Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Wanderwitz

Geschrieben am um 6:23

In den thüringischen Februar-Wirren wurde ein Politiker an die Öffentlichkeit gespült, den bislang kaum jemand auf der Rechnung hatte: Der neue Ostbeauftragte (wieso gibt es eigentlich keinen West-Beauftragten? – es gibt ja auch Süd-Beauftragte, man nennt das CSU) der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung also ist Marco Wanderwitz. Nachname Wanderwitz, kein Scherz. Seitdem er also nun zweiter Ost-Beauftragter nach Angela Merkel ist, schickt mir Marco, ein wirklich feiner Kerl, jeden Tag einen Wanderwitz. Hier die besten der letzten Tage:

Ein schwäbisches Ehepaar wandert durch die Alpen und fällt in eine Gletscherspalte. Am nächsten Tag hören sie eine Stimme von oben rufen: „Hallo, hier ist das Rote Kreuz!“ Darauf ruft der Schwabe zurück: „Mir gäbet nix!

 

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Gar nicht mal sooo schlecht. Hier der nächste Wanderwitz:

„Spielst Du eine Wandergitarre?“ – „Nee, wieso?“ – „Das ist Musik zum Weglaufen!“

Na ja, eher die Abteilung Wortspielhölle.

 

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Was passiert, wenn eine Blondine von Deutschland nach Österreich wandert? In beiden Ländern steigt der durchschnittliche IQ.

Für einen Blondinenwitz gar nicht so schlecht. Einen Wanderwitz hau ich noch raus …

Zwei Wanderer stehen plötzlich einem riesigen Bären gegenüber. Ruckizucki reißt sich der eine die Stiefel von den Füssen, holt seine Turnschuhe aus dem Rucksack und zieht sie an. „Was soll das denn?“ fragt sein Begleiter, „mit Turnschuhen bist Du auch nicht schneller als der Bär.“ – „Ja und, Hauptsache ich bin schneller als du.“

Der kurze Wanderwitz zum Schluss:

Wie hieß der berühmteste chinesische Wanderer? Ging Hang Lang

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Als Zugabe noch mein Lieblings-Wanderwitz, den ich schon auf vielen Veranstaltungen zum Besten gegeben habe. Diesmal in Reimform, Büttentauglich gemacht für mein Buchprojekt „Mein Jahr als Narr“

Drei Männer, drei Freunde, die haben nen Plan

„Wir wandern auf dem Rheinsteig, geradeaus und bergan!“

Die erste Etappe ist beschwerlich, alle drei sind froh

als sie ihre Unterkunft beziehen, ein Hotel mit Niveau

Sie trinken viele Biere, sie stoßen immer wieder an

Sie sind schon reichlich hinüber, da haben sie einen Plan

Wir grüßen jetzt mal unsere Frauen, am besten per SMS

Alle schreiben das Gleiche – das ist ganz schön kess.

„Wär ich ein Vöglein, flög ich zu Dir

Weil ich ein Wanderer bin, vögel ich hier“

Der nächste Tag beim Frühstück, es summt das erste Telefon

Die Ehefrau Nummer Eins schickt ihre Nachricht schon.

„Schon zu Hause warst Du immer ein Schwein,

auch als Wanderer lässt Du die Schweinereien nicht sein“

Zur Mittagsrast vibriert das zweite Handy

Die nächste Ehefrau schreibt zurück – es ist die Mandy:

„Von Deiner SMS glaub ich kein Wort,

Du konntest schon hier nicht – geschweige denn dort“

Spät am Abend, die zweite Etappe ist bereits gerannt

erhält der dritte Wanderer eine SMS, die ist brisant:

„Weil Du kein Vöglein bist, bist Du ein Wanderer,

sei ganz unbesorgt, mich vögelt ein anderer.“



Die flache Landschaft

Geschrieben am um 6:23

Das Hochgebirge: aufregend, spektakulär, atemraubend im wahrsten Sinne des Wortes. Das Mittelgebirge: aussichtsreich, angenehm, abwechslungsreich. Das Flachland: öde, fade, langweilig. Mit einer Wanderung im flachen Land (nicht umsonst spricht man ja auch von den „Mühen der Ebene“) verbindet man kein großartiges Erlebnis. Bezeichnend die Beschreibung des Wortkünstlers Arno Schmidt in seinem Jahrhundertroman „Das steinerne Herz“: „Die Sonne machte mir gleich eine flüssige Maske. Beim Umsehen wickelte ich mir die Landschaft ums Gesicht. Nur 3 Farben : unten grün ; oben blau ; der Braune Schlammstrich ; meines Weges“.

