Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Die höchste Felswand

Geschrieben am um 6:23

Ich muss es immer wieder betonen. Das Schönste beim Wandern sind die überraschenden (Natur-)-Erlebnisse und die Vielfalt. Eine Wandertour sollte abwechslungsreich sein, in Patagonien können die anderen wandern. Sehr schön finde ich, dass auch keine Weinwanderung der anderen ähnelt. Man könnte ja denken, dass sich da viel wiederholt. Durch Weinberge gehen, einen guten Tropfen trinken, Heimfahrt.

 

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Aber dann ist da plötzlich an der Nahe dieser gigantische Steinbrocken. Der Rotenfels! 1.200 Meter lang, über 200 Meter hoch. Die höchste Felswand zwischen Alpen und Skandinavien, zwischen Matterhorn und den norwegischen Fjorden. Und… ja, unglaublich aber wahr, ich fahre gerade unten am Rotenfels im Zug vorbei, während ich über diese Weinwanderung schreibe. Tausendmal dran vorbeigefahren, mit der Vlexx von Saarbrücken über St.Wendel und Idar-Oberstein. Und kurz vor Bad Münster am Stein (mit dem Stein ist übrigens ein anderer Stein gemeint, der Grafenstein) erhebt sich dann der Koloss.

 

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Ich bin mit Marian auf der Vitaltour Rotenfels gewandert. Knackige 16,6 Kilometer, da braucht man schon einige Vitalität. (Kritisch angemerkt: Vitaltour finde ich als Wanderwegname etwas unglücklich, das hört sich an wie, Kurschatten oder einer Kur zum Abnehmen.

 

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Ein Teil des Premiumwegs verläuft durch Bad Kreuznach. Ich musste meine Vorurteile revidieren, denn ich hielt die Geburtsstadt von Julia Klöckner immer für das hässliche Entlein von der Nahe. Fehler, denn es gibt sogar eine ziemlich alte Stadtmauer …

 

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… und sogar sehr schöne Abschnitte der Nahe. Vielleicht doch den nächsten Urlaub in Bad Kreuznach buchen. Wie sich das für eine Weinwanderung gehört, habe ich mich – in Ermangelung von Gastronomie am Wegesrand (Coronabedingt geschlossen) vorab mit Wein versorgt.

 

 

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Im Weinort Traisen am Rotenfels hatte ich beim Weingut Beisiegel vier Flaschen gekauft. Einen Frühburgunder trocken (phantastisch!), einen Spätburgunder trocken und halbtrocken und einen Grauburgunder. Und so haben wir (ich hatte auch Käse und ein frisches Baguette dabei) als Edelpenner im Schlosspark von Bad Kreuznach eine großartige Weinprobe gemacht.

 

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In den Wäldern zwischen Bad Kreuznach und Rotenfels fanden wir in einer Schutzhütte eine Werbung für Wandern im Kaukasus. Nicht weit von der Nahe entfernt und die georgischen Weine sind auch recht ordentlich. Zum Abschluss gab es dann wieder spektakuläre Ausblicke auf die mächtigen Steinbrocken des Rotenfels. Eine absolute Must-Have-Wanderung.

 

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Hinkelstein und hüpfende Eichhörnchen

Geschrieben am um 6:23

Warum werden bei Premiumwegen keine Schönheitspunkte oder Fitnesspunkte verteilt, sondern Erlebnispunkte? Natürlich, weil man auf einem herausragenden Wanderweg etwas erleben soll, im besten Fall sollten die Erlebnisse über das Landschafts- und Naturerlebnis hinausgehen, das setzt man ja bei Premiumwegen neben optimaler Markierung und schönen Wegen sowieso voraus.

 

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Auf der Traumschleife Römer-Kelten-Pfad südlich von Trier (70 Erlebnispunkte!) erwartete ich also Erlebnisse aus der Zeit der Römer und Kelten, vielleicht ein Wagenrennen wie in Ben Hur, einen Gladiatorenkampf, irgend so etwas in dieser Richtung.

 

 

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Zunächst aber eine Sprunggrube für Wildtiere, ein etwas ungleicher Wettkampf, treten bei diesem Weitsprung doch Tiere von sehr unterschiedlicher Körpergröße an. Kein Wunder also, dass der Hirsch mit acht Metern den weitesten Hupfer macht. Aber der Gewinner an der Sprunggrube in Relation zur Körpergröße ist das Eichhörnchen.

