Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Die Premiumwinterwanderhelden

Geschrieben am um 9:26

Mitte Januar war ich bei der ersten Winterwanderwoche in Reit im Winkl. Im schneesichersten Ort Deutschlands wurde ja tatsächlich das Premiumwinterwandern erfunden. Man geht auf gespurten, festen Schneewegen und hat das Gefühl, auf einer weißen Wolke zu schweben. Aber zum ganz besonderen Erlebnis wurde die Reit-im-Winkl-Winterwanderwoche durch die wunderbaren Begegnungen mit den Menschen vor Ort.

 

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Florian Weindl ist ein Super-Typ und Chef der örtlichen Tourist-Info. Er lebt das Winterwandern, das merkt man, und er kann mit unendlicher Liebe und Empathie von der Kraft erzählen, die vom Winterwandern ausgeht. Außerdem kennt er mehr Bezeichnungen für Schnee als ein hochbegabter Eskimo. Und kurz vor Ende der Tour auf dem Panoramaweg packt er auch noch einen genialen Schnaps aus, der vor Ort, unten in Reit im Winkl, hergestellt und vertrieben wird. 50 Umdrehungen, da spürt jede Faser des Körpers die Kraft, die vom Winterwandern ausgeht.

Der nächste Sympathieträger ist Leo …

 

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Leo ist der Hüttenhund der Hindenburghütte. Ein wahnsinnig gutmütiger, lebendiger, aber irgendwie auch fauler Hüttenhund. Als sich vor sechs Jahren meine damals einjährige Tochter auf ihn schmieß, hat er das schon fast genossen. Sehr schön war auch, das ich erstmals mit Wanderprofi Jarle Sänger gewandert bin. Jarle hat das sehr schöne Buch „111 Gründe zu wandern“ geschrieben und besaß die Kühnheit, mich zu einem nächtlichen Rodelduell (vier Kilometer Schußfahrt auf einer Naturrodelbahn) herauszufordern.

 

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Ha! Dem habe ich gezeigt, wo der Bartel den Most holt. Die Revanche bei Tageslicht habe ich allerdings ganz ganz knapp verloren…

Aber der größte Premiumwinterwanderheld von Reit im Winkl ist der Hüttenwirt Dirnhofer, auch Günter genannt.

 

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Der Mann ist ein Tausendsassa. Morgens kommt er uns in der Schneeraupe entgegen und hat gerade unseren Weg gewalzt.

Beim Hüttenabend macht er höchstpersönlich die Musi und brilliert mit stilsicheren Pointen. Ein geborener Entertainer!

 

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Und als ich dem Günter Dirnhofer zum Abschied die Hand drückte dachte ich nur: Herrschaftzeiten, das ist mal ein Händedruck. Darauf noch eine Halbe…



Andrack weinwandert an der Unstrut

Geschrieben am um 7:52

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Wir sind vor einer Viertelstunde am Bahnhof von Laucha zu einer Weinwanderung an der Unstrut aufgebrochen. Ich wandere zusammen mit Ihrer Majestät Juliana I., der frisch gekürten Gebietsweinkönigin von Saale-Unstrut. Unser Plan ist, auf dem Wanderweg mit dem blauen Balken bis Freyburg zu gehen.

 

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Etwa zwei Kilometer nach dem Bahnhof gehen wir über eine schmale Brücke und erreichen den Weinort Weischütz. Direkt hinter der Brücke empfängt uns Herr Wölbling vom Weingut Köhler-Wölbling. Das ist mal ein Empfang: der Wein ist schon kalt gestellt, die Brotzeit steht auf dem Tisch. Anscheinend wurde wir angekündigt – unsere Weinwanderung ist hervorragend vom Weinbauverband Saale-Unstrut organisiert. Aber auch wenn man nicht zufällig mit der Weinkönigin weinwandert, kann bei Köhler-Wölbling einkehren. Seine Straußwirtschaft ist von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Und die Lage direkt an der Unstrut-Brücke ist perfekt, um Wanderer, Radfahrer und Kanu-Fahrer anzulocken.

Wölbling erzählt, es wären andere Weinwanderer bei ihm eingekehrt, die zechten im Innenhof des Weinguts. Na, da muss ich doch mal Hallo sagen.

 

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Und siehe da, ich kenne die ungefähr 15 Mädels und Burschen ganz gut, denn das „Netzwerk Weitwandern“ informiert sich seit Jahren über ihre Aktivitäten. An der Unstrut wird das Netzwerk Weitwandern zum Netzwerk Weinwandern, das ist doch wunderbar.