 

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Nun ja, lieber Arno Schmidt, immerhin hat es nicht geregnet, dann hätte es nur zwei Farben gegeben, braun und grau. Ich frage mich aber, ob dieses negative Bild der flachen Landschaft der Realität entspricht. Es stimmt natürlich: wenn ich über einen schnurgeraden, schattenlosen Feldweg gehe, am Horizont keine strukturierenden Hügel oder Berge, ich kann in der Ferne schon sehen, wo ich übermorgen sein werde, das ist wirklich keine große Wanderfreude. Ich kann mich an eine Wanderung in der Nähe von Cottbus erinnern. Ich ging auf einem markierten Fernwanderweg, meistens an Feldern vorbei. Stundenlang habe ich keinen Wanderer gesehen, dafür viele Fahrradfahrer, sehr viele Radfahrer, denn der Wanderweg war gleichzeitig eine äußerst beliebte Radstrecke. Da kommt man natürlich ins Grübeln. Wäre es vielleicht schlauer gewesen, eine Radtour anstelle einer Wanderung zu machen?

 

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Eine vergleichbare Wanderung habe ich auch mal im Münsterland erlitten, einer absoluten Fahrradregion. Ich komme in diesen Regionen ganz schnell an den Punkt, an dem ich das Gehen an sich in Frage stellt.

Und dann gibt es ja noch die Sache mit den Namen der Landschaften. Hochgebirge sind zumeist weltbekannt: Die Alpen, die Kordilleren, der Himalaya. Deutsche Mittelgebirge heißen Eifel, Harz und Rhön.

 

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Aber flache Landschaften? Haben die überhaupt Namen? Wie heißt die Ebene südlich von Augsburg? Wie nennt sich die Gegend um Osnabrück? Okay, Osnabrücker Land (früher gab es eine schöne touristische Tafel am Osnabrücker Hauptbahnhof: „Osnabrück, Hauptstadt im Osnabrücker Land“, ich war immer schwer beeindruckt), aber wer findet es reizvoll, dort einmal zu wandern? Es gibt allerdings Ausnahmen, schillernde Flachlandgebiete, in denen man genial wandern kann. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet westlich von Mönchengladbach gibt es die Premiumwanderregion „Wasser.Wander.Welt.“ Die Interpunktion erinnert an Arno Schmidt.

 

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Im Maas-Schwalm Nette-Gebiet wandert man auf deutscher und niederländischer Seite auf acht Premiumwegen, die Rundtouren haben zwischen zwei und fünf Höhenmetern. Und trotzdem funktioniert das abwechslungsreiche Wandererlebnis. Schmale Pfade, durch Auenwälder, über Felder, durch Mischwald, an Seen, Bächen, Kanälen entlang. Auch ambitionierte urbane Wege wie zum Beispiel der Frankfurter Grüngürtelweg beweisen, dass man auch ohne Höhenmeter lustvoll wandern kann. Es stimmt, man muss in der Ebene nach den schönen Wegen suchen, muss viel Spreu vom Weizen trennen, aber es geht auch im Flachland.

 

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Die Poetik

Geschrieben am um 6:23

Jede gelungene Wanderung ist ein Gedicht. Manche möchten singen, um ihr Hochgefühl hinaus zu posaunen, andere schreiben lieber Reime. So wie der ungekrönte König aller Wandergedichte, der unübertreffliche Joseph von Eichendorff. Ich empfehle, von Zeit zu Zeit das gelbe Reclam-Heft mit seinen Gedichten zur Hand zu nehmen. Bei dem meisten Versen kann man im Kopf mitwandern:

Der absolute Gassenhauer ist natürlich das Poem Der frohe Wandersmann, durch die Vertonung auch zum Mitsummen geeignet

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt;

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld

 

Aber schon in der zweiten Strophe kriegen diejenigen eins drüber, die zuhause bleiben:

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot

 

Pech gehabt, wer sich ums tägliche Brot kümmern muss, der kann halt eben nicht gottesgünstig wandernd gehen. So spricht die (wandernde) Elite. In Eichendorffs Gedicht Allgemeines Wandern heißt es:

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Er möchte sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft

Dagegen singt Der wandernde Musikant bei Eichendorff:

Wandern lieb ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

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Aber nicht nur bei den großen Meistern kann man wunderbare Wanderpoesie entdecken. Im weitesten Sinne muss sich ein Gedicht nicht zwingend reimen. Daher empfinde ich die Kreuzworträtselumschreibungen (Um die Ecke gedacht) des ZEIT-Magazins als ganz hohe Schule des poetischen Schreibens über alltägliche Begriffe des Wanderers.