 

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Vier Meter! Die Eichhörnchen im Hunsrück scheinen ja mächtige Sprungfedern unter den Pfoten zu haben. Vier Meter! Das schaffen unsere degenerierten und verwöhnungsverwahrlosten Eichhörnchen im heimischen Garten aber nicht. In einer Harald-Martenstein-Kolumne im ZEIT-Magazin lese ich gerade, dass die putzigen Eichhörnchen in den USA geschossen werden und dort „Hühnchen der Äste“ genannt werden. Und in ebendieser Kolumne lass ich mit Erstaunen: „Der Maler Toulouse-Lautrec aß häufig Eichhörnchen in Paris und beschrieb das Fleisch als erfreulich pikant.“ Wenn diese Sätze von Eichhörnchen gelesen werden, ist es kein Wunder, dass sie plötzlich vier Meter weit hopsen.

 

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Nächstes Highlight, ein Gräberfeld der Kelten. So ein Hügelgrab kommt meistens unscheinbar daher. Fast so unscheinbar wie der Hinkelstein am Wegesrand.

 

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Beim wackeren Obelix, das ist ja ein wahres Prachtexemplar von Hinkelstein, beim Zeus, Thor, Jupiter oder an was diese Kelten geglaubt haben. Ein richtig fein behauener Stein, so groß, dass ein Eichhörnchen seine Schwierigkeiten hat, drüber zu springen.

 

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Weder von den Römern, Kelten oder sonst einem unserer Vorfahren ist dieser Pfad erschaffen worden. Es ist ziemlich sicher ein Laub-Weg. Achim Laub, der Erfinder der meisten Traumschleifen, ist Experte für die Neu-Anlegung von schönen Wanderpfaden. Man sieht links im Bild die breite Forststraße, rechts davon den schön sich schlängelnden Pfad, der neu in den Wald gefräst wurde.

 

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Ein weiteres Highlight des Römer-Kelten-Pfads, auf alle Wegweisern angekündigt, ist eine alte Römerstraße. 11,4 Kilometer ab dem Start habe ich auf den Weg römischen Ursprungs gewartet. Und als ich die Römerstraße erreichte, sah ich ziemlich schnell als interessierte Laie – das ist ja keineswegs eine Römerstrasse, sondern eine neuzeitliche Handelsstraße mitten im Wald. Woran man das erkennen kann? Nun, da muss ich etwas weiter ausholen, das gibt einen eigenen Blog, nächste Woche.



Zum Wohl die Pfalz

Geschrieben am um 6:23

„Geiz ist geil!“, „Nicht Sauber, sondern rein“, „Herr Kaiser, der Mann von der Hamburg-Mannheimer.“ So bekannt wie diese Werbesprüche ist „Zum Wohl die Pfalz“ noch nicht. Aber es beschreibt – oder ist das jetzt schon rassistisch? – die Mentalität der Pfälzer schon ganz gut. Egal ob sie Versicherungen verkaufen, als Bademeister oder als Erzieherinnen tätig sind, am Ende des Tages heißt es in der gesamten Pfalz – Zum Wohl!

 

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Ich habe unlängst eine neue Etappe des sehr abwechslungsreichen Pfälzer Weinsteigs in Angriff genommen. Von Klingenmünster nach Bad Bergzabern. Klingenmünster klingt schon nach Mittelalter, Tjost, Lanzen, die auf Rüstungen prallen. Folgerichtig starteten wir (wer wir sind, dazu gleich mehr) auf der Stauferburg Landeck oberhalb von Klingenmünster. Mit einem deftigen Essen. Und merke: Auf einer Weinwanderung sage stets zum Start Wohl die Pfalz, damit nicht auf der Rückfahrt Du brichst Dir den Hals.

 

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Mit von der Partie waren Dirk Schümer (der Mann mit dem Hut hinter mir) und seine Frau Birgit. Schümer war zu Recht etwas beleidigt, dass ich ihn in meinem nächsten Buch als einen der besten Journalisten Deutschlands bezeichnet habe. Was heißt „einer der“? Und warum nur Deutschland? Auf jeden Fall ist Schümer nicht nur ein toller Typ, kann über fast jedes Thema unterhaltsam erzählen, sondern schüttelt Schüttelreime sozusagen aus dem Ärmel.

