete-Blick. Wir stehen in Rheinhessen, Weinanbaugebiet Nummer Eins, zur linken Hand blicken wir in das Land der Nahe, Weinanbaugebiet Nummer Zwei, gegenüber schauen wir auf den Rheingau, Weinanbaugebiet Nummer Drei, und hinter dem Binger Loch kann man Weinanbaugebiet Nummer Vier, den Mittelrhein, erahnen. Ein knappes Drittel aller deutschen Weinanbaugebiete auf einen Blick, das ist Weltrekord!

Das Motto der Hiwweltouren ist übrigens „Quer Feld Wein“. Dem kann ich nur zustimmen. Man sollte aber ergänzen:

Beim Weinwandern in Rheinhessen

Die Weinprobe nicht vergessen.



Weinwandern in der Pfalz

Geschrieben am um 8:49

Ab heute werde ich in lockerer Folge von meinen Weinwanderungen in Deutschland berichten. Das Deutsche Weininstitut hat mich beauftragt, als Weinwander-Botschafter die 13 Anbaugebiete Deutschlands zu erkunden. Ich beginne mit einer Wanderung auf dem Pälzer Weinsteig von Bad Bergzabern nach Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze.

 

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Mittwoch Mittag, 13:00, an einem herrlichen Frühlingstag. Weinwanderer Andrack ist glücklich. Ich habe eine Weinstube im Dornröschen-Dorf Dörrenbach gefunden, die Weinstube zum Spundloch. Nach unglaublich strapaziösen fünf Kilometern auf dem Pfälzer Weinsteig war ich am Ende meiner Kräfte. und brauchte dringend eine Stärkung. Nach einer großen Portion Saumagen mit Sauerkraut plus Grauburgunder plus Gewürztraminer kam ich wieder zu Kräften und konnte weiter wandern.

Märchenhaft war der Witz, den ich in der Weinstube erlauschte: Kommt eine Fee zum Saarländer, der hat einen Wunsch frei und wünscht sich eine hohe Mauer um das Saarland als Schutz vor der Pfalz (Honecker und Lafontaine sind eben auch Saarländer). Puff, der Saarländer bekommt die Mauer. Auch der Pfälzer hat einen Feenwunsch: „Und jetzt bitte innerhalb der Mauern alles fluten“. So was muss man sich als Saarländer in der Pfalz anhören, echt fies.

 

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Auf der Wanderung blieb es märchenhaft. Im Pfälzer Wald muss man nur laut rufen „Tischlein Deck Dich“, schon wird eine herrliche Flasche Rotwein auf den Steintisch gezaubert. Das funktioniert aber nur in der Pfalz, denn dort gibt es das größte deutsche Rotweinanbaugebiet der Welt und da bleibt so manche Flasche guten Rotweins übrig.

 

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Am Stäffelsbergturm sehe ich, wie es zwei Wandersleute im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen hat. Haben die zu oft „Tischlein Deck Dich!“ gerufen und sind jetzt im Reich der Weinseligkeit? Ich vermute eher, dass die Aussicht auf das Rheintal die beiden umgehauen hat …

 

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Bis auf die gegenüberliegenden Schwarzwaldhöhen bei Karlsruhe kann man sehen, ein traumhaftes Panorama. Weiter ging es über die typischen, sandigen Kieferwaldwege des Pfälzer Walds. Der Witz am Pfälzer Weinsteig ist ja, dass man zum überwiegenden Teil im Wald wandert, umso schöner sind die Aussichtspunkte wie an der Ruine Guttenberg.

 

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Das ist schon interessant: die Geschichte der Gutenbergburg wird auf der Erklärtafel erläutert. Nur: Irgendwann wird aus der Gutenbergburg die Guttenbergburg. Sehr sehr verdächtig, wenn da nicht dieser ehemalige Bundesminister mit den gegelten Haaren seine Finger im Spiel hat. Kann sich noch jemand daran erinnern, dass der Guttenberg früher als Angie-Nachfolger gehandelt wurde? Und: Kann sich noch jemand erinnern, dass der Schulz früher als Angie-Nachfolger gehandelt wurde?

 

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Normalerweise würde ich sagen: Der Blick auf Schweigen wäre zum Niederknien. Aber bei so einem Ausblick sollte man eher: schweigen. Okay, blöder Kalauer. Nach 15 Kilometern habe ich mein Wanderziel in Schweigen-Rechtenbach erreicht, dort tummeln sich diverse Weltklasse-Winzer direkt an der französischen Grenze. Und zum Ende der Wanderung habe ich noch ein Erfolgserlebnis der besonderen Art:

 

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Mit einem satten Links-Schuß erziele ich ein spektakuläres Weintor. Der Jubel ist grenzenlos: Wein! Tor!



Traumschleife Nummer 94

Geschrieben am um 6:08

Traumschleife Nummer 94, Klingelfloß. Hört sich sehr interessant an, das macht mich neugierig. Ich starte am Restaurant Birkenhof. Ich habe das mal umgekehrt gemacht, erst Essen und Belohnungsbier schon vor der Wanderung. Das hat den Vorteil, dass man sich die überschüssigen. Kalorien direktemang wegwandern kann.

 

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Wenige Meter vom Birkenhof entfernt findet sich das Eingangsportal der Traumschleife. Die aus Holz geschnitzte Glocke soll wohl an die ominöse Klingel im Titel dieses Premiumwegs erinnern. Aber jetzt mal ehrlich? Wieso ist die Glocke denn aus Holz? Die klingelt doch gar nicht. Da kann man vielleicht gegenhämmern, aber doch nicht klingeln. Ich fände es hübsch, wenn eine supergroße Klingel dort angebracht wäre, und immer wenn ein Wanderer auf der Traumschleife geht, klingelt man. Und das ist dann so laut, dass man es auch in Kastellaun und Simmern hören kann.

Man muss es ganz offen sagen, auf den ersten beiden Kilometern der Traumschleife Nummer 94 muss man schon ein großer Fan der Windkraft sein, um diese Traumschleife umwerfend zu finden. Da klingelt nicht nur das Floß, sondern es rauscht auch das Windrad.

 

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Aber es gibt immer wieder wunderschöne Pfade, kleine Stege, Brückchen, einen schönen Bachlauf, verwunschene Nadelwälder, Fischteiche des nahegelegenen Klosters, alles sehr großartig.

 

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Highlight der Tour ist natürlich das namensgebende Waldstück Klingelfloß. Das ist einfach ein etwas merkwürdiger Flurname. Und am kleinen, feinen, uralten Teich, auf dem man ganz bestimmt kein Floß braucht, denn da kann man fast an’s andere Ufer springen, an diesem Teich also steht eine wunderbar altmodische Schutzhütte für die Waldarbeiter. Nach einem Vorbild aus den Karpaten gebaut.

 

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Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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