Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Andrack weinwandert an der … Nahe

Geschrieben am um 6:11

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Frau Wallhäuser-Schmitt vom Weintreff Wallhausen sagt, vielen Weinkunden sei die Nahe als Anbaugebiet kein Begriff. Wie bitte? Ich bin ehrlich entrüstet. Das müssen wir dringend ändern und das Anbaugebiet Nahe noch bekannter machen. Die Weinberge um Bad Kreuznach herum sind doch wirklich nicht zu übersehen.

Ich stehe in der kleinen, feinen Vinothek bei Frau Wallhäuser-Schmitt, in der man von Freitag bis Sonntag (Sonntag gibt’s auch Kuchen!) Weine aus Wallhausen verkosten, genießen und schließlich kaufen kann.

 

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In der Vinothek präsentierten 15 Winzer aus Wallhausen ihre Produkte, es ist die einzige Vinothek dieser Art an der gesamten Nahe. Frau Wallhäuser-Schmitt empfiehlt mir einen ganz besonderen Wein, einen Metal-Tropfen. Nicht weil das Rotwein-Cuvée metallisch schmecken würde – der junge Winzer Michael Schott aus Wallhausen ist Mitglied in einer Heavy-Metal-Combo, er mag es gerne laut und krachend. Und genau so einen Wein hat er gemacht: Laut und krachend ist der 666 von den „Black Hills“. Den 666-Wein nehme ich mal mit auf meine Weinwanderung, man kann nie wissen, wozu man den noch gebrauchen kann.

 

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Am Schwimmbad treffe ich Marian, einen Journalisten aus Bad Kreuznach, wir wollen zusammen den Wallhäuser Premiumwanderweg „Wein, Stein & Farbe“ erwandern. Dieser Weg ein Vitalweg, so nennen sich die Premiumwege an der Nahe. Mal schauen, wann wir vitaler sind – vor oder nach der Wanderung. Unser elf Kilometer lange Rundweg heißt also „Wein, Stein & Farbe“. Ich verstehe das als eine Art Versprechen, mal sehen, ob es eingelöst wird. Nach einigen hundert Metern wird es schon mal sehr bunt. Eine Info-Tafel verweist auf eine Felswand, es wird erläutert, das sei „Grünschiefer im Wallhäuser Rabenfels“. Voila, da hätten wir also schon mal die Farbe grün, obwohl der Fels doch reichlich grau ausschaut.

 

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Wir gehen über die Höhenwege oberhalb von Wallhausen mit weiten Ausblicken ins Nahetal. Marian schätzt, dass es bis zur Nahe noch ungefähr sechs Kilometer sind, Wallhausen liegt in einem Seitental der Nahe. Wir können bis nach Rheinhessen hinüberschauen, ein weiteres Weinanbaugebiet, gut erkennbar an den vielen Windrädern. Wir wandern an Pferdekoppeln vorbei und ruhen uns kurz auf einer gemütlichen Sinnenbank aus. Auch mein Hund Luna sitzt neben mir auf der Bank (für alle Hunde-Freaks, viele sind an den Stammbaum-Details interessiert: Luna ist schon einen Hunde-Oma, eine ganz liebe Mischung aus einem Border Collie und einem Berner Sennhund). Luna hechelt, aber sie trinkt lieber Wasser als Wein, das ist klar.

 

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Schon eine Weile gehen wir durch wundervolle Weinberge und nähern uns dem Kreuz des Johannisbergs. Damit ist eine weitereße Versprechung der Vitaltour „Wein, Stein & Farbe“ erfüllt: Da ist der Wein, reichlich! Steine und Felsen haben wir gesehen. Und alle Farben der Wanderwelt: Das Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das grün-grau des Rabenfels.

 

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Wir wandern weiter und haben vom Kreuz des Johannisbergs einen herrlichen Ausblick auf Wallhausen. Aber das eigentliche Highlight des Weges haben wir noch gar nicht gesehen: Wenige hundert Meter nach dem Kreuz erreichen wir die Wanderschaukel von Wallhausen. Und da werden selbst Erwachsene zu Schaukelkindern. Eine Wanderschaukel mit grandiosen Ausblicken auf das Naheland, auf Wälder und Weinberge. Und schaukeln macht auch noch mit über 50 Jahren Spaß.

 

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In der Ortsmitte von Wallhausen befindet sich nicht nur die Vinothek, sondern auch das Weinhaus Barth, eine großartige Weinstube mit Weinen aus Wallhausen. Alexander Barth, der Chef, bedient und begrüsst mich, als wäre ich ein Stammkunde. Wer weiß, vielleicht bin ich in einem früheren Leben ja schon einmal im Weinhaus gewesen.

 

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Am späten Abend, die meisten Gäste sind schon gegangen, setzt sich Alexander Barth zu mir und sagt: „Dieser Ort, dieses Weinhaus, das ist alles ein Geheischnis“. Geheischnis ist eines der schönsten Worte der deutschen Sprache, unübersetzbar, fast unerklärbar, ich kenne es aus der Heimat-Serie von Edgar Reitz. Geheischnis beschreibt eine Mischung aus Heimat, Glück, Geborgenheit. Wunderschön, diese Weinwanderung an der Nahe war ein echtes Geheischnis. Und jetzt sollte die Nahe wirklich JEDER kennen lernen wollen.