Malheurmeldung vielleicht vom Wandertag, vielleicht aus dem Aquarellmalkurs? – VERLAUFEN

Atemberaubende Wanderwegqualität? – STEIL

Kommt laufend zu neuen Weltansichten? – WANDERER

Das finde ich absolut großartig, wunderschön!

 

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In Florian Illies‘ zweitem 1913-Buch fand ich einen Brief von Rainer Maria Rilke, der mehr Gedicht als Alltagsprosa ist. Er preist die vergangenen romantischen Wanderstunden mit seiner angebeteten Hedwig:

Hedwig, wie fehlst Du mir. Sind wirklich alle Wege noch da, dort hinten im Regen? Hast Du sie mit Dir hinweggenommen? Aber wenn ich hinsehe, wo wir gingen: gingen wir denn? Wars nicht Fliegen, Stürmen, Strömen?

 

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Hach, ist das schön – nur ein ganz ganz klein wenig schwülstig/kitschig. Jetzt bin ich erschöpft von so viel Wander-Pösie. Ich leg mich hin, im Hinterkopf Goethes Wanderers Nachtlied

Über alle Gipfeln ist Ruh

In allen Gipfel spürst du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde ruhest Du auch

 

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Die Komik

Geschrieben am um 6:23

Ein Wanderwitz: Die Wandervögel habe sich getrennt. Die eine Hälfte wollten nur noch Wandern.

Pruha, ein Schenkelklopfer, ein Abbücker, ein Brüller, der kürzeste Wanderwitz der Welt!

 

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Nicht lustig? Finde ich schon. Die prinzipielle Frage ist doch: Gibt es komische, humoristische Aspekte beim Wandern? Ich glaube schon. Prinzipiell ist es natürlich nicht lustig, einen Schritt vor den anderen zu setzen oder die Landschaft zu betrachten. Etwas anderes ist, mit einer luxemburgischen Wandertruppe an der Mosel unterwegs zu sein, und an einer Rinderweide vorbei zu kommen. Die Kühe kommen neugierig näher, und dann fangen die ungefähr zwanzig Menschen auch noch an zu singen. Und die Rindviecher lauschen ergriffen, könnten sie applaudieren, würden sie es tun, überhaupt keine Frage. Das fand ich schon sehr lustig.

 

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Natürlich freue ich mich auch immer, wenn ich ein Wanderparkplatz-Schild sehe. Der Wandersmann mit Hut und Stock, der voranschreitet. Die Wandersfrau, was sage ich, die Wanderdame dahinter, ohne Hut und Stock, dafür mit superkurzem Rock, Handtasche und wehenden Haaren. Die beide legen ein unglaubliches Tempo vor, das Schild ist definitiv das komischste Verkehrsschild Deutschlands. Interessanterweise gibt es eine badische Variante des Schildes, eine züchtigere Variante: Die Wanderdame hat einen knöchellangen Rock, die fliegenden Haare sind zum strengen Dutt geknotet. So geht es doch auch.

 

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Komik entsteht auch dadurch, dass sich der Held einer Geschichte, sagen wir einmal ein national durchaus angesehener Wanderexperte, immer wieder in Situationen bringt, die ihn fordern, um nicht zu sagen überfordern. 82 Kilometer am Stück wandern. Mitglied beim Schwäbischen Albverein sein. In der Steilwand der Watzmann-Ostwand hängen. Es ist eine Art mathematischer Humor-Rechnung: Die Differenz zwischen Wollen und Können ist die Keimzeile der Komik. Wenn Sätze wie: „Ich kenne mich hier aus, ich brauche keine Karte!“ oder „Es wird heute garantiert kein Gewitter geben“ mit der Realität kollidieren, ist das immer ziemlich lustig.

 

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Oder man erzählt einfach noch einen Wanderwitz, einen hab‘ ich noch: Warum ist Moses mit dem Volk Israel vierzig Jahre durch die Wüste gewandert? – Männer fragen nicht nach dem Weg.