Ich verabschiede mich von der Wandertruppe und dem sehr netten Winzer-Ehepaar und wandere mit Juliana I. durch das Dorf Weischütz. Hinter Weischütz wandern wir eine Anhöhe hinauf und durch einen Wald. Dann öffnet sich die Landschaft, über die Felder hinweg ist ein Turm zu sehen. „Das ist unser nächste Ziel“ sagt Juliana I., das Weingut von VDP-Winzer Bernhard Pawis. Und dann rettet die Weinkönigin uns das Leben: „Die schießen auf uns!“

 

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Stimmt, das Knallen hat uns durch den Wald begleitet. Unseren regulären Weg können wir nicht gehen, wir wollen nicht den Ballermännern auf dem Schießstand zu nahe kommen. Wir gehen also mit Sicherheitssabstand an der Landstraße. Im ehemaligen Kloster Zscheiplitz treffen wir Bernhard Pawis, einer der Winzer an der Unstrut, der auch seinen Anteil daran hat, dass sich die Anbaufläche des Anbaugebiets seit der Wende verdoppelt hat. Pawis sagt: „35 Prozent meines Weins ist Riesling. Schuld ist meine Frau, die hat sehr forciert, das überhaupt anzubauen. Wieviel der 35 Prozent Riesling Eigenbedarf meiner Frau ist, ist Betriebsgeheimnis“ Schon nach wenigen Minuten ist klar, Winzer Pawis ist ein sehr sympathischer Entertainer, der uns Weinwanderer auf einen kleinen Spaziergang durch sein Weingut mitnimmt. Wir steigen auf den sogenannten Nonnenturm und haben einen gigantischen Blick über das Unstruttal bis Freyburg und Schloss Neuenburg.

 

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Unterhalb des Nonnenturms zeigt uns Pawis die Napoleon-Kanone. Nach der Völkerschlacht 1813 hatte sich das geschlagene Heer Napoleons an den reifen Weintrauben im Unstrut-Tal satt gegessen. Heute nutzt Pawis die Kanone, um einzelne Weinflaschen zu den durstigen Weinliebhabern im Tal zu schiessen.

 

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„Und meine Frau zieht direkt per Bankeinzug die Kohle ein“ Frau Pawis treffen wir in der Straußwirtschaft. Sie sagt: „Viele, die aus dem Westen kommen, sind überrascht, wie toll das hier ist“. Ich teste den herrlichen Grauburgunder. „Der ist bei uns immer als erstes ausverkauft“ informiert mich Bernhard Pawis und ergänzt: „Ich liebe es, wenn jemand nach dem ersten Schluck sagen: Dein Wein ist geil“

Dass es „geile Weine“ bei Bernhard Pawis und seiner Frau gibt, kann ich bestätigen. Wir verabschieden uns und wandern weiter auf unserem Weinwanderweg mit dem blauen Balken. Unser Weg führt uns bergab, Richtung Freyburg. Auf dem Weg erklärt mir die Gebietsweinkönigin stolz ihre Krone, denn jeder Stein, jeder Steg des luftigen Diadems hat einen tieferen Sinn. Die drei Steine stehen nicht nur für Rot, Rosé und Weißwein, sondern auch für die drei Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg.

 

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Denn die Weinberge des Anbaugebiets Saale-Unstrut sind auf verschiedene Wein-Zentren im Dreiländereck verteilt, sogar am Harz wird Wein abgebaut. Doch zurück zur Krone. Der eierschalenfarbene Besatz unterhalb der drei Steine symbolisiert den typischen Muschelkalk-Boden. Und die Weinberge und Terrassen werden durch goldene Spangen dargestellt. Wir erreichen den Fuß der Schweigenberge bei Freyburg und sehen genau die terrassierten Weinberge, auf die die Krone von Juliana anspielt.

Und wir sehen zahlreiche der ungefähr hundert Weinberghäuschen. In einem dieser Weinberghäuschen ist die Straußwirtschaft „WeinGalerie im Schweigenberg“ untergebracht, das ist nächste Station unserer Weinwanderung.

 

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Winzer Sven Lützkendorf begrüßt uns strahlend und erklärt auch sofort, warum er so glänzende Laune hat: „Die Traubenreife 2017 war optimal, es war ein grandioses Jahr!“ Da ist es ja eigentlich höchst bedauerlich, dass ich im Herbst 2017 noch keinen 2017er verkosten kann. Doch, sagt Lützkendorf, „ wir haben doch den Federweißer. Und der ist wirklich sehr gelungen, um nicht zu sagen „grandios“. Wir klettern mit unserem Winzer kreuz und quer durch seine Weinberge und bleiben an einer Reihe mit Riesling-Rebstöcken stehen. Lützkendorf zückt seinen Öchsle-Messer und macht einen Öchsle-Test von der Riesling-Beere. Auch ich darf durch das kleine Gerät schauen und sehe auf der milchigen Skala den Wert: 66. Aber Lutz Lützkendorf will noch abwarten. „Jeder Tag bringt jetzt einen Öchsle mehr“, da werde sich die Geduld auszahlen.

 

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In der DDR gab es zwei Genossenschaften, eine von beiden war die Winzervereinigung Freyburg. Es ist schon dunkel geworden, halb neun abends, die Straßenlaternen von Freyburg haben unseren Weg zur Weingenossenschaft illuminiert. Wir treffen Hans Zieger, den Geschäftsführer Winzervereinigung Freyburg und trinken zur Begrüßung einen großartigen Müller Thurgau.