 



Andrack weinwandert am Mittelrhein

Geschrieben am um 8:02

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Ich stehe mit meinem Wanderkumpel Peter mitten am Mittelrhein, oberhalb von Rheinbrohl und wir genießen das phantastische Flusspanorama. Peter ist mit deutschen Mittelgebirgslandschaften eigentlich unterfordert, am liebsten spaziert er auf den Sechstausendern der Schneeberge im Osten Tibets umher. Aber heute muss Peter auf Minya Konka und Dsha-Ra verzichten, wir haben uns zum Weinwandern auf dem Rheinbrohler Lay verabredet. Wir können nicht anders, wir müssen über die Vielfalt des Rheintals staunen: Wir sehen Burg Rheineck, viele Weinberge, natürlich unseren Vater Rhein, die Schiffe, die Autos, die Eisenbahnen, auf der gegenüberliegenden Seite das Radioteleskop von Effelsberg, weiter rheinaufwärts die Erpeler Ley. Peter und ich machen das, was Rhein-Touristen seit mindestens 200 Jahren machen – wir machen uns ein Bild vom Rhein.

 

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Und dann dürfen wir auf einem wirklich sensationellem Pfad wandern. Schmale Pfade sind das, die an der Hangkante verlaufen. Links des Weges begrenzen Weidenzäune den Weg, rechts des Weges beglücken uns Ausblicke auf den Rhein. Das ist wirklich Wandern auf höchstem Niveau, wie es die Prospekte über den Rheinsteig versprechen. In langgezogenen Serpentinen wandern wir hinunter in den Weinort zum Weingut Zwick. Dort sind wir mit zwei anderen Wanderern verabredet – Andreas und Holger. Das Wichtigste am Weinwandern ist ja: bloß kein Stress! Das haben sich zumindest Andreas und Holger gedacht und sich den steilen Aufstieg zur Rheinbrohler Lay gespart. Jedem das Seine. Es ist kein Zufall, dass wir uns in Hammerstein treffen, und erst recht ist es kein Zufall, dass wir zu viert sind – seit über 30 Jahren spielen wir in dieser Konstellation Doppelkopf.

 

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Im Weingut Zwick werden wir äußerst herzlich vom Winzer-Ehepaar empfangen (Herr Zwick links im Bild). Seit elf Generationen beschenkt die Familie Zwick ihre Gäste und Kunden mit tollen Weinen. Andreas fühlt sich direkt heimisch und schlägt vor, auf der herrlichen Terrasse des Weinguts schon mit dem Kartenspiel anzufangen. Winzer Zwick wird hellhörig: „Ihr sei doch vier Mann, da würde sich ja Doppelkopf anbieten“ Touché, der Mann hat ins Schwarze getroffen. Eine glückliche Fügung, dass der Winzer unserer Wahl auch noch Kenner unseres Spiels geht. So können wir nicht nur über Wein fachsimpeln, sondern auch über Doppelkopf-Regeln. Und es gibt mindestens so viele unterschiedliche Regelungen, wie man Doppelkopf spielen kann, wie es Möglichkeiten für einen Winzer gibt, seinen Wein auszubauen.

 

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Wieder auf dem Rheinsteig gehen wir durch Weinberge und Wälder und erreichen eine Aussicht mit Tisch und Bänken. Neben der Aussichtsbank blickt ein Wanderer aus Basalt-Lava nachdenklich zum Rhein hin, aus seinem Rucksack lugt eine Flasche Wein. Gut, dass in meinem Rucksack auch noch eine Flasche-to-go des Zwickschen Rieslings einen Platz gefunden hat.Wir lassen unsere Blicke beim Glas Wein über die Rheinebene südlich von Andernach schweifen. Das Rheintal weitet sich am Neuwieder Becken und auch der Weinbau am Mittelrhein macht eine schöpferische Pause, um südlich von Koblenz wieder an Fahrt aufzunehmen. Aber so weit reichen unsere Aussichtsmöglichkeiten ohne Fernglas nicht.

 

Wir kommen auf unserem Weg hinunter zum Rhein an der Edmund-Hütte vorbei. Im Bereich der Edmundhütte wird es richtig alpin auf dem Rheinsteig, wir müssen uns anstrengen, um auf dem Felsenpfad mit Handseil nicht die Übersicht und das Gleichgewicht zu verlieren.

 

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Oberhalb von Leutesdorf verlassen wir den Rheinsteig, der sich wieder auf luftige Höhen begibt, und orientieren uns an der gelb-orangen Markierung Richtung Ortsmitte und Rhein. Wir gehen an der Rheinpromenade entlang und erreichen das Historische Wirtshaus Leyscher Hof. Dort wollen wir unsere Weinwanderung ausklingen lassen und endlich Doppelkopf spielen.