 

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Völlig begeistert zeigte sich das Ehepaar Schümer von meinem Weinwanderequipment. Nicht nur die Kühlmanschette (diese habe ich übrigens dereinst als Geschenk vom derzeitigen DFB-Präsidenten erhalten) für den Weißwein (vom Weingut Rapp aus Dörrenbach) war am Start, sondern auch ein Set aus zusammenschraubbaren Plastik-Weingläsern. Savoir vivre, sage ich da nur. Übersetzt vom Isländischen ins Deutsche heißt das: Zum Wohl die Pfalz!

 

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RWW – gar nicht sooo schlecht

Geschrieben am um 6:23

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Es ist so eine Sache mit den Vorurteilen. Man denkt, die Schwaben seien faul, die Ostfriesen hochintelligent, alle Berliner Spaßvögel, die Bayern trinken nur Wein – aber dann stimmt das gar nicht! Genauso sollte man vorsichtig sein, Wanderwege in eine Schublade zu stecken. Der Rotweinwanderweg an der Ahr war für mich bislang ein absolutes No-Go. Die Vorurteile: Wanderautobahn, völlig überfüllt, alles asphaltiert. Das stimmt natürlich alles, aber nicht für jeden Abschnitt.

 

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Man sollte in Mayschoss starten. Nicht nur weil der Ort wunderschön ist und die Saffenburg wildromantisch, sondern auch, weil man sich in der ältesten Winzergenossenschaft der Welt (1868 gegründet , nicht zu verwechseln mit einem Jahrgang) in Mayschoss eine schöne Wegzehrung für eine zünftige Weinwanderung mitnehmen kann.

 

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Normalerweise mag der Wanderer es nicht, zu weit vorausschauen kann. Wenn man schon sieht, wo man den nächsten Kilometer gehen muss, deutete das (normalerweise) auf einen schnurgeraden Weg. Nicht so im Ahrtal, schön geschwungen schmiegt sich der RWW zärtlich an die Weinhänge – und alles unasphaltiert.

 

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Der Wegabschnitt zwischen Mayschoß und Dernau auf dem RWW ist sehr zu empfehlen, danach ist es nicht mehr so prickelnd. Also sollte man in Dernau auf den Ahrsteig wechseln. Dafür muss man aber sehr zügig die Brücke überqueren. Schlendern, trödeln, flanieren ist streng verboten.

 

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Schlimm ist es immer die Wahl zu haben. Keine Wahlfreiheit zu haben, das hat Angela Merkel kürzlich bezüglich der DDR hervorgehoben, kann auch ganz entspannend sein. Aber ich bin ja selber schuld – wenn man sich nicht zwischen einem trockenen und einem halbtrockenen Spätburgunder entscheiden kann, muss man eben beide trinken.

 

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Typisch Rheinländer. Aber lassen wir das mit den Vorurteilen.



Teuflische Zeiten

Geschrieben am um 6:33

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In Krisenzeiten braucht man immer einen Sündenbock. Im Mittelalter waren das Hexen und vor allem – der Teufel. Daher hat die Stadt Pirmasens in der Westpfalz den Teufelspfad angelegt. Wer weiß, vielleicht war ein teuflischer Hintergedanke eine Reminiszenz an den 1. FC Kaiserslautern, die teuflischen Betzebuben, die in der nächsten Saison leider in der vierten Liga spielen müssen, wenn es eine nächste Saison geben sollte.

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Der Teufelspfad macht vor allem in der Teufelsschlucht mit vielen schönen Felsen große Wanderlust. Durch diese hohle Gasse ist er wohl dereinst geschlendert, der Beezlebub, um sich sodann …

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… am Teufelsbrunnen mit einem Schluck kühlen Wassers zu laben. Irgendwie ist alles ziemlich teuflisch an diesem Wanderweg, daher gehe ich auch davon aus, dass der Gehörnte auch auf diesem …

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… Teufelsstein Platz nahm, um kommende Untaten, Schandtaten und Pandemien zu planen. Nun fragt man sich ja als geneigter Teufologe, wie er denn nun aussieht, der Dämon. Da der Typ wahnsinnig eitel ist (Todsünde!) hat er natürlich eine Holzskulptur nach seinem Ebenbilde anfertigen lassen …