 

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Diese manchmal etwas unterschätzte Rebsorte ist an der Unstrut die wichtigste Weißweinsorte. Wir machen einen Rundgang durch den Betrieb. Es ist der Hammer, was in der Winzervereinigung Freyburg – gefühlt mitten in der Nacht – noch los ist. Viele der 45 Mitarbeiter wuseln umher, ein grüner Weinlaster kippt seine Traubenfüllung aus. Zieger erklärt: „Nehmen wir zum Beispiel unseren Dornfelder Rosé, halbtrocken. Bei dem muss die Gärung exakt gestoppt werden, manchmal eben auch morgens um halb Drei. Daher haben wir im Herbst zur Lese-Zeit Schicht-Dienst.“

Vor der Vinothek verabschiede ich mich von Hans Zieger und auch von Juliana I., die mir eine wunderbare Begleiterin auf meiner Exkursion an der Unstrut war. Ich freue mich auf jeden Fall auf meine nächste Weinwanderung im Anbaugebiet Saale/Unstrut.

 

Ich danke Sandra Polomski-Woithon ganz herzlich für die Organisation und Begleitung der Weinwanderung von Laucha nach Freyburg.



Karneval an der Werra

Geschrieben am um 7:26

Nix „Kölle Alaaf“. Wir rufen „Woasinge Ahoi!“. Nicht Köln am Rhein ist die deutsche Karnevalshochburg, sondern Wasungen an der Werra. Warum? Weil in Thüringen der komplette Ort karnevalsverrückt ist. Da gibt es keine Karnevalsflüchtlinge, die wie in Köln vor den Horden besoffener Menschen aus dem Allgäu, der Eifel und dem Westerwald das Weite suchen. Nein, in der deutschen Fastnachtsstadt Nummer Eins sind alle 3.500 Ureinwohner beim Karneval dabei.

 

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Auf einer kombinierten Kanu- und Fußwanderung an der Werra von Meiningen nach Wasungen habe ich die thüringische Karnevalsenklave entdeckt. Schon verrückt: Auch die Tradition spricht im nationalen Narrenhochburgen-Vergleich für Wasungen. 2018 wird schon das 483. Wasunger Karnevalsfest gefeiert. Zum Vergleich: Den Kölner Rosenmontagszug gibt es erst seit 1823. Und so einen schönen Karnevalsorden wie in Wasungen gibt es auch in keiner anderen deutschen Fastnachtshochburg.

 

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Jedes Jahr wird mit großem Brimbamborium der „Größte Lüchesoack“ – also der größte Lügensack – ausgezeichnet. Das scheint in Wasungen eine große Ehre zu sein. Diesen Titel kann man auch mehrmals holen, ein gewisser Herbert Dreißigacker schaffte in den Fünfzigern einen Hattrick in drei Jahren hintereinander.

Das Wasunger Motto 2018 ist: „Ganz Woasinge steht Kopf“. 2016 hieß das Motto: „Mie falle ümmer uff“, das hört sich schon fast rheinisch an. Und 2003 war das Motto: „Es is rüü bi nüü“. Da braucht man wirklich einen Übersetzer, keine Ahnung, was das heißen soll. Und warum heißt der närrische Schlachtruf „Woasinge“ ahoi? Weil früher die Flößer auf der Werra zum Stadtbild gehörten, die maritime Tradition hat sich mitten in Thüringen erhalten.

Falls ich demnächst in Wasungen mitfeiere, habe ich auch schon ein Kostüm. Ich gehe dann als wandernder Rohrbert…

 

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Mein Name ist Hase

Geschrieben am um 6:55

Der Fluss Hase war früher beim Spiel Stadt-Land-Fluss mein Geheim-Tipp, wenn es um den Buchstaben „H“ ging. Man konnte das gleiche Wort wie bei „Tier“ unter „Fluss“ eintragen, und kein anderer Mitspieler hatte die Hase auf dem Zettel. Bingo!

 

Manuel Andrack am Haseufer in Osnabrück

 

Vor kurzem hatte ich endlich mal Gelegenheit an der Hase – nun ja, nicht zu wandern, eher zu spazieren und Rad zu fahren. Mit der Chef-Landschaftsplanerin von Osnabrück habe ich mir einige Bauprojekte angeschaut, die die Hase der Osnabrücker Bevölkerung näher bringen.

 

Manuel Andrack am Haseufer in Osnabrück

 

Natürlich hätte ich auch gerne mal einen Hasen gesehen. Aber wir haben nur Enten, Krähen und eine Ratte gesichtet. Aber hinter dem Kaufhof haben wir das scheue Tier gesichtet, das auf der roten Liste der bedrohten Stadt-Land-Fluss-Tiere steht…

 

Manuel Andrack am Haseufer in Osnabrück

 

Um beim Thema Flüsse zu bleiben. Auf der Werra habe ich mich in ein Kanu gesetzt und mit Kapitän Thomas Wey die wilden Stromschnellen des thüringischen Flusses bezwungen…

 

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Dafür braucht man natürlich spezielle Bekleidung. Um sich im Werra-Kanu vor dem Ertrinken zu retten, trage ich Fifty Five. Um mit den Hasen angeln zu können, nehme ich Fifty Five. Und wenn ich mit der Landschaftsplanerin Christiane Balks-Lehmann im Regen an der Hase steh, bevorzuge ich Fifty Five. Es kann sooo einfach sein.