Am Anfang läuft es ganz schön mies für mich, wer sich mit Doppelkopf auskennt, weiß, wie mies dieses Blatt ist…

 

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…Wir bestellen – jeder nach seinem Gusto – Weine des Weinguts Mohr. Und starten unser Spiel. Im Laufe des Abends gehe ich dazu über, Weinschorle zu trinken. Die Riesling-Schorle ist eigentlich ein logisches Getränk für diese Region, denn Riesling-Weinberge gibt es reichlich, das haben wir während unserer Wanderung gesehen. Überall sprudelt und brodelt es in der Erde. In Rheinbrohl gibt es die Arienheller-Quelle, in Brohl auf der anderen Rheinseite heißt es: „Trink Brohler, dann wird dir wohler“. Also stoße ich auf einen erfolgreichen Doppelkopf-Abend mit meinem schorligen Kaltgetränk an und dichte: „Trink Schorle mit dem Wein vom Rhein, dann wird Dein Leben schöner sein.“

 

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Von der Terrasse der Gaststätte haben wir übrigens einen hervorragenden Blick auf Europas größten Kaltwasser-Geysir bei Andernach, der in bestimmten Abständen mit einer gewaltigen Fontäne auf der anderen Rheinseite in die Höhe schiesst. Ich fühle mich sauwohl am Mittelrhein, die Karten in der einen Hand, ein gutes Glas Wein in der anderen, der Blick auf Vater Rhein.

 



Wer achtzig Jahre vom Weine trinkt, als Greis erst in die Grube sinkt

Geschrieben am um 8:48

2017 habe ich viele sehr schöne Weinwanderungen in den 13 deutschen Weinanbaugebieten erleben dürfen. Dabei habe ich einige Sinnsprüche entdeckt, die ich Euch selbstverständlich nicht vorenthalten möchte.

 

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Natürlich spenden Fröhlichkeit und Sonnenschein auch der Nahe-Wein, der Pfälzer Wein, der Rheingau-Wein, der Franken-Wein, der Sachsen-Wein, der Unstrut-Wein, der Baden-Wein. Zum Beispiel. Aus Gründen der Ausgewogenheit, sollte ich das erwähnen. Nur bei drei-silbigen Anbaugebieten wie Rhein-hes-sen holpert der Reim ein wenig.

Hier ein eher rustikaler Wein-Spruch:

 

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Da klingt schon an, dass beim Weingenuss die Menge eine gewisse Rolle spielt. Das wird noch klarer bei folgender, sehr bekannten Weinsage.

 

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Interessant, dass die Menge mit Flaschen nicht mit Gläsern, sondern mit Flaschen angegeben wird. Aber über vier Flaschen gibt es keinen Tiervergleich mehr. Denn was sagt man über Gérard Dépardieu, der dem Vernehmen nach einen täglichen Weinkonsum von fünf Flaschen hat? Was soll das dann für ein Tier sein?

Aber wie auch immer man das Glas dreht, gilt doch auf jeden Fall das hier …

 

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Weinwandern auf dem Ahrsteig

Geschrieben am um 8:05

 

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Ich starte an der schönen Ahr in Kreuzberg. Weinberge sind in diesem Bereich des Ahrtals – noch – nicht zu entdecken, alle Hänge sind bewaldet. Schnell wird der Weg wirklich alpin. Nicht umsonst heißt der Ahrsteig Ahr-STEIG.

 

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Bei einigen Steigen in Deutschland, zum Beispiel beim Rennsteig, fragt man sich: Wo genau soll man da steigen? Aber auf dem Ahrsteig zwischen Kreuzberg und Altenahr muss man – oder vielmehr darf man – alpin wandern und steigen. Schmale, felsige Pfade am Berg, unter den Füßen der Schiefer, in den viele grobe Stufen gehauen wurde.

Ich erreiche das Schwarze Kreuz oberhalb von Altenahr, ein sogenanntes Unglückskreuz. Für alle Wanderer bedeutet diess Schwarze Kreuz nicht Unglück, sondern Wanderglück. Das Wanderglück, eine gigantische Aussicht auf die Burg Are oberhalb Altenahr zu genießen. Und es ist ein Glück, das Ahrtal wie eine Spielzeugeisenbahn vor sich liegen zu haben.

 

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Eine Modelleisenbahn übrigens, die nicht mit Tunneln geizt, denn im Ahrtal sind nicht nur Wanderer unterwegs, sondern auch Autos, Züge und jede Menge Radfahrer.

Vom Schwarzen Kreuz geht es auf steinigen Pfaden steil abwärts, an der Jugendherberge vorbei. Ich wandere durch den Straßentunnel und bald darauf ein Stück direkt an der Ahr entlang. Es ist interessant zu beobachten, dass am steilen Hang noch einige mit Trockenmauern terrassierte Flächen zu sehen sind, die früher voll mit Weinreben waren.

 

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Wahrscheinlich war der Anbau zu kompliziert und unrentabel, es hat sich einfach für die Winzer nicht mehr gelohnt. Mittlerweile hat sich die wilde Natur wieder ausgebreitet.

Seit dem Start in Kreuzberg ändert sich langsam der Charakter des Tals – schon bei der Aussicht vom Schwarzen Kreuz konnte man unweit der Burg erste Weinhänge entdecken. Je näher wir dem Rhein kommen, desto weniger Wald an den Hängen, dafür umso mehr Weinberge.