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… die Teufelsstatue. Nicht gerade ein Adonis, dieser Höllenbaron. Irritierend ist auch, dass des Teufels Gemächt doch recht winzig erscheint …

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… der Teufelspenis ist wahrlich winzig geraten. Aber auf so einen Teufelspenis haben sich die Hexen nicht verlassen, dafür hatten Hexen („Hex Hex“) ja Hexenbesen. Nach der teuflischen Wanderung hatte ich mich auf eine schöne Teufels-Einkehr gefreut, …

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… die Teufels-Gaststätte hatte im Netz mit pfälzischen Köstlichkeiten geworben, wie zum Beispiel einem teuflischen Saumagen. Aber, Teufel noch mal…

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… das Teufels-Naturfreundehaus hatte teuflischen Ruhetag. Auch schon vor Corona. Also auf in den …

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… Teufels-Supermarkt mitten in Pirmasens. Mit teuflischem Hunger spürte ich ziemlich rasch …

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… die Wurst-Theke des Teufels auf und kaufte mir reichlich Saumagen. Schnell nach Hause ins Saarland (dehemm ist es doch am schönsten) …

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Und dort habe ich mir auf des Teufels Herd in der Teufels-Pfanne ein teuflisches Mittagessen bereitet.

Hurra! Darauf ein teuflischer Reim:

Saumagen aus der westlichen Pfalz,

schmeckt wie Bananen von Manni Kaltz



Die erste Weinwanderung in Corona-Zeiten

Geschrieben am um 6:23

Vorgestern die erste Weinwanderung in Corona-Zeiten. Schon die Anreise zum Bahnhof Flonheim/Rheinhessen war etwas beschwerlich. Die Zugtaktung im Regionalverkehr ist ja ziemlich ausgedünnt worden, daher ist an einigen Gleisabschnitten das Strauchwerk doch relativ üppig gewachsen.

 

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Start auf der Hiwweltour „Aulheimer Tal“. Es ging los auf einem Naturpfad. Es ist brillant, ein großes Holzschild an den Naturpfad zu stellen, sonst hätte man gar nicht gewusst, dass der Naturpfad ein Naturpfad ist.

 

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An der ersten Rastmöglichkeit mit Ausblick lag eine amtliche Mitteilung auf dem Tisch. Rasten + Picknick mit mehreren Personen ist strengstens verboten. Ich habe kurz durchgezählt – EINS! – und habe Wein und Käse ausgepackt.

 

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Im Nachhinein bin ich glücklich gewesen, dass es bei der ersten Picknick-Möglichkeit überhaupt noch eine Tischplatte gab. An anderen Stellen des Wegs in der Rheinhessischen Schweiz (wer braucht noch die „richtige“ Schweiz, wenn es die Rheinhessische Schweiz gibt?) ist die Tischplatte des langen „Wein-Tischs“ komplett verschwunden, abgebaut von Anti-Corona-Wander-Partys-Sonder-Einsatz-Kommandos.

 

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Ich dachte, ich hätte mich verlaufen, als ich die Markierung „Küstenweg“ sah. Plötzlich an der Waterkant, an der Adria, an der Costa Brava? Nein, die ehemalige Küste ist in der Landschaft noch ganz gut zu erkennen. Seit ungefähr 30 Millionen Jahre ist die Küste aber keine Küste mehr.

 

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Damals reichte die Nordsee bis an die Eifel heran. Wie man auf der Karte sieht, waren „K“ und „L“, also Köln und Leipzig, am Meeresboden zu finden.

 

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Sehr schön war es, am weißen Trullo zu rasten. In Rheinhessen wurden die Trullos als Winzerhäuschen genutzt, ursprünglich findet man diese Hüttenform allerdings nur in Apulien. Ein kleiner Trost in Corona-Zeiten. Wenn man schon nicht nach Italien reisen darf, kann man ein Stück Italien in der Heimat genießen.

 

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Die Flasche vor dem Gesicht ist eine Metapher. Eine Metapher dafür, dass ich die Zukunft als Optimist rosarot sehe. Zurzeit ist es natürlich einfach nur traurig, am Ende der Wanderung die abgesperrte Gaststätte zu sehen. Kein Belohnungsbier dank Corona. Hoffentlich ist dieser Spuk bald vorbei. Bitte öffnet die Biergärten so schnell wie möglich, wir halten auch Abstand!