 

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Youtube: Andrack_1

Geschrieben am um 19:13

Heute mal was ganz anderes, nicht immer nur – Wandern, sondern: Geile Musik!

Es ist doch so: Wenn ich Radio höre, laufen da nie die richtigen Songs. Weder bei Rock Radio Classic (nur AC/CD und Queen), noch in den das bester der 60er, 70er usw. Sendern) Der Plattenspieler funktioniert nicht mehr richtig, CDs sind Scheiße und gehen alle kaputt, die alten Mix-Tapes leiern.

 

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Deshalb habe ich meine erste Playlist bei Youtube gestartet. Andrack_1. Ich muss meinem Freund Peter recht geben: „Grandios!“ Es beginnt mit den Teenage Kicks, dem Lieblings-Song des legendären John Peel, der sich mit diesem Song, so hat es mir Dirk Schümer erzählt, beerdigen ließ

 

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Wenig später auf der Playlist: Rock Lobster. Das ist das Geile an Youtube: Ich sehe 35 – 40 Jahre später erst richtig den Look meiner liebsten Bands. Schaut Euch mal die Hemdkragen/Pullover der Buzzcocks an. Das ist Punk Rock, so sah ich in Köln-Ostheim auch aus!

 

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Meine absolute (nicht-deutsche) Lieblingsband der Achtziger: Die irischen Bob-Geldof-Buben. Okay, I don’t like Mondays. Aber die sechs Jungs haben einen Haufen weitere großartige Lieder geschrieben. Der erste, den ich von ihnen hörte – Like Clockwork.

 

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You know what this one is…? Depeche Mode live at Hammersmith Odeon 1982, ich hatte diese Live-Version als Kopie einer Bootleg-Pressung auf einem Mix-Tape. Mix-Tape leider verschollen. Das beste Lied von Depeche Mode. Im Jahr 2000 zum Beispiel bin ich bei einem Depeche-Mode-Konzert in Köln eingeschlafen. Ich habe jetzt erst kapiert, warum nach 1982 bei Gore und Gahan nichts mehr gekommen ist. Fast alle Kracher auf der Debüt-Platte hat Vincent Clarke geschrieben (später Yazoo und Erasure), auch „I just cant get enough“, meiner Meinung nach ist Clarke auch im Clip zu sehen, obwohl er laut wikipedia zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr bei DM (und auch nicht bei Rossmann) war.

 

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Einfach ein saugeiler Song. Alleine die Bassline zu Beginn: Zum Niederknien

 

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Passion von Flirts. Peinlich, ich weiß. Trotzdem gut. Crossover eben.

 

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Die Vapors, typische One-Hit-Wonder-Oand. Aber was für ein One Hit!

Und dann gibt es auch noch die Klassiker wie die Ramones, Sex Pistols und Sham69 in der Playlist. Und Bots. Viel Spaß, play it loud!



Das rechte Maß

Geschrieben am um 6:43

Ich las vor einigen Monden in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über das Werk des Thomasin von Zerklaere. Der Mann hat vor 800 Jahren eine Art Mittelalter-Knigge geschrieben. In dem Buch steht, was man macht und was man besser bleiben lassen sollte. Drei ethische Kategorien bestimmen das Denken Thomasins, das sind Recht, Freigebigkeit (im Mittelalter hieß das noch „milte“) und das rechte Maß (mittelhochdeutsch „mâze“).

Ich habe, als ich das las, sofort darüber nachgedacht, was das rechte Maß für einen Wanderer sein könnte. Erst einmal heißt das ganz banal, nicht zu viel und nicht zu wenig zu wandern. Tendenziell haben sich Wanderer in vergangenen Jahrzehnten mit zu langen Strecken überfordert, sie hatten das rechte Maß verloren. Denn das Maß aller Dinge kann nur das persönliche Wohlbefinden sein, und wenn man sich überfordert, ist das eindeutig maßlos.

 

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Andersherum wird auch ein Schuh daraus. Wer längere Strecken wandern könnte und sich aus welchem Grund auch immer (Faulheit, Zeitmangel, Rücksicht auf die Kinder oder die Ehefrau/den Ehemann) zurückhält und nur besser Spaziergänge macht als anständig zu Wandern, auch dieser Wanderminderleister hat nicht das rechte Maß für sich gefunden.