Hinter der Saffenburg oberhalb von Mayschoß wandere ich auf breiteren Wegen auf und nieder. Es ist schön schattig und ich gehe in halber Hanglage. Auf den nördlichen Ahrhängen sind zwischen Mayschoß und Rech verstärkt Weinberge zu sehen. Klar, der Wein mag es nicht schattig wie der Wanderer, sondern liebt die pralle Sonne in Südlage.

 

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Zwischen Rech und Dernau wandere ich gemütlich an der Ahr entlang. Der Ahrsteig ist zahm geworden, keine anstrengenden Höhenmeter mehr, reine Wander-Wellness. Ich lasse mir nicht die Möglichkeit entgehen, ein erfrischendes Fußbad in der Ahr zu nehmen. Das ist in anderen deutschen Flüßen, Mosel, Rhein, schon deutlich schwieriger, da kann man im Zweifelsfall in Ufernähe schon nicht mehr stehen. Dort steht einem schnell das Wasser bis zum Hals. Und ein Glaserl Wein muss bei einem Weinwander-Foto auch dabei sein. Das Glas kann man so schön versonnen anschauen, frei nach dem Hamlet-Motto: „Jetzt oder später trinken, das ist hier die Frage“. Ich genieße das großartige Gefühl, in der Ahr stehend Ahrwein zu trinken. Das ist Klasse, sehr zur Nachahmung empfohlen!

 

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Am Bahnhof in Dernau könnte theoretisch meine Wanderung enden. Aber nur theoretisch. Denn bei einer Weinwanderung gehört der abschließende Rundgang in einem Weinort zwingend dazu. Weinwandern ohne Wein ist nun mal wie eine Bergwanderung ohne Berge. In den Straßen von Dernau stoße ich auf ein Wandbild. Ich lese: Vinum ex Dernau. Vorbildliches Latein, Vinum, Vini, Vino ist ein Substantiv (Neutrum) und heißt Wein. Dernau heißt Dernau. Und „ex“ bedeutet nicht, dass man den schönen Spätburgunder von der Ahr möglichst schnell kippen soll, sondern dass der edle Tropfen eben aus Dernau kommt.

 

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Dernau ist eindeutig die Hauptstadt der kuscheligen Straußwirtschaften des Ahrtals. Sehr schön ist die Straußwirtschaft des Weinguts Schloßhof.

Über der Gasse hängt der klassische Reisig-Besen und ein umkränztes Weinglas. Eine ältere Dame kehrt den Bürgersteig vor der Straußwirtschaft und freut sich, dass ich den Besen fotografiere. Stolz sagt sie: „Ich bin die Oma von der Straußwirtschaft und der Besen ist noch von meinem Vater, ein 70 Jahre alter Besen also. Nächstes Jahr muss der aber weg, der ist sehr kaputt.“ Schade um das gute Stück.

Den rheinischen Einschlag finde ich als Kölner im Ahrtal total super. Das Rheinische (das Wort „Rheinische“ muss man mit Dampflokomotiven-SCH sprechen) ist in Dernau überall präsent: Zum einen der Dialekt der Einheimischen. Außerdem heißen die Straßen und Gassen Pötzjass, Kirchjass, Ühlejass. Ein schönes Jeföhl, über diese Jassen zu gehen. Und am Bahnhof von Dernau wehen zwei riesige Fahnen des 1. FC Köln. Herr-lisch!

 

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Weinwandern in Rheinhessen

Geschrieben am um 11:22

Ich wandere auf einem Premiumweg, gekennzeichnet mit einem geschwungenen, kleinen „H“, also einem KLEINEN „h“. Merkwürdig, ich wandere am Rhein, aber nicht auf dem Rheinsteig und auch nicht auf dem Hreinsteig. Ich wandere durch Weinberge, aber nicht durch Heinberge. Warum also „h“???

 

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Das kleine „h“ steht für die Hiwweltouren in Rheinhessen, vier kleine, feine Premiumwege südlich des Rheins im Dreieck von Bingen, Mainz und Alzey. Wobei die Region Rheinhessen nichts mit Hessen zu tun hat, dieses Bundesland beginnt erst nördlich des Rheins im Rheingau. Geografisch ungefähr alles eingenordet? Dann trinken wir jetzt erst mal den rheinhessischen Wein…

Es ist ja eine schon fast philosophische Frage, sozusagen eine philosophische Frage des Weinwanderns, ob man zuerst den Wein trinken sollte oder danach. Also: erst einmal das Produkt der Weinberge trinken und dann durch die Weinberge wandern, und zu denken, ah, mmmh, das habe ich also eben verkostet. Oder umgekehrt erst weinzuwandern und hernach sich die Wanderung noch mal über den Gaumen zu Gemüte zu führen. Ich habe auf der Hiwweltour Bismarckturm Variante Eins gewählt.