Mein neuer Job: Naturfotograf

Geschrieben am um 10:52

Ich habe ja schon viele Jobs in meinem Leben ausprobiert und auch parallel ausgeübt. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich auch mal als Fotograf von nie zuvor gesehenen Tiermotiven Aufsehen erregen würde. Ich gebe zu, wochenlang in derselben Unterhose in der Serengeti als Buschzweig getarnt zu warten, bis der sengalesische Zwerghamster vorbei hoppelt, das ist echt nicht mein Ding. Aber was sagt ihr dazu:

 

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Wie bitte, Ihr könnt nicht erkennen, welches Tier das sein soll? Eine tauchende Blindschleiche natürlich, das sieht doch jede blinde Schleiche. Na gut, dann jetzt mal was Einfaches: Wer ist hier gerade vorbei geschwommen?

 

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Wie jeder weiß, ist der Fischotter äußerst scheu und selten in freier Wildbahn anzutreffen. Die größte Thüringer Fischotter-Expertin, die zwar ihr ganzes Leben den thüringischen Fischotter gewidmet hat, hat den kleinen Kerl noch nie gesehen. In dieser Entengrütze (das ist der Schmodder auf der Wasseroberfläche) auf einem Oder-Altarm hat sich aber der Fischotter wie ein Eisbrecher eine Schneise gebahnt.

Ich kann aber nicht nur Tiere…

 

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Auch den scheuen Hindenburg-Baum habe ich vor die Linse bekommen. Ich denke, mit dem Wandern höre ich bald auf. National Geography hat mir eine Festanstellung als Chef-Fotograf angeboten.



Wasserwandern und die Schmach der Himmelsleiter

Geschrieben am um 7:43

Im Spätsommer, der meistens eher spät als sommerlich erschien, habe ich bei einigen Expeditionen in Deutschland „Lebendige Flüsse“ erwandert, ein Projekt der Deutschen Umwelthilfe. Ich habe also neben meinen neuen Hobbys Weinwandern und Kinderwandern auch noch das Flusswandern ins Visier genommen. Das darf man übrigens ganz wörtlich verstehen …

 

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Im Mündungsbereich der Isar (bevor ihr das googelt –selbst die meisten Bewohner Münchens wissen das nicht – die Isar mündet bei Deggendorf in die Donau) war es wegen der August-Regenmassen etwas feucht geworden. „Vom Wasser gestaltet“ – genau!

Am Neckar bin ich auch nass geworden, aber nur, weil der Schweiß in Ströme floss. Schuld daran war die Himmelsleiter auf dem Neckarsteig…

 

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1.200 grob behauene Steinstufen vom Heidelberger Schloss hinauf zum Gipfel des Königsstuhls. Au Mann. Ich kann mich nicht erinnern, auch nicht am Watzmann, jemals so außer Atem gekommen zu sein. Peinlich!

 

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Beim Gipfelfoto mit Naturschützer Johannes Reiss bin ich so fertig, als hätten wir gerade einen Achttausender bezwungen. Mein Brillenglas ist nicht trübe, sondern nur beschlagen. Das Belohnungsbier am Gipfel fühlte sich wie die Schlussrast an. Dabei waren wir erst ein paar hundert Meter gewandert.

Zurück zur Isar-Wanderung, die nächste peinliche Nummer…

 

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Zur Schlusseinkehr nach der Isar-Auenwaldwanderung bestelle ich mir eine schöne Halbe von Arcor-Bräu. Lecker. Und dann, Herr Wirt, hätte ich gerne noch das Freibier, aber zack zack, versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Tja, wer lesen kann, ist klar im Vorteil…



Andrack weinwandert in … Württemberg

Geschrieben am um 7:08

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Ich starte meine württembergische Weinwanderung im Weingut Merkle in Ochsenbach, Kreis Ludwigsburg. Die Merkles sind das einzige Weingut der Welt, die ihre Weine mit Wildhefe produzieren. Um es vorweg zu nehmen – das funktioniert sensationell gut. Das Problem ist nur: diese wilden Hefen findet man wie wilde Pilze in der Natur, aber man kann sie als Wanderer nicht suchen und sammeln, weil sie sozusagen mikrobiologisch und daher nahezu unsichtbar sind. Schade, ich hätte den Merkles von meiner Weinwanderung gerne ein Körbchen wilde Hefen mitgebracht.

 

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Hinter der Kreisstraße von Ochenbach, die den Berg hinauf führt, stoße ich auf die Markierung mit den roten Trauben. Ich gehe die nächsten Kilometer auf dem Württembergischen Weinwanderweg, der Weinregionen im Ländle über 470 Kilometer verbindet und damit der längste Weinwanderweg Deutschlands ist. Wenn man möchte, kann man also wochenlang auf dem Württembergischen Weinwanderweg verbringen und das Angenehme (Wandern) mit dem Angenehmen (Weintrinken) verbinden.

 

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Seit meinem Start am Weingut Merkle bin ich durch einen schönen Mix aus Wäldern und Weinberge gewandert. Auch hinter Ochsenbach geht es durch einen Wald, später über einen schmalen Dschungel-Pfad hinunter, der schon bald weite Aussichten erlaubt. Der Weg oberhalb der Weinberge von Spielberg (das ist der Ort, in dem viele Kino-Hits wie „Der weiße Hai“, „E.T.“ und „Indiana Jones“ produziert wurden) ist sensationell – ein schmaler, naturbelassener Pfad. Ich genieße die grandiosen Blicken auf den Ort Spielberg genauso wie die weite Landschaft bis nach Bietigheim-Bissingen und das Enztal.