Das rechte Maß (oder in diesem Fall auch DIE Maß) sollte man beim Belohnungsbier finden. Ich muss mich da durchaus selbstkritisch an die eigene Nase fassen. Warum müssen es immer zwei Hefeweizen sein? Oder zwei Schoppen? Wie wäre es denn mit einem Latte-Macchiato, einer Rhabarberschorle, einem Malzbier. Auch da fehlt vielen Wanderern das rechte Maß, innerhalb und außerhalb der Fastenzeit.

 

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Es kann auch mal sinnvoll sein, auf eine Wanderung zu verzichten. Ich bin ja selber ein großer Freund vom Wanderpläne-machen, und wenn dann ein Wanderplan samt Strecke und genauem Wandertag steht, wird das auch durchgezogen. Allerdings ist das manchmal keine so gute Idee. Wenn es wie aus Eimern schüttet, warum sollte man dann unbedingt vor die Tür gehen? Wenn es dazu noch stürmt und orkant, kann das sogar lebensgefährlich sein, genauso, wenn schwere Gewitter vorhergesagt werden. Auch im Tiefschnee auf „normalen“ Wanderwegen im Winter zu wandern, ist selten eine gute Idee, auch wenn der Wanderweg daheim am Computer kinderleicht aussah. Außerdem sollte man beim Wandern doch möglichst fit sein, bei Fieber gehört man ins Bett und nicht in den Wald, auch wenn der Wanderplan das vorgesehen hat.

Dabei will ich jetzt nicht dazu auffordern, weniger zu wandern, um Gottes Willen – Nein! Aber für mich gehört es zum Beispiel auch zum „rechten Maß“, dort mehr zu Fuß zu gehen, wo wir es normalerweise – auch als Wanderer – nicht tun. Ich spreche von den kurzen, alltäglichen Strecken zwischen dreihundert Metern und fünf Kilometern, für die wir noch viel zu häufig das Auto nehmen. Da wäre es das „rechte Maß“, diese Strecken, auch wenn sie langweilig sind, doch öfter zu Fuß zu gehen.

Ich wünsche Euch allen ein maßvolles Wandervergnügen, Schritt für Schritt oder – um mit Shakespeare zu sprechen – Maß für Maß.

 

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Der Stolz

Geschrieben am um 8:41

Das Gipfelkreuz war schon zum Greifen nah. Warum zum Teufel geht es also jetzt noch mal steil bergab? Ach so, nur eine kleine Mulde auf dem Grat, aber die abschließende Kontersteigung zum Berggipfel tut noch mal richtig weh. Aber dann: Geschafft! Oben – höher geht’s nicht! Merkwürdig, im Gipfelbuch haben sich schon andere Wanderer eingetragen. Ich hätte eigentlich gedacht, der Erstbesteiger zu sein. Aber dann, wenn der Atem sich wieder beruhigt hat, der Puls nicht mehr rast und die Blicke schweifen. Dann kann man sich ganz dem Stolz widmen. Ein großartiges Gefühl, ich habe es geschafft! Ich bin stolz auf mich, so stolz, dass ich schon einige Zentimeter gewachsen bin.

 

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Ich atme tief durch. Eine wohlige Wärme breitet sich in meinem Körper aus, ob wohl es recht kalt ist und der Wind pfeift. Ich bin zufrieden mit mir. Martialisch ausgedrückt habe ich den Berg bezwungen, aber diese Zweikampf-Metapher ist total dämlich, den Berg interessiert das nicht die Bohne, ob er „bezwungen“ wurde oder nicht. Ich habe schon eher mich selbst bezwungen, den inneren Schweinehund. Und das wohlige Gefühl nennt man dann eben – Stolz.

Ursprünglich hatte der Stolz überhaupt kein gutes Image, gehörte sogar zu den Hauptsünden. Stolz wurde mit Hochmut gleichgesetzt, der Hagestolz war ein eitler, extrem unangenehmer Mensch. In den letzten Jahrhunderten hat sich der Begriff „Stolz“ gewandelt, es bedeutet nicht mehr, sich über andere zu erheben (außer man steht auf dem Gipfel und schaut hinunter auf die Stadt), sondern sich über sich selbst zu erheben. Ich bin regelmäßig stolz auf meine Entdeckungen, unerwartete Wanderereignisse. Dazu mehr im Blog über Entdeckungen.