 

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Die Weine des Weinguts Gres im Weindorf Appenheim definieren sich ganz stark über den Terroir, das heißt über die Böden, in denen die Rebstöcke stecken, unfachmännisch gesprochen. Es gibt den Chardonnay vom Korallenriff, den Graubrugunder vom Loess und den Riesling von der Kreide. Weingut-Chefin Isabell Gres gibt mir einen Silvaner aus dem Muschelkalk ins Glas. Und damit das Ganze noch anschaulicher wird, legt sie ein Stück von dem Muschelkalk neben das Glas. das finde ich großartig, da wird das Weinerlebnis noch sinnlicher, (fast) alle Sinne sind beteiligt: Auge, Zunge, Geruch und eben auch die Haptik, denn man kann sich nicht nur ans Weinglas, sondern auch an den Muschelkalkstein klammern.

Mutter Gres ist in der Küche der Weinstube zugange („Herrje, der Gulasch ist uns angebrannt, riecht man das noch?“ – ehrlich gesagt nein, es duftet nur verdammt lecker) und zeigt mir aus dem Küchenfenster die Hundertgulden-Lage. Frau Gres sagt: „Da oben geht die Hiwweltour entlang, da wandern Sie gleich, und darunter ist die Hundert-Gulden-Lage.“ Hundert Gulden, ein stolzer Preis, schon Hildegard von Bingen hatte übrigens bei dieser Lage ihre Finger im Spiel, und der Papst Eugen III. auch.

 

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Ich wandere vom Appenheimer Ortsrand los und habe die legendäre Hundertgulden-Lage schnell erreicht. Und warum die Hiwweltouren Hiwweltouren heißen, erschließt sich auch sofort. Hiwwel, das sind im rheinhessischen Dialekt die Hügel. Und die sanft geschwungene hügelige Landschaft mit den vielen Weinfeldern und Weinbergen (keine Steillagen) ist eben typisch für die Region. Schon ungefähr einen Kilometer hinter Appenheim erreiche ich den Tisch des Weins…

 

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Eigentlich müsste dieser Tisch „Tisch der Weine“ heißen, denn er ist so lang, das minimum zwanzig Leute dran passen und die wollen doch nicht nur eine Flasche Wein trinken, oder? Gut, dass ich erstens alleine bin und den ganzen Tisch für mich alleine habe, und zweitens einen Riesling aus der Lage Hundertgulden dabei habe. Wie in der Pfalz (Eintrag vom 16. April) scheint es in vielen Weinbaugebieten Deutschlands Pflicht zu sein, ein Tischlein-Deck-Dich-Wunder für alle Weinwanderer parat zu haben. Wobei mir ein Weinschränkchen der Appenheimer Winzer direkt am Weg noch besser gefallen hätte.

Ich gehe weiter auf meiner Hiwweltour, bis ich oberhalb von Gau-Algesheim die Gaststätte Waldeck erreiche. Weil Spargelsaison ist, bestelle ich ein Spargelgericht mit regionalem Spargel und trinke dazu einen halbtrockenen Riesling vom Ingelheimer Winzer Prieß.

 

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Bevor ich anfange zu essen, habe ich eine Vision. Es gibt Menschen, die erkennen in einem Reibekuchen die Umrisse des Saarlands. Es gibt Menschen, die haben religiöse Visionen. Und ich sehe in meinem Spargelgericht eine Miniaturvision der rheinhessischen Landschaft. So wie sich der rohe Schinken über meinen Teller schlängelt, so prägt der Rhein die Landschaft und ist mit seinen jahrmillionen-alten Ablagerungen die Quelle für hervorragende Weinlagen. Der Spargel symbolisiert die leicht hügelig-hiwweligen Bodenwellungen, die Sauce Hollandaise sind die Weinberge mit ihren Reben. Nicht auf jedem Hügel vorhanden, aber auf fast jedem. Und die dicke Kartoffel steht für die wuchtigen Berge des Taunus, die man auf der anderen Rheinseite sehen kann. Man spricht im Zusammenhang von Rheinhessen oft von Verspargelung, weil Hunderte von Windrädern die Gegend verschönern. Übrigens sehe ich im Bereich der Hiwweltour Bismarckturm kein einziges Windrad.

 

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Direkt neben meiner Einkehr steht der Bismarckturm, nach dem diese Hiwweltour benannt ist. Dieser Bismarck muss schon ein doller Wandervogel gewesen sein, in ganz Deutschland stehen seine Türme rum.

Den besten Ausblick der Hiwweltour gibt es aber von einem Ort, der ziemlich gaga ist…

 

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GAGA Aussicht (GAGA steht für die „Gebrüder Avenarius Gau-Algesheim, Herr Avenarius war der Begründer einer Firma für Metallputzmittel) heißt der Traumblick Richtung Nordwesten. Für mich ist es ein Vier-Weinanbaugebiete-Blick. Wir stehen in Rheinhessen, Weinanbaugebiet Nummer Eins, zur linken Hand blicken wir in das Land der Nahe, Weinanbaugebiet Nummer Zwei, gegenüber schauen wir auf den Rheingau, Weinanbaugebiet Nummer Drei, und hinter dem Binger Loch kann man Weinanbaugebiet Nummer Vier, den Mittelrhein, erahnen. Ein knappes Drittel aller deutschen Weinanbaugebiete auf einen Blick, das ist Weltrekord!

