Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Weinwandern an der Saale

Geschrieben am um 6:23

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Ich starte die Weintour in Bad Kösen, Weinbaugebiet Saale-Unstrut, die Toscana Mitteldeutschlands, eine Station vor Naumburg.

 

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Ich gehe den Weinbergsweg auf den Höhen des linken Saaleufers auf einem traumhaften Pfad. Aber auch die Blicke ins Saaletal Richtung Bad Kösen ist spitze. Man kann bis nach Thüringen schauen, immerhin ist Saale-Unstrut das einzige Anbaugebiet Deutschlands mit Rebflächen in drei Bundesländern: Sachsen-Anhalt, Brandenburg und eben Thüringen

 

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Am Aussichtspunkt ein Gedenkstein, auf der Wanderkarte als Napoleonstein bezeichnet, auf den Wegweisern als Fürst-Heinrich-Stein. Ja was denn nun? Ich finde, das Ding sieht eher wie ein Eisernes-Kreuz-Gedächtnis-Stein aus.

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Apropos Markierungen: Die Wegweiser des Weinbergswegs sind neu, fast alle sind in der richtigen Richtung aufgehängt. Nur Wegmarkierungen sind Mangelware, Beruhigungszeichen fehlen komplett. Auch beunruhigt kann man den Weg ganz gut finden.

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Hier ein Blick durch die Reben Richtung Norden, im Hintergrund der Naumburger Dom, Weltkulturerbe, mit der berühmten Skulptur der lieblichen Uta. (kein Wein, trotzdem lieblich)

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Am Wegrand ein Hinweis auf ein Weinbergrennen, dass wohl zwischen 1980 und 1988 in den Weinbergen der Region stattgefunden hat. Ich erspare mir Witze über die Motorisierung der DDR, aber die Frage wird doch erlaubt sein, wer da gegen wenn ein Rennen veranstaltet hat? Motorräder, gegen Fußgänger und gegen Autos? Jeder gegen jeden? Nur auf den eigenen Vorteil bedacht? Das ist aber nicht sehr sozialistisch, was sagt denn Kevin K. dazu?

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Schon eine Enttäuschung, dass in der Besenwirtschaft Dierking („Wenn der Besen hängt, wird ausgeschenkt!“) noch nicht einmal ein Besenhaar (oder sagt man Besenborsten???) zu erkennen ist.

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Wenigstens gibt es im sehr maritim dekorierten Fischhaus an der Saale vernünftige Weine aus Saale-Unstrut – und eine Forelle, das ist ja auch so eine Art Fisch.

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Hallelujah, aber die Vinothek von Klosterpforta hat geöffnet und lädt zum Probieren und kaufen ein. Das ist doch ein Wort …

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… ich kann mich allerdings lange nicht entscheiden und muss daher sehr viel probieren. Mein Favorit, ein schlanker, relativ säurearmer Silvaner von 2018, prämiert mit einer goldenen Kammerpreismünze.

 

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Das Landesweingut Klosterpforta wird schon lange nicht mehr von Mönchen verwaltet, die mussten schon im 16. Jahrhundert im Zuge der Reformation ihre Weinberge aufgeben. Der reformierte Fürst Moritz von Sachsen machte aus Klosterpforta Schulpforta und gründete eine Fürstenschule. Diese Schule besuchten unter anderem Klopstock, Fichte und Nietzsche.

 

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An der Kleinen Saale wandere ich unspektakulär zurück nach Bad Kösen, vorbei am Köppelberg, einem Weinberg, den schon die Mönche bewirtschafteten. Die Armen haben nur für Gottes Lohn gearbeitet, als Wanderer im Weinberg des Herrn kann ich dagegen auf einen äußerst lohnenden Weinwandertag an der Saale zurückblicken.



Sensationelle Fähigkeiten auf dem 3-Türmeweg in Hagen

Geschrieben am um 7:24

Der 3-Türmeweg in Hagen ist ein Premiumweg der Superlative: Der einzige Premiumweg des Ruhrgebiets! Der schönste Premiumweg einer deutschen Großstadt! Der coolste Oberbürgermeister! Sogar ein Turm mehr als beim Schach!

 

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Manchmal scheint es mir, als würden sich gerade auf dem 3Türmeweg ganz besondere Fähigkeiten entwickeln. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass ich mit meinen beiden linken Händen einmal ein überwältigendes Schnitzkunstwerk fertigen würde.

 

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Im April 2018 und April 2019 habe ich mir den ersten und bisher einzigen Premiumweg des Ruhrgebiets in Hagen angeschaut. Der Drei-Türme-Weg mit abwechslungsreichen Wegabschnitten ist hübsch zu wandern. Und um den Weg noch hübscher zu machen, drückten Hagener Touristiker mir ein Schnitzmesser in die Hand. Ich? Schnitzen? Aber siehe da, flugs wurde ich zum Tilman Riemenschneider von Hagen.