Ich bin aber auch oft stolz, aus dem Bett gekommen zu sein, obwohl der Himmel verhangen ist. Ich bin stolz, schnell wie der Wind unterwegs gewesen zu sein (ich schreibe diesen Blog auf dem Gipfel des Gaisbergs, dem Salzburger Hausberg, nach 800 Höhenmetern Aufstieg, und 50 Minuten schneller als auf den Hinweistafeln angegeben, Wanderrakete Hilfsbegriff).

 

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Ich bin stolz, den Widrigkeiten getrotzt zu haben. Andere Wanderer sind stolz, eine lange Strecke gemeistert zu haben, den Rheinsteig, die Alpenüberquerung, nicht zuletzt den Jakobsweg. Eine solche Strecke geschafft zu haben hat dann auch wieder mit einem speziellen Gefühl zu tun. Die einen interpretieren es als Gotteserfahrung, die anderen als ganz spezielles Hochgefühl, um nicht zu sagen Glücksgefühl.

Aber fast am schönsten ist es, nicht auf sich selbst stolz zu sein, sondern auf den Nachwuchs. Wenn auch die Kleinsten eine Wandertour geschafft haben und sogar Spaß dabei hatten. Wenn die Kinder auch das Gipfelglück genießen und singend auf einer Schaukel ihr Glück hinaus singen. Das ist für mich der schönste Stolz, der Stolz auf meine Kinder.

 

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Das Hochgebirge

Geschrieben am um 6:23

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Georg Friedrich Wilhelm Hegel mochte das Hochgebirge nicht: „Der Anblick dieser ewig todten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so“ notierte der Philosoph während einer Alpenüberquerung. Er als Flachlandbewohner „sehnt sich immer nach Erweiterung, nach Ausdehnung, und sein Blick stößt immer an Felsen an.“ Der arme Mann, keine Blicke, nur immer diese Felsen.

Jeder Wanderer weiß, dass es in der Tat große Unterschiede gibt zwischen dem alpinen und dem mittelgebirgigen Wandern gibt. Wenn es im Hochgebirge bergan geht, dann geht es meistens auch sehr sehr lange bergan. Im Mittelgebirge verlasse ich beispielsweise das Rheintal, steige – wenn es hoch kommt – 200 Höhenmeter hinauf und genieße den Ausblick. Im Hochgebirge gehe ich 1.000 Höhenmeter hinauf, steile Rampen und felsige Pfade. Und wenn ich Glück habe, bin ich dann schon auf dem Gipfel. Wenn ich Pech habe, bin ich erst an einer Alm, und dann geht es noch einmal hinauf bis zum Gipfelziel.

Dass man im Hochgebirge ist, merkt man auch daran, dass man im Frühling, April oder Mai, eine lustige Wandertour plant. Aber schnell wird klar, dass man erstens die falsche Klamotten angezogen hat, weil zweitens bei jedem Schritt die Temperatur um gefühlte zwei Grad sinkt und drittens man nicht ohne Schneeschuhe hätte loslaufen sollen, da man bei jedem Schritt einen halben Meter in den Schnee einbricht.

 

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Aber auch im Hochsommer hat das Hochgebirge für Wanderer Tücken. Denn viele alpine Pfade erfordern nicht nur Trittsicherheit, sondern auch eine starke Konzentration auf jeden Schritt. Das heißt, der Blick geht immer zum Boden, nicht in die Landschaft. Eigentlich schade, denn die Ausblicke im Hochgebirge sollen ganz schön sein, habe ich mir sagen lassen. Ganz ehrlich, so ein Bergpanorama ist natürlich phantastisch. Ich kann daher nicht das Bonmot von Marcel Reich-Ranicki verstehen, als er über alpine Blicke so urteilte: „Was heißt denn hier schöne Aussicht, da stehen doch überall Berge davor.“

 

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Wenn ich mich an einer Typologie des Hochgebirgswanderers versuchen sollte, würde ich behaupten, dass er am ehesten der Typ einsamer Wolf ist. Der Berg und ich, ein ewiger Kampf, wer ist stärker? Noch eine dreiviertel Stunde bis zum Gipfel? Der Ehrgeiz ist geweckt, das schaffe ich auch in einer halben Stunde. Ich frage mich, muss das echt sein?