 

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Weinlese in Boppard

Geschrieben am um 6:23

Gaaanz langsam naht der Frühling, die Sonnenstrahlen wärmen wieder das Herz nach diesem eisigen, kalten Winter. Bald schon kommt die Zeit der Lese, die Trauben sind reif, der Winzer fährt hinaus in die Weinberge, um die Ernte einzufahren. Wie bitte, es ist erst März? Ach so. Ich dachte, wegen Klimawandel und so, günge das schneller in diesem Jahr. Na gut, dann erzähle ich eben ein wenig von meinem Lese-Abenteuer im Herbst 2019.

 

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Hat sich nicht schon so mancher in seiner Midlife-Crisis gefragt, ob er dereinst wirklich den richtigen Beruf ergriff? Jeden Tag die gleiche Scheiße, die gleichen Kollegen, der gleiche geistig zurückgebliebene Chef. Die Wahrheit ist: ja, wir haben fast alle einen Fehler bei der Berufswahl gemacht – den Fehler, nicht Winzer zu werden. Ein Arbeitsplatz mit garantiert schönen Ausblicken ist schon mal die halbe Miete.

 

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Allerdings hat es ein Winzer in Zeiten des Klimawandels nicht leicht. Ich durfte beim genialen und traditionsreichen Weingut „Heilig Grab“ in Boppard bei der Weinlese helfen. Traditiosnreich? Und wie! Warum liegt das Weingut direkt am Bahnhof? – Der Bahnhof wurde eben später erbaut. Aber wenn der Sommer zu heiß war, dann sehen die Trauben eher wie Rosinen aus, bei der Lese heißt das: Traube ernten, die trockenen Stellen mit dem dicken Daumen wegpiddeln, ab in die Plastikkiste.

 

 

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Wir haben früh in der Steillage angefangen, das war echt harte Arbeit. In der Truppe zu arbeiten war sehr schön. Es wurde viel geredet. Was man so alles über die Bürger von Boppard erfahren konnte… Mein Lieblingsspruch eines Erntehelfers nach einem kurzen, aber heftigen Regenschauer: „Die Trauben kann man aber nicht mehr zu trockenem Wein verarbeiten.“

 

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Das Beste am Weinlesen sind die Pausen. Zweites Frühstück und Mittagessen, Kaffee und Kuchen gibt es bei der Rückkehr im Weingut. Die Frage ist immer, ob die Biertischgarnitur unterhalb oder oberhalb des Wingerts aufgestellt wurde. Beim Mittagessen ging es nach oben. Die polnischen Frauen durften mit dem Schlitten hochfahren, ich musste die 70-prozentige Steigung hochstiefeln. Die letzten zwei Meter habe ich nicht geschafft, mit vereinten Kräften wurde ich hochgezogen.

 

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Das Schönste an der Pause ist, wenn der Wein kommt. Eiserne Regel: Kein Wein ZUM Essen, sondern erst danach. Als Dessert. Als Absacker. Als Muntermacher für die nächsten Rebreihen.

 

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Irgendwann hatte ich Rücken vom vielen Bücken, um an die Trauben zu kommen. Also erfand ich die Bopparder Sitzlese. Das ist bequem und effizient. Von wegen Sitzen ist für den Arsch. Eher eine Art entspannte Yoga-Übung mit sinnvollem Ertrag. Wenn ihr Wein kosten wollt, den ich vielleicht auch mitgelesen habe, müsst ihr Euch noch ein wenig gedulden, bis der 2019er fertig ist. Bestellungen an weine@heiliggrab.de



Achtung Sharf

Geschrieben am um 6:27

Save the date – notiert Euch im relativ neuen Jahr schon mal einen Termin. Am 19. + 20. Juni wandere ich im Pirmasenser Land und spiele Andracks Kleine Wandershow. Pirmasens, wo war das denn noch mal? Das ist Westpfalz, südwestliche Ecke von Deutschland. Und dort gibt es einen Haufen neuer Premiumwege zu entdecken, unter anderem den Helmut-Kohl-Weg

 

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Ob der Altkanzler dort wirklich gewandert ist, weiß ich nicht. Klar ist auf jeden Fall, dass die Wanderungen von Kohl weltgeschichtliche Auswirkungen hatten. Wie sähe die Welt heute aus, wenn Birne nicht dem Gorbatschow auf den Waldspaziergängen die DDR abgequatscht hätte? Vielleicht würde dann Gospodin Putin in Erfurt, Magdeburg und Rostock regieren.

