Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Die Weine der gräflichen Familie – eine Weinwanderung in Rheinhessen

Geschrieben am um 7:44

Wenn man in Rheinhessen, der größten Weinbauregion Deutschlands auf schönen Wegen wandern will, sollte man eine der mittlerweile neun Hiwweltouren testen. Ich habe meiner Frau zum Hochzeitstag eine herbstliche Weinwanderung auf der Hiwweltour „Westerberg“ geschenkt. Wir parken in Schwabenheim und gehen schon bald über schöne Graswege hinauf in die Weinberge. Wenn wir uns umschauen, sehen wir ausgedehnte Weinfelder in der hügeligen Landschaft, so weit das Auge reicht.

 

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Die große Lese war schon vor einem guten Monat, nun, Ende Oktober, hängen zwar noch einige wenige Trauben an den Rebstöcken. Aber viele Beeren sind vertrocknet, andere so überreif und geschmacksintensiv, dass in der Mundhöhle schon eine Spontangärung einsetzt. Ein Winzer aus Schwabenheim hat vier Reihen Rebstöcke mit einem Netz eingepackt. Das soll ein Geschenk an die Weinliebhaber werden: eine Eiswein-Experience, drücken wir mal die Daumen, dass es klappt.

 

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Nachdem wir die Höhen des Westerbergs erstiegen haben, erreichen wir schon bald Schloss Westerhaus. An der rot-weißen Tür kündet ein Messing-Schild davon, dass sich hinter den trutzigen Mauern ein VDP-Weingut verbirgt. Also schnell geklingelt und siehe da, der Graf persönlich öffnet.

 

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„So ein Glück,“ sagt der Graf, „den Weinwanderer und seine Frau persönlich begrüßen zu dürfen.“ „So ein Glück,“ sage ich, „den Hausherrn persönlich anzutreffen.“ Graf von Schönburg-Glauchau berichtet, dass die Hiwweltour „Westerberg“ im August 2017 eröffnet wurde. Seitdem haben schon reichlich Hiwweltour-Wanderer an der rot-weiß gestreiften Haustür geklingelt. Man bekomme, erzählt der Graf, von den Wanderern ein großartiges und vor allem schnelles Feedback. „Die sind noch nicht mal bei der Eulenmühle, da gibt es schon einen guten Tweet oder ein Foto, auf dem sie den Wein des Weingutes auf einer Bank verkosten mit der Message: Vielen Dank, es war so schön.“

 

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Der Name Schönburg-Glauchau stammt von einem Adelsgeschlecht aus Westsachsen, er ist der Liebe wegen nach Rheinhessen gezogen. Seine Frau hieß früher Opel, sie ist die Ururenkelin von Adam Opel. „Ich bin durch die Liebe zum Wein gekommen“. Der Sohn von Adam Opel hat 1900 das Schloß gekauft, seitdem ist es quasi das Stammhaus der Autobauer mit edlem Pferdegestüt und Weinbau. Der Graf wohnt mit seiner Frau und den fünf Kindern im Schloss. Ein ZDF-Krimi wurde auch schon in den Gemäuern gedreht. Achtung, Spoiler: „Es war die Witwe, das kann ich schon mal verraten“. Als Einstieg einer kleinen Weinprobe trinken wir einen Gutswein, einen Riesling. „Ein ernsthafter Wein“, so der Graf lächelnd, „bei dem man muss man nicht warten bis Sonntag ist.“ Der Hausherr fügt hinzu: „Es gibt so viele Augenblicke, in dem ich meinen Job mit keinem anderen auf der Welt tauschen möchte.“ Da hat er etwas mit mir gemeinsam.

 

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Wir blicken durch die Fenster auf die herbstliche Landschaft und die Weinhänge auf der gegenüberliegenden Talseite. Die Weingärten haben unterschiedliche Färbungen, von Hellgelb über Ocker bis Dunkelbraun. Kann man an der Färbung der Wingerte eigentlich die Rebsorte erkennen? Beim dunkelroten Feld an dem Gegenhang ist sich Graf von Schönburg-Glauchau sicher, das ist Dunkelfelder. Klar, das ist auch die dunkelste Einfärbung.

 

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Wir sind inzwischen bei einem der Spitzenweine des Weinguts angelangt: Ein GG Wein (Grand Cru), ein Spätburgunder von 2013. Wir schwenken wie die Weltmeister. Solche gigantischen Rotweingläser könnte man allerdings nicht mit auf die Wanderung nehmen. Wir lernen, den Wein richtig zu genießen und auch in den Körper zu horchen. Der Graf empfiehlt, man müsse immer bis drei zählen: Als erstes komme der Geruch im Glas, als zweites der Geschmack im Mund (schlürfen ist daher Pflicht!) und drittens müsse man den guten Tropfen dort spüren und schmecken. Dabei zeigt unser Gastgeber auf die Speiseröhre. Das ist der Dreiklang der Geschmacks-Sinne.