 

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Nun ja, ihr habt schon gemerkt, summa summarum ist das nicht unbedingt mein Ding, dieses Wandern im Hochgebirge. Der Wanderpsychologe sagt: Wahrscheinlich bin ich in einer vorzivilisatorischen Phase stecken geblieben: Die Angst vor hohen, schroffen Bergen dominiert mich. Das Gebirge als Feind. In vergangenen Jahrhunderten haben die Postkutscher bei der Alpenüberquerung die Vorhänge des Wagens zugezogen, damit die Reisenden nicht durch den Anblick der schrecklichen Berge verstört wurden. Das sehe ich nicht so. Anschauen mag ich mir die Berge ganz gern. Allerdings sind sie meines Erachtens für das Wandern nicht unbedingt geeignet.

 

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Die Gelassenheit

Geschrieben am um 6:23

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Gelassenheit ist ein schönes Wort, wenn ich es ausspreche, werde ich schon gelassener. Gelassenheit kann vieles bedeuten: Besonnenheit, Umsicht, Seelenruhe. Im Netz habe ich einen sehr schönen Aphorismus des Österreichers Ernst Ferstl gefunden. „Der beste Aussichtsturm des Lebens ist Gelassenheit“. Ich finde, das Wandern ist die hohe Schule der Gelassenheit. Schon das Tempo des Wanderers ist mäßig, ruhig, gelassen, um nicht zu sagen: lässig.

 

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Nicht zu vergleichen mit der Geschwindigkeit einer Autofahrt, einer Zugreise, oder gar eines Fluges. Aber der Wanderer (und die Wandererin natürlich auch) sind darüber hinaus wesentlich entschleunigter als Fahrradfahrer oder Jogger. Die Geschwindigkeit des Wanderers ist nicht abhängig von Hilfsmitteln, sie ist sozusagen menschlich.

Ich empfinde beim Wandern ein starkes, körperliches Wohlbefinden. Eine ruhige Kraft, die den ganzen Körper durchströmt, der Wanderer wird zu Körper gewordenen Gelassenheit. Woher kommt das? Wahrscheinlich dadurch, dass Draußensein entspannter ist als Drinnensein, Land entspannter als Stadt, Natur entspannter als Zivilisation. Das überträgt sich. Nehmen wir zum Beispiel einen weiten Ausblick über die Landschaft. Dieser Blick hat etwas Meditatives, man bekommt wie eine Antizivilisations-Arznei eine Portion Gelassenheit verpasst.

 

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Ich behaupte, dass Wanderer generell wesentlich gelassener sind, als andere Zeitgenossen. Zumindest, muss man einschränken, während sie wandern. Nehmen wir als Gegenbeispiel das Automobil: Es gibt wohl keinen Ort (außer dem Fußballstadion), an dem so hemmungslos geschimpft, geflucht, bedroht wird. Das Auto ist der Inbegriff der Anti-Gelassenheit. Daher sollte man auch nach Möglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Wanderausflug hin – und auch wieder zurück fahren. Nicht, dass sich die Wandergelassenheit blitzschnell in die Anti-Gelassenheit im Innenraum des Autos verwandelt.

Die Gelassenheit ermöglicht uns, den Widrigkeiten des Wanderlebens zu trotzen. Sollten wir uns verlaufen, ist das kein Problem, wir nehmen es auf die leichte Schulter und sagen uns: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Wir geraten in einen Regenschauer? Kein Problem, der gelassene Wanderer kennt verschiedene Lösungs-Optionen.

 

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Wir können in Ruhe abwarten und uns unterstellen, bis der Feuchtigkeitspegel wieder gesunken ist. Oder aber wir wandern einfach stoisch weiter, wir durchschreiten mit größtmöglicher Gelassenheit den Regenschauer, wozu hat man denn die Outdoorklamotten.

Nicht zu unterschätzen ist es, in gelassener Stimmung mit den Mitwanderern, der Familie, den Freunden, dem Wanderverein sich zu unterhalten. Unsere Wandergelassenheit ermöglicht perlende, emotionale, einfach wunderbare Gespräche.