Aber jetzt mal im Ernst, der Premiumweg, von dem ich heute erzählen will, hat natürlich einen anderen Namen.

 

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Das Pirmasenser Land liegt eben so weit im Südwesten, dass die Grenze zum ehemaligen Erbfeind sehr nahe ist. Normalerweise denkt man bei Grenzwegen eher an langweilige, schnurgerade Forstpfade. Nicht so bei diesem Spitzenweg. Mitten im Wald schlängelt sich ein schmaler Pfad bergan, bergab, von Felsen begleitet an der Grenze entlang. Historische Grenzsteine belegen, dass die Frontière schon seit Jahrhunderten in der heutigen Form Bestand hat. Einen sehr gut erhaltenen Stein von 1609 habe ich gefunden, der die Grenze zum damaligen Lothringen markiert.

 

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Auf jüngeren Grenzsteinen irritiert auf den ersten Blick, dass zwar auf der einen Seite ein „F“ für France hinein gemeißelt wurde, auf der anderen aber ein „B“. „B“ wie Birmasens oder die Bfalz? Nein, bis 1920 war die Pfalz bayerisches Territorium, sakrakruzifixochamol. Erst musste Bayern die Pfalt abgeben, als nächstes macht sich auch noch Franken selbstständig.

 

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Wenn man auf dem Grenzweg wandelt, sollte man sich nicht über die Geräusche wundern. Keine Sorge, auch das französische Militär weiß, dass die Erbfeindschaft überwunden ist, aber man dachte sich, dass ein so wunderbar abgelegener Wald sehr geeignet für ein Truppenübungsgelände sei. Daher: immer schön auf dem Premiumweg bleiben, sonst Lebensgefhar!

 

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Jetzt aber mal ehrlich, cher amis, muss denn so was sein? Das beschädigt doch die deutsch-französische Freundschaft, wenn ihr noch nicht einmal die simpelsten deutschen Worte richtig schreiben könnt. Wir schreiben ja auch nicht Frongs auf unsere Schilder, wenn wir auf Euer schönes Land mit Baguette und Jeanette hinweisen wollen.

 

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Und der Hinweis „Achtung Sharf“ gehört nur auf die Speisekarte indischer oder chinesischer Spezialitätenrestaurants.



Weinwandern mit Boller-Kloneks in Rheinhessen

Geschrieben am um 6:23

Auf der Weintour in München habe ich Jürgen und sein Frau Ulla kennengelernt. Ulla und Jürgen Klonek vom Weingut Boller-Klonek. Aus Stadecken-Elsheim in Rheinhessen. Beim Plausch (dem 30 interessierte Weinfreunde lauschten) erfuhr ich, dass quasi hinterm Weingut die Hiwweltour „Stadecker Warte“ entlang geht. Und dass das Winzerpaar den Weg noch nie gelaufen ist. Wie bitte? Hallo? Vor der Haustür und noch nie abgewandert?

Also haben wir einen Weinwandertermin vereinbart. Über Weinbergstraße und Winzerweg (fehlte nur noch die Schoppenallee und der Wingert-Boulevard) ging es zur Hiwweltour.

 

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Schon bald Genuss von traumhaften Blicken Richtung Norden in den Rheingau (Taunus). Im Verlaufe des Wegs konnten wir weitere Mittelgebirge ausmachen: Im Uhrzeigersinn: Odenwald, Pfalz und Hunsrück.

 

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Ungeliebte Schädlinge im Weinberg sind Rehe. Damit man die lieben Bambis nicht reihenweise umnieten muss, wird Schafswolle an die Drähte der Rebreihen geknotet, denn Rehe stehen nicht so auf den Feta-Geruch. Alle Hiwweltouren verfügen über einen langen Tisch, an dem auch Wandergruppen mit bis zu dreißig Personen locker Platz finden.

 

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Zufällig standen auch Gläser und eine Kühltasche am super-langen Tisch, und wir testeten den erste Chardonnay von Jürgens Sohn. Große Klasse! Auch schön: Der Sohnemann hat sich nach etlichen Jahren beim ZDF dazu entschieden, auf Winzer umzuschulen und dereinst den Betrieb zu übernehmen. Chapeau! Mit dem Ersten sieht man eben doch besser.