 

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Nachdem wir eine dem Wanderer angemessene Anzahl von Flaschen erworben haben, verabschieden wir uns herzlich vom Grafen, der uns ein außerordnenlich vergnügliche und leckere Wanderpause beschert hat. Er gibt schon einen Ausblick auf die folgende Wegstrecke: „Jetzt kommen die Hohlwege mit den Dachsbauten.“

 

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Weder Hohlweg noch Dachsbauten, die wirklich gigantisch groß sind, kann man übersehen. Viele Ochsenkarren haben wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten den guten Wein vom Westerberg transportiert, so tief ist der Hohlweg in den Berg eingeschnitten. Im Tal liegt direkt am Weg die Eulenmühle, die man unbedingt besuchen sollte. Natürlich nicht nur besuchen, sondern auch etwas von der köstlichen Landküche und den Weinen Rheinhessens kosten, das versteht sich ja von selber.

 

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Nach genau 11,8 Kilometern haben wir wieder Schwabenheim erreicht. Diese Weinwandertour ist eine runde Sache und sehr empfehlenswert. Wie hatte der Graf noch so treffend analysiert: „Die Wanderer wollen das Full Entertainment – Wandern und Weingenuss!“



Eine dreiviertelige Einkehr am Bahnhof Göschwitz

Geschrieben am um 8:42

Mein neuester Bahnhof-Einkehrtipp befindet sich erstmals im Osten Deutschlands, nachdem ich die westdeutschen Top-Bahnhofs-Kneipen von Mannheim und Hamburg beschrieben habe. Aber kann es denn Göschwitz mit Großstädten aufnehmen?

 

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Klar ist zumindest, dass nicht jeder Dorfbahnhof Aufnahme in meiner Reihe der Bahnhofs-Einkehr-Tipps finden kann. Ein tolles Restaurant in einem nicht mehr genutzten Bahnhofsgebäude in der Eifel, im Schwarzwald oder in der Lüneburger Heide, das gilt nicht, das geht an meiner Intention vorbei. Es muss schon ein Bahnhof sein, an dem man umsteigen oder einen Zug verpassen kann und dann die erhoffte oder unverhoffte Wartezeit bei einem Kaltgetränk verkürzt. Offiziell heißt der Bahnhof an der Saale Jena-Göschwitz, dort halten sogar Intercitys. Oder man steigt von einer Wanderung an der Saale kommend in Göschwitz Richtung Erfurt um, so habe ich das gemacht.

 

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Sensationell sind die wochentäglich wechselnden Mittagsgerichte im Gleis Dreiviertel. Montag: DDR-Tomatensoße, das ist doch echt stark. Heißt die DDR-Tomatensoße so, weil sie rot ist wie der flammende Kommunismus? Dann wäre aber auch jede herkömmliche Barilla Sauce eine DDR-Tomatensoße. Ich vermute eher, dass diese Sauce aus Tomaten gemacht ist, die vierzig Jahre in der Bitterfelder Sonne reifen durften. Oder aber es handelt sich um ein feines Rezept von Margot Honecker. Ich komme auf jeden Fall mittwochs noch mal nach Göschwitz, um die Tiegel-Wurst nach Petras Art zu kosten. „Tote Oma“ wollte ich schon immer essen. Mjam, mjam, mjam …

 

Die Bierspezialitäten haben einen leichten irischen Schwerpunkt, was mich dazu verleitete, ein (etwas zu warmes) Kilkenny zu trinken. Ich zahlte den Normalpreis, da ich nun mal weder Lokführer noch Eisenbahner bin …

 

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… denn den unschlagbaren Lokführer-Menü Sonderpreis für alle Eisenbahner (Eisenbahner sind die, die nicht gesellschaftlich abgehängt sind, sondern die, die ab und an Lokomotiven und Güterwagen abhängen sowie anhängen und auch noch am Gleis Dreiviertel in Göschwitz abhängen) können nur echte Bahner in Anspruch nehmen.



Der vierte Fifty Five Wandertag in Netphen

Geschrieben am um 6:45

Fifty Five hat schon zum vierten Mal im wunderschönen Siegerland bei Kaiserwetter eine Septemberwanderung veranstaltet. Was braucht man, um Jahr für Jahr eine derart unterhaltsame Wanderung mit unterschiedlichen Touren auf die Beine zu stellen? Erstens benötigt man zwei erfahren Wanderhasen.