 

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Die entspannte Wanderstimmung lädt uns dazu ein, uns auf eine Wiese und auf den Waldboden zu legen. Oder – falls das zu nass/dreckig/matschig ist – sich einfach auf eine Bank zu setzen. Denn auch die modernen Wanderliegen sind unendlich bequem, wir strecken uns aus, lassen Beine und Seele baumeln, auf diesen Gelassenheitsmöbeln. Denn darum geht es auch beim Wandern: Mal alle Fünfe gerade sein lassen. Da fällt mir ein – fünf, das ist doch exakt die (durchschnittliche) Anzahl von Zehen, die in einen guten Wanderschuh passen. Ihr wisst schon, welchen Wanderschuh ich meine, den mit der hunderprozentige Zehenfreiheit …

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Die Individualität

Geschrieben am um 6:23

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Es gibt eine Vielzahl von Gretchenfragen beim Wandern: Wanderst Du allein oder in der Gruppe? Wanderst Du lieber im Mittelgebirge oder im Hochgebirge? Bist Du mehr der Typ für Mehrtagestrekking oder doch eher der bequeme Tagestourenwanderer? Rundweg oder Streckenwanderung? Einkehr oder Rucksackproviant? Eifel oder Hunsrück? Über oder unter zwanzig Kilometer am Tag?

Ganz klar, das Wandern ist etwas für Individualisten, man geht zu Fuß genau so, wie man es eben möchte. Aber gerade in den letzten Jahren sind noch unendlich viele, teilweise sehr spezielle Formen des Wanderns dazu gekommen. In meiner saarländischen Regionalzeitung las ich vor kurzem etwas über eine „sinnvolle“ Wanderung.

 

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Da ich ein sehr sinnvoller Wanderer bin, habe ich mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt eingefunden. Ehe ich mich versah, wurden mir Handschuhe, ein Plastiksack und eine Müllzange ausgehändigt. Ich durfte mit anderen Freiwilligen Müll aus dem Wald entfernen, das war wirklich mal eine sinnvolle Wanderung.

Das Gegenteil ist eine Gourmetwanderung, da bekommt man höchstens eine Zange in die Hand, um sich noch einen Nachschlag zu holen oder die Schnecke aus ihrem haus zu puhlen. Auch bei einer Weinwanderung oder Bierwanderung kommt der Gaumengenuss neben dem Wandergenuss nicht zu kurz. Ob ich allerdings bei einer Jodelwanderung (das gibt es alles tatsächlich, ich habe mir nichts ausgedacht!) mitmachen würde, das wage ich stark zu bezweifeln. Mein Jodeln geht eher als Mittelding zwischen Meckern und Blöken durch, und auf das Gejodele der anderen Wanderer bin ich auch nicht scharf.

 

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Quelle: „Das NacktAktiv Buch“ von Anita & Wolfgang Gramer

 

Auch dem Nacktwandern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn im Sommer der Mückenschwarm kommt und die Disteln, Dornen und Brennnesseln am Wegrand zuschlagen, habe ich lieber eine Hose an.

Ziemlich sinnvoll erscheint mir dagegen eine Single-Wanderung, sofern man denn Single ist. Aber anscheinend werden solche Wanderungen veranstaltet, damit die Singles nicht mehr sehr lange Singles bleiben, und wer wandert dann bei der nächsten Singlewanderung mit? Sehr beliebt sind auch Wanderungen an bestimmten Terminen, Winterwanderungen, Neujahrswandern, Vatertagswanderungen. Nicht zu vergessen Schneewanderungen und Barfußwandern.

Aber für die richtig harten Typen ist Powerwandern das Richtige. Der Autor Philipp Sauer hat „ultimative Extremtouren für zähe Typen“ zusammengestellt. Und was ist mit den zähen Typinnen? In der Buchankündigung las ich, es mache Spaß, 30 Kilometer in acht Stunden zu wandern. Klar macht das Spaß, man nennt das auch Genusswandern, denn eine Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit von unter vier Stunden ist ja nun wirklich kein Ruhmesblatt, Herr Sauer, da hätte ich von einem zähen Typen wie Ihnen doch etwas ultimativeres erwartet.

 

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Der zäheste Powerwanderer der Welt ist sowieso Wladimir Putin. Ich las zuletzt, dass der russische Zar nach Oben-Ohne-Reiten und der Jagd nun auch das Wandern für sich entdeckt hat. Nach einer Acht-Kilometer-Bergtour schmerzten seinen Mitwanderern noch lange die Beine, während der Führer der aktuellen UdSSR von einer kleinen „Morgengymnastik“ sprach. Das war wahrscheinlich eine wirklich sinnvolle Wanderung für den ultimativen und härtesten Herrscher des Globus.

 

Das war ein gesponserter Beitrag!


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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