Das Motto der Hiwweltouren ist übrigens „Quer Feld Wein“. Dem kann ich nur zustimmen. Man sollte aber ergänzen:

Beim Weinwandern in Rheinhessen

Die Weinprobe nicht vergessen.



Weinwandern in der Pfalz

Geschrieben am um 8:49

Ab heute werde ich in lockerer Folge von meinen Weinwanderungen in Deutschland berichten. Das Deutsche Weininstitut hat mich beauftragt, als Weinwander-Botschafter die 13 Anbaugebiete Deutschlands zu erkunden. Ich beginne mit einer Wanderung auf dem Pälzer Weinsteig von Bad Bergzabern nach Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze.

 

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Mittwoch Mittag, 13:00, an einem herrlichen Frühlingstag. Weinwanderer Andrack ist glücklich. Ich habe eine Weinstube im Dornröschen-Dorf Dörrenbach gefunden, die Weinstube zum Spundloch. Nach unglaublich strapaziösen fünf Kilometern auf dem Pfälzer Weinsteig war ich am Ende meiner Kräfte. und brauchte dringend eine Stärkung. Nach einer großen Portion Saumagen mit Sauerkraut plus Grauburgunder plus Gewürztraminer kam ich wieder zu Kräften und konnte weiter wandern.

Märchenhaft war der Witz, den ich in der Weinstube erlauschte: Kommt eine Fee zum Saarländer, der hat einen Wunsch frei und wünscht sich eine hohe Mauer um das Saarland als Schutz vor der Pfalz (Honecker und Lafontaine sind eben auch Saarländer). Puff, der Saarländer bekommt die Mauer. Auch der Pfälzer hat einen Feenwunsch: „Und jetzt bitte innerhalb der Mauern alles fluten“. So was muss man sich als Saarländer in der Pfalz anhören, echt fies.

 

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Auf der Wanderung blieb es märchenhaft. Im Pfälzer Wald muss man nur laut rufen „Tischlein Deck Dich“, schon wird eine herrliche Flasche Rotwein auf den Steintisch gezaubert. Das funktioniert aber nur in der Pfalz, denn dort gibt es das größte deutsche Rotweinanbaugebiet der Welt und da bleibt so manche Flasche guten Rotweins übrig.

 

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Am Stäffelsbergturm sehe ich, wie es zwei Wandersleute im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen hat. Haben die zu oft „Tischlein Deck Dich!“ gerufen und sind jetzt im Reich der Weinseligkeit? Ich vermute eher, dass die Aussicht auf das Rheintal die beiden umgehauen hat …

 

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Bis auf die gegenüberliegenden Schwarzwaldhöhen bei Karlsruhe kann man sehen, ein traumhaftes Panorama. Weiter ging es über die typischen, sandigen Kieferwaldwege des Pfälzer Walds. Der Witz am Pfälzer Weinsteig ist ja, dass man zum überwiegenden Teil im Wald wandert, umso schöner sind die Aussichtspunkte wie an der Ruine Guttenberg.

 

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Das ist schon interessant: die Geschichte der Gutenbergburg wird auf der Erklärtafel erläutert. Nur: Irgendwann wird aus der Gutenbergburg die Guttenbergburg. Sehr sehr verdächtig, wenn da nicht dieser ehemalige Bundesminister mit den gegelten Haaren seine Finger im Spiel hat. Kann sich noch jemand daran erinnern, dass der Guttenberg früher als Angie-Nachfolger gehandelt wurde? Und: Kann sich noch jemand erinnern, dass der Schulz früher als Angie-Nachfolger gehandelt wurde?

 

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Normalerweise würde ich sagen: Der Blick auf Schweigen wäre zum Niederknien. Aber bei so einem Ausblick sollte man eher: schweigen. Okay, blöder Kalauer. Nach 15 Kilometern habe ich mein Wanderziel in Schweigen-Rechtenbach erreicht, dort tummeln sich diverse Weltklasse-Winzer direkt an der französischen Grenze. Und zum Ende der Wanderung habe ich noch ein Erfolgserlebnis der besonderen Art:

 

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Mit einem satten Links-Schuß erziele ich ein spektakuläres Weintor. Der Jubel ist grenzenlos: Wein! Tor!



Traumschleife Nummer 94

Geschrieben am um 6:08

Traumschleife Nummer 94, Klingelfloß. Hört sich sehr interessant an, das macht mich neugierig. Ich starte am Restaurant Birkenhof. Ich habe das mal umgekehrt gemacht, erst Essen und Belohnungsbier schon vor der Wanderung. Das hat den Vorteil, dass man sich die überschüssigen. Kalorien direktemang wegwandern kann.

 

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Wenige Meter vom Birkenhof entfernt findet sich das Eingangsportal der Traumschleife. Die aus Holz geschnitzte Glocke soll wohl an die ominöse Klingel im Titel dieses Premiumwegs erinnern. Aber jetzt mal ehrlich? Wieso ist die Glocke denn aus Holz? Die klingelt doch gar nicht. Da kann man vielleicht gegenhämmern, aber doch nicht klingeln. Ich fände es hübsch, wenn eine supergroße Klingel dort angebracht wäre, und immer wenn ein Wanderer auf der Traumschleife geht, klingelt man. Und das ist dann so laut, dass man es auch in Kastellaun und Simmern hören kann.