 

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Auf alle Flaschen der Boller-Kloneks klebt das Etikett: Vegan. Jürgen war veganer Pionier, er ist stolz, das erste Weingut Deutschlands zu sein, die seit 2012 ausschließlich vegan arbeiten.

 

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Achtung! Weinbaustelle! Wegen einer ausgedehnten Flurbereinigung wurde die Hiwweltour dezent umgeleitet. Ziemlich genial das Warnschild.

 

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Auf den Höhen über Stadecken die Warte, wo dereinst Weinberg-Warte darauf warteten, die Ankunft von Staren per Funk zu melden, worauf dann Schreckschuss-Explosionen die Trauben-Räuber vertreiben sollten. Kein Witz.

 

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Kurz bevor es wieder hinunter ins Tal nach Stadecken ging, genossen wir noch in einem überdachten Pavillon Blicke, Wein, Wetter und Gespräche. Jürgen erzählte mir, dass er unweit einige Reben stehen hat. Und in einer Arbeits-Pause vor einigen Jahren blickte er von seinem Trecker in die Landschaft und dachte: eigentlich leben wir hier im Paradies. Das kann ich unterschreiben.

Übrigens: Die Boller-Kloneks und ihre Weine könnt ihr live auf der Weintour am 19. + 20. Oktober in Essen erleben. Am Sonntag werde ich live über unsere Wanderung berichten und die köstlichen Weine ausschenken.



Besser die Philipps mit der Mühle als Georg Friedrich Prinz von Preußen – Weinwandern am Mittelrhein

Geschrieben am um 6:23

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Elf der dreizehn deutschen Weinanbaugebieten liegen entweder direkt am Rhein oder an Nebenflüssen des Rheins. Und am Rhein kann man nicht nur auf dem Rheinsteig wanden, sondern auch auf der linken Rheinseite auf dem Rheinburgenweg.

 

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Ohne die Burgen wäre der Weitwanderweg naturgemäß nur die Hälfte wert. Ich startete in St.Goar, ging nordwärts. Der Rheinburgenweg verläuft über eine Holzbrücke der Burg Rheinfels und führt direkt in den Burghof. Noch kann dort entlang gehen, wer weiß, vielleicht ist die Burg Rheinfels bald schon nicht mehr besuchbar ….

 

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… weil in Privatbesitz. Denn Georg Friedrich Prinz von Preußen (Ururenkel unseres Kaisers) ist kürzlich eingefallen, dass er die Burg, die seit fast hundert Jahren der Stadt St.Goar gehört, wieder in Besitz nehmen will. Wir werden den Prozess weiter verfolgen. Hinter der Burg geht es auf Treppen und schmalen Pfaden hinab ins Grümdelbachtal, die Weinberge profitieren von der Südhanglage.

 

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Auf der Burg hätte ich natürlich auch schon einen schönen Schoppen vom Mittelrhein verkosten können, aber ich möchte ins Gründelbachtal zum Weingut Philippsmühle

 

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Die Brüder Martin und Thomas Philipps habe ich schon einige Male auf der Weintour in Hamburg und München getroffen, und war nicht nur schwer begeistert, als ich ihre Weine getrunken habe, sondern auch, dass das Weingut unmittelbar am Rheinburgenweg liegt und sogar noch über eine gemütliche Winzerschänke verfügt, die von Donnerstag bis Sonntag geöffnet hat.

 

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Ich saß genau über dem rauschenden Gründelbach vis a vis das immer noch funktionstüchtige Mühlrad, mit dem der Wein gemahlen wird. Der Aufbruch viel mir schwer, fast so schwer wie der Aufstieg durch die Weinberge, steil, echt sehr sehr steil.

 

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Zur Belohnung dann eine der schönsten Wetterpilze der Republik (ist natürlich schon auf Klaus Herdas wetterpilze.de verzeichnet) mit genialem Rheinblick. Kurz vor meinem Etappenziel geht es durch Niederwälder oberhalb von Hirzenach, das zu Boppard gehört.

 

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Die letzte Teilstrecke ist übrigens identisch mit der Traumschleife Rheingold, siehe Blogeintrag vom 20. Juni 2014. Einfach nur Füsse hoch und genießen.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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