 

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Wenige Kilometer hinter Spielberg sehe ich den nächsten Weinort, Hohenhaslach. Mein Weg verläuft zunächst oberhalb der Rebreihen, später mitten durch die Weinberge. Die nächsten Kilometer ninter Hohenhaslach wandere ich durch den Spitalwald und den Pfefferwald, eine schöne Abwechslung zu den Weinbergen. Ab der Pfeifferhütte (mit drei F) gehe ich mit dem Kreuz auf weißen, fein geschotterten Wegen hinunter Richtung Michaelsberg. Das ist ein echtes Wanderglück, die ersten Ausblicke auf die Landschaft rund um den Neckar zu genießen. Es ist, als könne man fliegen und würde in die Natur hinein stürzen, phantastisch! Grandios ist der Michaelsberg: Das ist mal ein WEIN-BERG! Denn rund um diesen Kegelberg im Zabergäu wird Wein gepflanzt, das ist ein sehr schöner Anblick.

 

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Ich wandere am Fuße des Michaelsbergs entlang und erreiche am Rande des Vergnügungsparks Tripsdrill die Gaststätte am Michaelsberg. Lauschig unter schattigen Bäumen und Sonnenschirmen trinke ich einen ausgezeichneten St. Michaelberger Lemberger von den Cleebronner Winzern. Mit dem Wein vom Michaelsberg in der Hand schaue ich auf den Michaelsberg, der wunderbar das Zusammenspiel von Natur und Fleiß der Winzer zeigt. Wie hat schon Georg Merkle, der sein Weingut praktisch aus dem Nichts aufgebaut hat – zu Beginn der Wanderung gesagt? „Für den Schwaben ist Arbeit keine Strafe“. Und das gilt mit Sicherheit für alle schwäbischen Winzer, die uns Weinwanderern herrliche Tropfen bescheren.

 

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Achtung Witz! Man könnte sich tot lachen!

Geschrieben am um 8:38

Mit dem Humor ist es so eine Sache. Was der eine lustig findet, darüber kann der andere noch nicht einmal schmunzeln. Bei den Witzen vom Württembergischen Wanderweg lege ich mich aber fest: Die sind (mit winzig kleinen Abstrichen) absolut Fips-Asmussen-tauglich. Es empfiehlt sich allerdings vor dem Lesen der folgenden Witze ungefähr vier Viertele – na ja, vielleicht besser acht Viertele – eines württembergischen Weins zu verkosten, einen Trollinger oder Lemberger zum Beispiel. Dann kommt die erheiternde Wirkung von ganz alleine…

 

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Ich finde: gar nicht mal soooo schlecht. Nur ist die Pointe eindeutig etwas in die Jahre gekommen. Denn normalerweise haben heutzutage Ehepaare nach etlichen Ehejahren generell getrennte Schlafzimmer. Der folgende Witz ist der Ober-Hammer…

 

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Was für ein Schenkelklopfer. Fragt sich nur, auf welche Schenkel man klopfen sollte, Denn diesem Witz gebührt unbedingt der Alice-Schwarzer-Feminismus-Orden erster Klasse. Etwas speziell ist dieser Witz hier:

 

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Ich finde, dass das eigentlich ein sehr schöner Wegschmeisser ist, gehört er doch eigentlich schon in die Kategorie der Anti-Witze, die in meiner Jugendzeit mal Hochkultur hatten. Der Klassiker: „Ich hätte gerne zwei Brötchen – nehmen Sie drei, dann haben Sie eins mehr.“

 

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Als ich diesen 1-A-Spitzen-Witz las, habe ich mich gefragt: Warum ist die klassische Ochsenschwanzsuppe so gut wie von den Speisekarten der gutbürgerlichen Gaststätten verschwunden? Hat da jemand das Rezept verlegt? Finden die Köche den Dosenöffner nicht mehr? Oder werden aus all diesen Ochsenschwänzen heutzutage diese getrockneten Ochsenziemer gemacht, das berühmte Hunde-Leckerli?

Und was haben diese ganzen Witze mit dem Weinwandern oberhalb von Hohenhaslach zu tun? Nun, das ist der größte Witz: gar nichts!

Mehr vom würrtembergischen Weinwandern nächste Woche …

 



Rhön-Glück auf dem Hilderser – ein ehemaliger Wanderpapst berichtet.

Geschrieben am um 6:26

Ich stehe auf dem Buchschirm, das ist eine Bergkuppe, keine Pilzart. Herrliche Luft auf einer Höhe von 746 Metern. Die Herbstsonne scheint, und ich habe eine geniale Übersicht über das schönste Mittelgebirge im Herzen von Deutschland – die Rhön.

 

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Diese Fernblicke, diese offene Landschaft, das ist das Alleinstellungsmerkmal der Rhön. Und diese Blicke lassen das Herz jedes Wanderers tanzen, das Schweifen in die Ferne macht jeden Wanderer glücklich. Doch gehen wir zurück zum Anfang der Wanderung.

Vorgestern, um 10:00 Uhr. Bürgermeister Hubert Blum strahlt über das ganze Gesicht, denn es gibt etwas zu Feiern und die Sonne lacht über seiner Gemeinde (nicht über seine Gemeinde): Vor genau 10 Jahren entstand in Hilders der erste Premiumweg der hessischen Rhön: Die Extratour Hilderser ist 10 Jahre alt, noch nicht ganz in der Pubertät, aber schon aus dem Gröbsten heraus.