Man muss es ganz offen sagen, auf den ersten beiden Kilometern der Traumschleife Nummer 94 muss man schon ein großer Fan der Windkraft sein, um diese Traumschleife umwerfend zu finden. Da klingelt nicht nur das Floß, sondern es rauscht auch das Windrad.

 

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Aber es gibt immer wieder wunderschöne Pfade, kleine Stege, Brückchen, einen schönen Bachlauf, verwunschene Nadelwälder, Fischteiche des nahegelegenen Klosters, alles sehr großartig.

 

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Highlight der Tour ist natürlich das namensgebende Waldstück Klingelfloß. Das ist einfach ein etwas merkwürdiger Flurname. Und am kleinen, feinen, uralten Teich, auf dem man ganz bestimmt kein Floß braucht, denn da kann man fast an’s andere Ufer springen, an diesem Teich also steht eine wunderbar altmodische Schutzhütte für die Waldarbeiter. Nach einem Vorbild aus den Karpaten gebaut.

 

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Wandern wie ein Römer

Geschrieben am um 8:23

Liebe andrackblog-Freunde, ich werde ab sofort einmal im Monat einen Blog über die Abenteuer mit meinen Bär-Wander-Schuhen bei andrackblog einfügen. Den bärschuhblog mache ich schon seit zwei Jahren, auch ältere Einträge könnt ihr Euch gerne anschauen. Und selbstverständlich kann ich Euch die Wanderschuhe von Bär und Joe Nimble nur wärmstens an’s Herz legen.

Kürzlich bin ich mit meinen Bär-Wander-Schuhen im ehemaligen römischen Besatzungsgebiet an der Mosel gewandert. Authentischer wäre es natürlich gewesen, mit römischem Schuhwerk zu laufen. Aber wer mein neues Buch „Schritt für Schritt“ gelesen hat, kennt meine schlechten Erfahrungen mit diese Sandalen (gleich dazu mehr). Immerhin muss man das ja den Römern lassen. Die haben schon vor ca. 2.000 Jahren „geschnallt“, dass die fünf Zehen an jedem Fuß Freiheit brauchen und nicht durch eine zu enge Schuh-Passform eingeengt werden dürfen. Bär hat dann diese grundsätzlich gute römische Idee noch etwas verfeinert.

Ich gehe also mit meinem Wanderkumpel Markus auf dem Moselsteig, einen wirklich sehr lohnenswerten Abschnitt zwischen Müden und Pommern, und wir erreichen nach einiger Zeit die alte römische Kultstätte auf dem Martberg, dem Berg des Gottes aller Schokoriegel: Mars. Wir waren schon reichlich unterhopft zu diesem Zeitpunkt, haben uns also sehr auf den Hinweis auf eine Taverne gefreut…

 

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… aber jetzt mal ehrlich, seit wann hat der normale Römer in einer Taverne Kaffee getrunken? Die hatten doch nicht den Kaffee auf, die haben sich doch vielmehr schläucheweise den Wein die Kehlen herab gestürzt. Es gibt ja die Theorie, dass die Römer den Limes genau an der Stelle platziert haben, an dem gerade noch Weinbau möglich war. Das restliche Germanien konnte denen gestohlen bleiben: Kein Wein, kein Gesang, keine Lebensqualität. Noch viel größer war unsere Enttäuschung, als wir am Archäologiepark auf dem Martberg ankamen und überhaupt keine Taverne vorhanden war. Das Hinweisschild war ein Fake gewesen, ein verspäteter Aprilscherz! Gut, dass ich immer ein Notration Mini-Bierdosen im Rucksack dabei habe…

 

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Eine 135 cl-Dose, da wird selbst ein Kölschglas zum Riesenhumpen. Ich habe die Dosen netterweise von Bär-Schuh-Chef Sebastian Bär geschenkt bekommen. Er hat sie mir von seiner letzten Japan-Reise (Japaner sind verrückt nach Bär-Schuhen!) mitgebracht. Am besten schmeckt das japanische Bier aber vor der Weltklasse-Kulisse des Moseltals. Nachdem unser Durst gestillt war, haben wir uns endlich den römischen Bauten zugewandt …

 

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Das sind alles Nachbauten, man kann aber ganz gut das römische Flair nachvollziehen. Wir wandelten zum Beispiel in der Wandelhalle und uns wurde schlagartig klar, wie das römische Reich jahrhundertlang den europäischen Kontinent beherrschen konnte: die Römer sind oft gewandelt, und beim Wandeln sind ihnen die besten Ideen gekommen, da hatten Germanen und Gallier (Ausnahmen bestätigen die Regel) wenig entgegen zu setzen. Etwas ratlos standen wir dann vor dem Tempel …

 

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… ratlos, weil der Tempel den Namen „Tempel K“ trägt. Wieso denn K? Wer wird da verehrt? Temple M wäre naheliegend gewesen auf dem Martberg, Tempel B hätte ich auch noch verstanden, wegen Bacchus und so. Aber Tempel K? Welcher Gott fängt denn mit K an? Keptun? Kupiter? Kapoll0? Schon aus Prinzip kannte der Römer an sich überhaupt kein „K“. Die haben doch alles mit „C“ geschrieben: Cäsar, Cicero, Colonia Agrippina. Römerforscher, bitte helft mir!