 

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Manchmal wird man als Wanderexperte sogar zum Model aufgewertet. Man braucht nur einen Oberbürgermeister von Hagen (links), dessen Büroleiter (Mitte) und einen Rahmen, schon ergibt sich eines der schönsten Meisterwerke, die je in Hagen entstanden sind.

 

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Oberbürgermeister Erik Schmidt war im übrigen sehr hart im Nehmen. Während ich jämmerlich daran scheiterte, die kleine Flasche Mein-Hagen-Schnaps zu exen (immerhin sind da 0,05 Liter drin), schluckte der Oberbürgermeister wie ein Vollprofi, Chapeau! Aber auch diese Fähigkeit habe ich beim dritten Versuch erlangt. Von einem der drei Türme, dem Bismarcktürme, habe ich in die Ferne geschaut …

 

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Und wer in Hagen in die Ferne guckt, kann die Fernuniversität entdecken, an der nicht nur Olli Kahn seinen Abschluss gemacht hat. Ich hätte nicht gedacht, dass man für eine Lehranstalt, deren Studierenden in der Ferne lernen, so große Gebäude braucht.

Eine ganz besondere Fähigkeit habe ich am Wildgehege kurz hinter dem Kaiser-Friedrich-Turm entdeckt …

 

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… ich kann mit einer Schere ein rotes Band zerschneiden und eine Aussichtsplattform eröffnen, sensationell. Das ist mir aber nur gelungen, weil mir Hagens Oberbürgermeister zeigte, wie das geht. Betreutes Rotes-Band-Durchschneiden gewissermaßen. Oder, um bei den Superlativen zu bleiben: Erfolgreichstes Rotes-Band-Durchschneiden aller Zeiten!

 



Die Individualität

Geschrieben am um 6:23

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Es gibt eine Vielzahl von Gretchenfragen beim Wandern: Wanderst Du allein oder in der Gruppe? Wanderst Du lieber im Mittelgebirge oder im Hochgebirge? Bist Du mehr der Typ für Mehrtagestrekking oder doch eher der bequeme Tagestourenwanderer? Rundweg oder Streckenwanderung? Einkehr oder Rucksackproviant? Eifel oder Hunsrück? Über oder unter zwanzig Kilometer am Tag?

Ganz klar, das Wandern ist etwas für Individualisten, man geht zu Fuß genau so, wie man es eben möchte. Aber gerade in den letzten Jahren sind noch unendlich viele, teilweise sehr spezielle Formen des Wanderns dazu gekommen. In meiner saarländischen Regionalzeitung las ich vor kurzem etwas über eine „sinnvolle“ Wanderung.

 

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Da ich ein sehr sinnvoller Wanderer bin, habe ich mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt eingefunden. Ehe ich mich versah, wurden mir Handschuhe, ein Plastiksack und eine Müllzange ausgehändigt. Ich durfte mit anderen Freiwilligen Müll aus dem Wald entfernen, das war wirklich mal eine sinnvolle Wanderung.

Das Gegenteil ist eine Gourmetwanderung, da bekommt man höchstens eine Zange in die Hand, um sich noch einen Nachschlag zu holen oder die Schnecke aus ihrem haus zu puhlen. Auch bei einer Weinwanderung oder Bierwanderung kommt der Gaumengenuss neben dem Wandergenuss nicht zu kurz. Ob ich allerdings bei einer Jodelwanderung (das gibt es alles tatsächlich, ich habe mir nichts ausgedacht!) mitmachen würde, das wage ich stark zu bezweifeln. Mein Jodeln geht eher als Mittelding zwischen Meckern und Blöken durch, und auf das Gejodele der anderen Wanderer bin ich auch nicht scharf.

 

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Quelle: „Das NacktAktiv Buch“ von Anita & Wolfgang Gramer

 

Auch dem Nacktwandern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn im Sommer der Mückenschwarm kommt und die Disteln, Dornen und Brennnesseln am Wegrand zuschlagen, habe ich lieber eine Hose an.

Ziemlich sinnvoll erscheint mir dagegen eine Single-Wanderung, sofern man denn Single ist. Aber anscheinend werden solche Wanderungen veranstaltet, damit die Singles nicht mehr sehr lange Singles bleiben, und wer wandert dann bei der nächsten Singlewanderung mit? Sehr beliebt sind auch Wanderungen an bestimmten Terminen, Winterwanderungen, Neujahrswandern, Vatertagswanderungen. Nicht zu vergessen Schneewanderungen und Barfußwandern.