In den Zeitungen der Region war der Besuch eines „Wanderpapstes“ angekündigt worden. Nach intensiven Portrait-Foto-Vergleichen stelle ich fest, dass anscheinend ich gemeint bin. Da man in Hilders sehr katholisch geprägt ist, haben einige Mitwanderer Bedenken wegen der Bezeichnung „Papst“. Ich muss den Bedenkenträgern hundert Prozent recht geben, und widerrufe an Ort und Stelle alle Wanderpapst-Ambitionen. Fortan könne man mich gerne – in aller Bescheidenheit – Wander-König oder auch Wander-Meister nennen.

Der Weg startet unmittelbar vor dem Rathaus, das ist praktisch für Bürgermeister Blum, da kann er direkt von seinem Amtszimmer losstiefeln. Wir folgen der Markierung mit dem roten „H“.

 

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Das „H“ steht nicht nur für Hilderser, sondern auch für Höhenluft. Denn schon bald geht es sehr steil hinauf. Auf einem Kreuzweg. Eigentlich logisch, dass man bei einem Kreuzweg ein wenig leiden muss, das gehört nun mal zum Programm. Auf Steintreppen erreichen wir am Ende der Kreuzwegstationen das Golgatha von Hilders – die Battensteinkapelle.

Ins Gespräch mit zwei Mitwandern vertieft merke ich ungefähr 500 Meter hinter der Kapelle, dass etwas nicht stimmen kann – keine rotes „H“ mehr zu sehen, wir drei haben uns verlaufen. Das treibt mir die Schamesröte in’s Gesicht: Auf einem Premiumweg verlaufen, das ist ja der totale Wander-Super-Gau. Das wäre einem richtigen Wanderpapst niemals passiert, gut dass ich den Titel eben abgelegt habe. Schnell haben wir aber auf den rechten Weg gefunden. Wir treten aus dem Wald und wandern schon bald durch die offenen Landschaften oberhalb von Hilders.

 

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Dank des Rhönschafs und der vielen Rhön-Kühe gibt es in der Region ausreichend Weideflächen, um nachhaltig die Landschaft frei zu halten. Auf einem unbarmherzigen Grasweg zwischen den Weidenflächen gehen wir einige hundert Meter bergan, da muss man schon Kondition haben. Am Vorabend war ich mit meinem Kumpel – dem Rhön/Fulda/Vogelsberg-Bundestagsabgeordneten Michael Brand – in der Rhön um die Häuser gezogen.

 

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Zuerst hatten wir im Spitzenrestaurant „Landhaus Kehl“ (14 Punkte beim Gault-Millau!) mit Apfel-Sekt-Aperitiv, Rhöner Bier, Lammbratwürstchen und einem Schnaps vorgeglüht. Chef Dieter Kehl (und stolzer Vater von Koch-Genie Benjamin und Fußball-Genie Sebastian, ja genau, der Kicker von Freiburg und dem BVB) nahm sich sogar Zeit, mit uns kurz anzustoßen. Dann ging es drei Dörfer weiter zu Jürgen Krenzer, dem Rhöner Schaf-und-Apfel-Papst.

 

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Die große Lammplatte haben wir zwar nicht ganz geschafft, aber die drei Sorten Rhöner Biere (eines davon braut Krenzer selber) und den Krenzerschen Apfel-Sherry haben wir natürlich getestet. Weshalb ich das erzähle? Weil sich einige Spurenelemente dieser Alkoholika beim Aufstieg hinauf zum Buchschirm deutlich bemerkbar machen. Aber der Lohn der Mühen ist der grandiose 360-Grad-Panorama-Blick, den ich – wie oben beschrieben – am Gipfelkreuz des Buchschirms genieße.

Aber auch beim Weg hinab vom Buchschirm gibt es immer neue Blickachsen zum Niederknien. Apropos Niederknien, auf einem matschigen Weg verliere ich nicht nur die Contenance, sondern auch den Halt und lege einen zirkusreife Rutschpartie hin. Erst hat sich der ehemalige Wanderpapst verlaufen und nun auf die Schnauze gelegt. Was kommt da bitte schön als nächstes? Frontal gegen einen Wegweiser-Pfosten laufen? Wir gehen durch schöne Herbstwälder und genießen das wunderbare Geräusch von trockenem Raschel-Laub.

 

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Unser Wanderführer vom NABU-Ortsverein schaut genau hin in’s braun-gelbe Laub und entdeckt tatsächlich eine schlammbraune Erdkröte. Keiner der Mitwanderer wagt den Prinzen-Kuss-Test und so muss die Kröte weiter Kröte bleiben. Aber immerhin ist keiner auf sie drauf gelatscht.

Oberhalb der Ortschaft Simmershausen (Simmershausen und Hilders lieben sich so wie Köln/Düsseldorf, Frankfurt/Offenbach oder Nordkorea/Südkorea) wandern wir an der Rhönklub-Hütte der Orstgruppe Simmershausen vorbei.

 

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Die nächste Veranstaltung in der Wanderhütte sollte man sich schon mal vormerken: Fronleichnam 2018 wird ab 12:00 gegrillt!