Ich möchte aber noch mal auf’s Schuhwerk zurückkommen. In meinem Giftschrank habe ich zwei Fotos von meiner Wanderung in Legionärsklamotte (Schritt für Schritt, Malik, 19,99 €) gefunden. Nach wenigen hundert Meter fing die Römersandale an zu bröseln…

 

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… und irgendwann musste ich mit einer Art Fußbandage laufen. Mit Bär-Schuhen wäre das nicht passiert, da gibt es doch eindeutige Fortschritte gegenüber der Römerzeit. Übrigens: Wer mit mir auf dem großen und sehr empfehlenswerten BÄR-Sommerfest wandern will, kann sich einfach auf der BÄR-Homepage anmelden.

 

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Moselsteig, mein erstes Mal

Geschrieben am um 8:10

Ihr kennt mich doch inzwischen ein wenig oder? Meine Wandervorlieben und No-Gos. Aber das wird Euch doch vielleicht überraschen: Ich bin letzte Woche das erste Mal in meinem Leben auf dem Moselsteig gewandert. Unverzeihlich eigentlich, ich schäme mich auch ein wenig. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich dachte: Och, die Mosel, die kenne ich doch eigentlich wie meine Westentasche. Aber interessant: Schon wenn man das Wort „eigentlich“ benutzt, ist schon was falsch gelaufen in der Grundaussage. Natürlich bin ich nicht den kompletten Moselsteig gelaufen, 365 Kilometer, für jeden Tag des Jahres ein Kilometer, nix für mich. Also Häppchenweise. Und da verrate ich Euch jetzt mal ein absolutes Premiumhäppchen Moselsteig: Von Müden nach Pommern, 10,8 Kilometer, Moselsteig vom Allerfeinsten.

 

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Normalerweise gilt bei mir die alte Harald-Schmidt-Show-Regel: Keine Namenswitze. Aber auf dieser Etappe: Hallo! Wer nicht bei Pommern an den alten Dreißigjährigen-Weltkriegs-Hit vom Maikäfer denkt, dessen Mutter das Pommerland abgebrannt hat, der hatte doch keine Kindheit! Und natürlich war ich extra mit ordentlich Schlafdefizit in Müden angekommen, bei dem Ortsnamen! Und dann sind wir erst mal aufwärts gewandert, mein Kumpel Markus und ich, hoch über die Mosel Richtung Karden.

 

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Ohne die Kletterseile hätte es Markus fast nicht gepackt, Lebenshilfe Hilfsbegriff. Aber wir haben es dann doch irgendwann zum Schutzheiligen von Karden geschafft, dem Herrn Castor. Den kannte ich bisher nur als prekär beschäftigten Lohnarbeiter bei dubiosen Atommüll-Transporten. Oder als Zwillingsbruder von Pollux. Aber oberhalb der Mosel steht der heilige Castor aus Karden so herzig grinsend, dass ich den guten Mann einfach knuddeln musste.

 

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Frau Holle

Geschrieben am um 7:37

Es war einmal eine Traumschleife in der Nähe von Reinsfeld im südwestlichen Hunsrück. Dort kann man sich auf die Suche nach der gar mystischen Frau Holle begeben. Aber siehe da: Ein Haufen Jäger scheint sich auf den Weg gemacht zu haben, um den Bösen Wolf umzunieten.

 

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Aufgestachelt von der Mutter der sieben Ziegen und der Oma des Mädels mit der roten Mütze hat sich eine Meute von wilden Waidmännern aufgemacht, um dem armen alten Wolf den Garaus zu machen. Ich habe den einsamen Wolf gesehen und ihm geflüstert: Verschwinde, bevor es zu spät ist, wandere aus, aber schnell…

 

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Aber die Frau Holle, die habe ich immer noch nicht gesehen. Allerdings konnte ich Spuren einer ihrer zwei weiblichen Azubis sehen. Die Pechmarie, bekanntlich extrem faul, hatte natürlich nichts hinterlassen. Dagegen die Fleißmarie! Die hatte so viel Holz vor der Hütte, dass das wahrscheinlich für sieben milde Winter reicht!

 

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Aber immer noch keine Spur von Frau Holle. Keine Schneeflocke, kein Federkissen, wo war die gute Frau denn? Kurz vor Ende der kurzen Rundtour dann die Auflösung: Die Felsformation am Wegrand war die berühmte Frau Holle, versteinert eben. Nur – tragisch eigentlich – auch auf Frau Holle scheint eine Treibjagd stattgefunden zu haben. Denn es ist eindeutig ein Totenkopf, der den Traumschleifen-Wanderer felsig anstarrt.

 

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Ich schlage daher eine Umbennung der Traumschleife vor: „Mausetote Frau Holle“ wäre der passende Name. Nur endet dann das Märchen leider nicht mit den Worten: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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