 

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Es gibt Wandervögel, aber noch besser sind Wanderhasen am Hasenbahnhof. Helmut vollbringt als erfahrener SGV-Wanderführer jedes Jahr das Kunststück, direkt vom Fifty-Five-Domizil in Netphen an der Siegaue eine attraktive Wanderroute zu entwerfen. Respekt! Nebenbei trägt Helmut als Wandermodel die Fifty-Five-Jacke „Alert“, die in einem Test von Soft-Shell-Jacken aller bekannten deutschen Marken die NUMMER EINS war: Mit einer Durchschnittsnote von 1,4.

 

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Zweitens benötigt man für eine gelungene Fifty-Five-Wanderung einen Ulli und einen Manuel, die beiden Zwillinge, die noch nicht mal die eigene Mutter unterscheiden kann, so ähnlich sind sich die beiden.

 

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Drittens braucht man für eine überraschende Fifty-Five-Wanderung eine skurille Begegnung im Wald mit regionaler Färbung. Wir sahen im Wald ungefähr zehn Männer, die Reisig sammelten und zu Bündeln schnürten. Das waren die Martinsfeuer-Jungs, die schon im September das Holz sammeln, um am 11. November ein ordentliches (zwanzig Meter hohes) Martinsfeuer anzufackeln. Da braucht man im Anhänger natürlich jede Menge Löschmaterial.

 

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Viertens sollte man bei einem Fifty-Five-Wandertag immer daran denken, ausreichend im Lagerverkauf zu shoppen. Und dann machte ich eine Entdeckung, die auch diese Fifty-Five-Wanderung zu einer ganz besonderen machte.

 

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Auf einer Premiumbiermarke, deren Name hier nicht verraten wird, ist tatsächlich im Logo ein Wanderweg versteckt, der zu einem Turm führt. Das ist natürlich der Kindelsbergturm oberhalb von Krombach, und auf dem Kindelsbergpfad bin ich selbstredend auch schon gewandert.

 

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Und dieser Turm sollte (fünfte Bedingung für eine gelungene Fifty-Five-Wandertour) immer zu sehen sein, wenn man oberhalb von Netphen wandert.

 

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Zum Schluß unserer Tour kamen wir noch am Norbert-Dickel-Stadion (das den gleichen Großsponsor wie der FC hat) von Netphen vorbei. Der ehemalige BVB-Stürmer und jetzige Kult-Stadionsprecher hat seine ersten Erfolgen in genau diesem Stadion gefeiert. Das freut alle Wanderhasen und Wanderhäsinnen.



Der Wald-Knigge

Geschrieben am um 7:34

Im Germanistik-Studium habe ich gelernt, dass es ein Missverständnis ist, den ehrwürdigen Freiherrn Knigge auf einen Benimm-Onkel zu reduzieren. Vielmehr hat der aufgeklärte Freimaurer Empfehlungen für den Umgang mit Menschen gemacht. Allerdings sollte man auch im Wald den Umgang miteinander beachten – oder mit Schildern.

 

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Denn es gibt Sachen, die gehen sozusagen beim Wandern, und anderes, was gar nicht geht. Ich fand es zum Beispiel empörend, als ich bei einer Gruppenwanderung in diesem Jahr ein Warnschild sah, das ich als diskriminierend empfand.

 

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Ich bilde mir ja ein, ein humoriges Naturell zu haben, aber was zu weit geht, geht zu weit. Harmlose Wanderer als Kröten zu bezeichnen ist unter Wald-Knigge-Gesichtspunkten ab-so-lut nicht akzeptabel. Nächstes Beispiel: Entspricht das noch dem Waldknigge: ein enger Felsdurchgang, kann man, darf man, sollte man das dicken, stämmigen, kräftigen, also einfach fetten Menschen zuzumuten?

 

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Vor zwei Jahren bin ich in der Nähe von Berdorf in der luxemburgischen Schweiz gewandert, und habe diese Felspassage, die den merkwürdigen Namen „Andrack“ trägt, nicht gefunden. Freundlicherweise hat meine Wanderkollegin Heike aus Sachsen die Mandrack-Passage wiederentdeckt. Aber ob sie dem Wald-Knigge entspricht? Ich weiß es nicht.

 

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Und auch das ist ja wohl voll krass überhaupt nicht Wald-Knigge. (Toll, wie ich die Jugendsprache beherrsche, oder? – denn auch Menschen Ü40 sollen sich durch diesen Blog angesprochen fühlen) Die Markierung eines Wanderwegs in Rheinhessen lädt dazu ein, über Wasser zu gehen. Wenn man vom rheinhessischen Wein gekostet hat, eine eher leichte Übung. Irritiert war ich allerdings, dass das Wanderschild eindeutig Einschusslöcher aufweist. Anscheinend wird in Rheinhessen noch scharf geschossen. Und das kann es doch nicht sein, Wald-Knigge hin und her. Also, wandert weiter, aber bitte mit Knigge im Hinterkopf.


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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