Die mächtigen Mauern der Auersburg laden zu einer kurzen Verschnaufpause ein und der Eckturm zu erneuten Blicken über die Rhön. Hinter der Auersburg geht es bergab und wir erreichen einen weiteren Höhepunkt. Auf schmalen Pfaden geht es durch die Ritterschlucht. Einige hundert Meter später ist schon der Kirchturm von Hilders zu sehen, an dem man sich gut orientieren kann.

 

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Beim Belohnungsbier vor dem Rathaus ziehe ich mit Bürgermeister Blum und einigen neuen Wanderfreunden ein Fazit. Der Hilderser ist ein wunderbarer, extrem abwechslungsreicher Premiumweg mit vielen Highlights. Gastronomie am Weg wäre noch ein I-Tüpfelchen (Herr Kehl oder Herr Krenzer, übernehmen Sie!), ist aber kein Muss, da es am Ziel ausreichend Einkehrmöglichkeiten in Hilders gibt. Auf jeden Fall bekommt man auf dem Hilderser einen guten Eindruck von der Schönheit der Rhön. Das wäre doch mal ein Werbeclaim: „In der Rhön – einfach schön!“ Spätestens nach der Wanderung auf dem Hilderser bin ich davon überzeugt, dass die Rhön in der Champions League der deutschen Mittelgebirge mitspielt. Ich freue mich schon auf die nächste Rhöner Wandertour. Euer ehemaliger Wanderpapst!

 



Andrack weinwandert in Sachsen

Geschrieben am um 9:20

Andrack weinwandert in Sachsen (Blog)

 

Meißen ist eine der schönsten Städte Deutschlands. Im zweiten Weltkrieg von Fliegerangriffen verschont, hat sich die zauberhafte Altstadt erhalten: Um die Frauenkirche am Markt gruppieren sich hübsche Fachwerkhäuser und verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflastern. Über steile, verwunschene Treppen geht es hinauf zur Albrechtsburg und daneben zum Meißener Dom, der mit seinen Doppeltürmen die Altstadt krönend überragt.

 

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Ich bin bestimmt schon dreißig Mal zu Besuch in Meißen gewesen, habe auch sehr oft den lokalen Wein genossen, bin aber kurioserweise nie auf die Idee gekommen, dem Ursprung dieser Weine auf den Grund zu gehen. Also gehe ich heute los, auf dem Sächsischen Weinwanderweg. Die Wegmarkierung mit der roten Traube finde ich am Elbeufer gegenüber der Altstadt. Die „Alte Spaargasse“ ist mein Entrée in das Spaargebirge südlich von Meißen mit seinen vielen kleinen Bergen und Weinlagen. Früher floss die Elbe auf der östlichen Seite dieses „Gebirges“, daher steht es so monolitisch in der Landschaft herum, ein Segen für den Weinbau – und natürlich alle Weinwanderer.

 

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Hinter dem Weingut Ricco Hänsch wird es dann doch ein klein wenig gebirgig, ich wandere hinauf auf den Kapitelberg. Ich verlasse kurz den Sächsischen Weinwanderweg und folge dem grünen Schild zur Juchhöh. Die Juchhöh ist ein Aussichtspunkt mit phantastischem Blick über die terrassierten Weinberge bis nach Meißen. Zeit für ein Selfie, diese Augenweide kann ich mir nicht entgehen lassen.

 

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Wieder zurück auf dem Weg mit der Traube passiere ich eine kleine Wanderhütte und einige Dorfstraßen. Dann verlasse ich eine Viertelstunde nach der Juchhöh ein weiteres Mal den Hauptweg und folge dem Schild „Kapitelholzsteig/Dresdner Straße 0,8 km“ Ich habe nämlich eine ganz besondere Verabredung. Ich wandere bergab, vorbei an einer Weinberg-Mauer am Boselberg.

 

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Es scheint eine sächsische Spezialität zu sein, alle Weinberge einzumauern oder einzuzäunen. Auf einer Holztür in der Mauer steht: „Es bliebe der beste Becher leer, wenn die Arbeit des Winzers im Weinberg nicht wär“. Das kann ich nur bestätigen. Der sehr schöne, schmale Weg führt mich weiter bergab und ich stehe vor dem Weingut Vincenz Richter. Der gleichnamige Gründer hat das Weingut 1873 gegründet, er war Oberst der kaiserlichen Armee. Vom Oberst zum Winzer, das ist schön, das hat etwas von Schwertern, die zu Pflugscharen werden. Ich gehe noch einige Schritte weiter und treffe an einem alten Hofgut Hendrik Weber. Weber ist der Chef des „Perlguts“, er ist der einzige Winzer in Sachsen, der ausschließlich Sekt macht.

Hendrik Weber hat nach dem Abitur erst einmal eine Winzer-Lehre absolviert, dann in Geisenheim Önologie studiert, später einen alten Bauernhof zum Sektgut gemacht und aus einer alten Streuobstwiese einen Weinberg mit Spätburgunder-Trauben. Und am Weinberg darf ich mit ran. Denn heute ist Weinlese-Tag im Perlgut, da wird jede helfende Hand gebraucht. Weber bietet mir Handschuhe an, damit die Finger nicht klebrig werden. Handschuhe möchte ich nicht, das sieht doch aus als wäre ich im OP. Ich schnappe mir eine der scharfen Winzerscheren und lasse mir zeigen, wie das geht mit der Weinlese.