Aber für die richtig harten Typen ist Powerwandern das Richtige. Der Autor Philipp Sauer hat „ultimative Extremtouren für zähe Typen“ zusammengestellt. Und was ist mit den zähen Typinnen? In der Buchankündigung las ich, es mache Spaß, 30 Kilometer in acht Stunden zu wandern. Klar macht das Spaß, man nennt das auch Genusswandern, denn eine Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit von unter vier Stunden ist ja nun wirklich kein Ruhmesblatt, Herr Sauer, da hätte ich von einem zähen Typen wie Ihnen doch etwas ultimativeres erwartet.

 

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Der zäheste Powerwanderer der Welt ist sowieso Wladimir Putin. Ich las zuletzt, dass der russische Zar nach Oben-Ohne-Reiten und der Jagd nun auch das Wandern für sich entdeckt hat. Nach einer Acht-Kilometer-Bergtour schmerzten seinen Mitwanderern noch lange die Beine, während der Führer der aktuellen UdSSR von einer kleinen „Morgengymnastik“ sprach. Das war wahrscheinlich eine wirklich sinnvolle Wanderung für den ultimativen und härtesten Herrscher des Globus.

 

Das war ein gesponserter Beitrag!



Weinwandern in Würzburg

Geschrieben am um 7:30

Frei nach Klaus Lage: Tausend Mal hat mich der ICE vorbei geführt, Tausend Mal ist nichts passiert, Tausend und eine Mal – und es hat Zoooom gemacht. Glücklicherweise hatte ich Mitte November drei Stunden Zeit für Würzburg. Drei Stunden, die man in der Residenz- und Kickers-Stadt mit einer grandiosen Weinwanderung ausfüllen kann.

 

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Und das auch noch fußläufig vom Hauptbahnhof. Erstmal a weng (original unterfränkisch!) durch den Stadtpark gehen, dann der Markierung WH (hat nicht mit der Wilden Horde aus Köln zu tun!) Richtung der Treppen auf der Rotkreuzstiege folgen. Und schon hatte ich (17 Minuten nachdem ich dem Zug entstiegen war) den Steinweinpfad erreicht.

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Ein kleiner, aber feiner Weinwanderweg, drei Kilometer lang und um einen Kilometer verlängerbar, das kann sich man aber – entre nous – auch schenken. Der Weg führt durch DIE Würzburger Weinlage, den Steinberg. Das ist nicht irgendein fränkischer Weinberg, sondern seit ein seit Jahrhunderten berühmtes Weinweltwunder.

 

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Schon Goethe befahl: „Sende mir doch einige Würzburger, denn kein anderer Wein will mir schmecken, ich bin verdrüßlich, wenn mir mein gewohnt Lieblingstrank abgeht“ Nun, wenn ihm sonst nichts abgeht. Aber man hat es wirklich geschafft, wenn schon die Getränkebestellungen den Rang von Literatur bekommen.

Und Kurt Tucholsky schrieb in sein Würzburger Tagebuch: „Das Gehen fällt uns leicht, der Steinwein fällt uns recht schwer. Die älteren Jahrgänge vom Bürgerspital wollen getrunken sein. Wir trinken sie.“ Zum Bürgerspital komme ich noch gleich…

 

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Erst mal ein Selfie im Weinberg mit Mauer, die natürlich unliebsame Spitzbuben vom Traubenklau abhielt. Traubenklau ist antiquiert? Von wegen: In der Mini-Weinlage Hamburger Landungsbrücken hat man, hörte ich, letztes Jahr schon zum zweiten Mal nächtens den kompletten Ertrag gestohlen. Ich schlage für die Diebe eine Strafe vor, vergleichbar der für Pferdediebe des Wilden Westens.

Am Ausgangs- und Endpunkt des Steinweinpfad dann ein kurzer Besuch des VDP-Weinguts am Stein. Die Weinbar hatte leider noch geschlossen (und ich hatte ja nur drei Stunden Zeit) daher schnell rein in die Vinothek …

 

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… und einen Silvaner im Bocksbeutel gekauft. Ach edles Stück, du liegst immer noch in meinem Weinkeller, und keiner traut sich ihn zu trinken. Denn ist er mal getrunken, dann ist er ja auch weg.

 

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Da ich noch a wenig Zeit hatte, ging ich ins Würzburger Zentrum ins VDP-Weingut Bürgerspital. Dort gibt es ein sensationelles „Hockerle“, rustikale Sitzbänke, Schoppenweine, man darf mitgebrachte Speisen verzehren. Ich habe hingegen im „normalen“ Weinlokal – mangels mitgebrachter Speisen – gegessen (fränkische Tapas) und getrunken (so viel noch ging).

 

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Bei meinem nächsten Besuch in Würzburg kommt die andere Hälfte der Weinkarte dran. Und ich nehme mir mehr Zeit für diese besondere Weinstadt. Mindestens vier Stunden.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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