 

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Immer schön in der Nähe des Zweigs abschneiden. Matschige Trauben kommen weg, die werden „verworfen“ und landen auf dem Boden. Dann kann es ja losgehen. Ich lege die abgeschnittenen Trauben vorsichtig in einen Eimer, den ich, als er voll ist, in eine Kiste ausleere. Wir haben Glück mit dem Wetter. Bei Regen wird nicht gelesen, die Trauben – und damit auch später der Wein – wären zu verwässert. Ich finde die Ernte-Tätigkeit ausgesprochen befriedigend. Die Arbeit an der frischen Luft, der Aufenthalt in dieser herrlichen Landschaft, nach einer Weile eine Rebstock-Reihe geschafft zu haben, das produziert Glücksgefühle ohne Ende. Kleiner Freizeit-Tipp: Es gibt viele Winzer, die sich über freiwillige Helfer zur Lese sehr freuen.

 

Sektmanufaktur Perlgut

 

Als Belohnung für meine kleine Lese-Hilfe trinken wir einen 2014er des „Sächsischen Champagners“, das ist sein erster Jahrgang. Blanc de Noir, gemacht aus Spätburgunder-Trauben. Der Sekt ist zwiebelschalenfarben, leichte Rosé-Färbung, ganz fein ausbalancierte Säure, herrlich. Weber sagt: „Morgen werden die Trauben gepresst, die wir heute gelesen haben. Ich möchte mit jedem Jahrgang den eingefangenen Sonnenschein des jeweiligen Jahres in die Flasche bringen“. Und 2020 kann ich dann den 2017er Blanc de Noir von Perlgut trinken und erwische vielleicht ein Schlückchen von eine der Trauben, die ich gelesen habe. Im Weingut gibt es leider keinen Flaschenverkauf, den Perlgut-Sekt gibt es aber in ausgewählten Vinotheken der Region oder er ist über die Seite www.perlgut.de zu beziehen. Ich verabschiede mich ganz herzlich bei Hendrik Weber für den Sekt und die Möglichkeit, erstmals im Weinberg gearbeitet zu haben. Ich gehe einen steilen Weg im Wald bergan und mache eine Zeitreise in die Vergangenheit des Weinbaus am Kapitelberg.

 

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Am Hang sind zahlreiche Trockenmauer-Terrassen zu erkennen. Zwischen den kunstvoll aufgeschichteten Steinen wachsen hundert Jahre alte Bäume. Diese Weinberge wurden in den 1880er Jahren wegen Reblaus-Befall aufgegeben. Als Wanderer durch diese ehemaligen Weinberge fühle ich mich wie Indiana Jones auf der Suche nach dem verlorenen Weinbergschätzen.

Schließlich habe ich auf der Anhöhe den Sächsischen Weinwanderweg wieder erreicht. Vorbei an dem sehr schönen Boselbiergarten (mit Bierbänken unter Kastanien) und dem botanischen Boselgarten gehe ich zur Boselaussicht. Dort hat man einen grandiosen Blick auf das Elbetal und kann bei guter Sicht bis zu den Türmen der Dresdener Altstadt blicken. Aber so weit möchte ich heute nicht mehr gehen, mein nächstes Ziel ist das Weindorf Sörnewitz unterhalb der Boselaussicht. Auf steilen Wegen geht es bergab, ich habe die Spaargebirgeüberquerung nach sechs Kilometern gemeistert. Das muss gefeiert werden.

 

Im Sörnewitzer Weingut Schuh treffe ich Katharina Pollmer, geborene Schuh. Gemeinsam mit ihrem Bruder Matthias Schuh (Europas bester Jungwinzer 2012) führt sie das Weingut. Ihre Eltern kommen von der Mosel und haben an der Elbe ihr Glück gefunden.

 

Manuel-Andrack-WG-Schuh

 

Eine der beliebtesten Weine ist der rosa Schuh, der ist aber „alle“, ausgetrunken. Der rosa Schuh ist mit einer schönen sächsischen Wein-Spezialität verbunden, dem Schieler aus weißen und roten Trauben. Der Name „Schieler“ bezieht sich nicht auf Leute, die was an den Augen haben, sondern auf die ehemaligen Schüler („Schieler“, wie die Sachsen sagen) der Fürstenschule St.Afra in Meißen.

Ich könnte nun von Sörnewitz weiter der roten Traube des Sächsischen Weinwanderwegs bis zum Bahnhof von Weinböhla folgen. Unter uns, sehr attraktiv ist dieser Streckenabschnitt nicht. Von einer regelrechten Durstrecke kann man allerdings nicht sprechen, da wir gegen den Durst ja im Weingut Schuh etwas unternommen haben. Alternativ kann man mit dem Bus von Sörnewitz nach Coswig oder noch besser zurück nach Meißen fahren, denn diese Stadt ist ein absolutes Genuss-Muss. Und die Porzellan-Manufaktur haben wir uns auch noch nicht angeschaut …

 

Ich danke dem Dresdener Journalisten Lars Müller für seine wertvollen Inspirationen, drei Fotos und die Vermittlung meiner ersten Weinlese-Erfahrungen.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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