Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Andrack weinwandert am Mittelrhein

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Ich stehe mit meinem Wanderkumpel Peter mitten am Mittelrhein, oberhalb von Rheinbrohl und wir genießen das phantastische Flusspanorama. Peter ist mit deutschen Mittelgebirgslandschaften eigentlich unterfordert, am liebsten spaziert er auf den Sechstausendern der Schneeberge im Osten Tibets umher. Aber heute muss Peter auf Minya Konka und Dsha-Ra verzichten, wir haben uns zum Weinwandern auf dem Rheinbrohler Lay verabredet. Wir können nicht anders, wir müssen über die Vielfalt des Rheintals staunen: Wir sehen Burg Rheineck, viele Weinberge, natürlich unseren Vater Rhein, die Schiffe, die Autos, die Eisenbahnen, auf der gegenüberliegenden Seite das Radioteleskop von Effelsberg, weiter rheinaufwärts die Erpeler Ley. Peter und ich machen das, was Rhein-Touristen seit mindestens 200 Jahren machen – wir machen uns ein Bild vom Rhein.

 

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Und dann dürfen wir auf einem wirklich sensationellem Pfad wandern. Schmale Pfade sind das, die an der Hangkante verlaufen. Links des Weges begrenzen Weidenzäune den Weg, rechts des Weges beglücken uns Ausblicke auf den Rhein. Das ist wirklich Wandern auf höchstem Niveau, wie es die Prospekte über den Rheinsteig versprechen. In langgezogenen Serpentinen wandern wir hinunter in den Weinort zum Weingut Zwick. Dort sind wir mit zwei anderen Wanderern verabredet – Andreas und Holger. Das Wichtigste am Weinwandern ist ja: bloß kein Stress! Das haben sich zumindest Andreas und Holger gedacht und sich den steilen Aufstieg zur Rheinbrohler Lay gespart. Jedem das Seine. Es ist kein Zufall, dass wir uns in Hammerstein treffen, und erst recht ist es kein Zufall, dass wir zu viert sind – seit über 30 Jahren spielen wir in dieser Konstellation Doppelkopf.

 

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Im Weingut Zwick werden wir äußerst herzlich vom Winzer-Ehepaar empfangen (Herr Zwick links im Bild). Seit elf Generationen beschenkt die Familie Zwick ihre Gäste und Kunden mit tollen Weinen. Andreas fühlt sich direkt heimisch und schlägt vor, auf der herrlichen Terrasse des Weinguts schon mit dem Kartenspiel anzufangen. Winzer Zwick wird hellhörig: „Ihr sei doch vier Mann, da würde sich ja Doppelkopf anbieten“ Touché, der Mann hat ins Schwarze getroffen. Eine glückliche Fügung, dass der Winzer unserer Wahl auch noch Kenner unseres Spiels geht. So können wir nicht nur über Wein fachsimpeln, sondern auch über Doppelkopf-Regeln. Und es gibt mindestens so viele unterschiedliche Regelungen, wie man Doppelkopf spielen kann, wie es Möglichkeiten für einen Winzer gibt, seinen Wein auszubauen.

 

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Wieder auf dem Rheinsteig gehen wir durch Weinberge und Wälder und erreichen eine Aussicht mit Tisch und Bänken. Neben der Aussichtsbank blickt ein Wanderer aus Basalt-Lava nachdenklich zum Rhein hin, aus seinem Rucksack lugt eine Flasche Wein. Gut, dass in meinem Rucksack auch noch eine Flasche-to-go des Zwickschen Rieslings einen Platz gefunden hat.Wir lassen unsere Blicke beim Glas Wein über die Rheinebene südlich von Andernach schweifen. Das Rheintal weitet sich am Neuwieder Becken und auch der Weinbau am Mittelrhein macht eine schöpferische Pause, um südlich von Koblenz wieder an Fahrt aufzunehmen. Aber so weit reichen unsere Aussichtsmöglichkeiten ohne Fernglas nicht.

 

Wir kommen auf unserem Weg hinunter zum Rhein an der Edmund-Hütte vorbei. Im Bereich der Edmundhütte wird es richtig alpin auf dem Rheinsteig, wir müssen uns anstrengen, um auf dem Felsenpfad mit Handseil nicht die Übersicht und das Gleichgewicht zu verlieren.

 

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Oberhalb von Leutesdorf verlassen wir den Rheinsteig, der sich wieder auf luftige Höhen begibt, und orientieren uns an der gelb-orangen Markierung Richtung Ortsmitte und Rhein. Wir gehen an der Rheinpromenade entlang und erreichen das Historische Wirtshaus Leyscher Hof. Dort wollen wir unsere Weinwanderung ausklingen lassen und endlich Doppelkopf spielen.

Am Anfang läuft es ganz schön mies für mich, wer sich mit Doppelkopf auskennt, weiß, wie mies dieses Blatt ist…

 

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…Wir bestellen – jeder nach seinem Gusto – Weine des Weinguts Mohr. Und starten unser Spiel. Im Laufe des Abends gehe ich dazu über, Weinschorle zu trinken. Die Riesling-Schorle ist eigentlich ein logisches Getränk für diese Region, denn Riesling-Weinberge gibt es reichlich, das haben wir während unserer Wanderung gesehen. Überall sprudelt und brodelt es in der Erde. In Rheinbrohl gibt es die Arienheller-Quelle, in Brohl auf der anderen Rheinseite heißt es: „Trink Brohler, dann wird dir wohler“. Also stoße ich auf einen erfolgreichen Doppelkopf-Abend mit meinem schorligen Kaltgetränk an und dichte: „Trink Schorle mit dem Wein vom Rhein, dann wird Dein Leben schöner sein.“

 

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Von der Terrasse der Gaststätte haben wir übrigens einen hervorragenden Blick auf Europas größten Kaltwasser-Geysir bei Andernach, der in bestimmten Abständen mit einer gewaltigen Fontäne auf der anderen Rheinseite in die Höhe schiesst. Ich fühle mich sauwohl am Mittelrhein, die Karten in der einen Hand, ein gutes Glas Wein in der anderen, der Blick auf Vater Rhein.

 


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13 Kommentare zu “Andrack weinwandert am Mittelrhein

  1. Ah, herrlich, das erinnert mich an meine eigene Doppelkopf-Karriere damals in Rumänien. Genau 1 Woche dauerte sie an und lässt sich etwa wie folgt zusammenfassen:
    Spiel 1 „naja, wir machen erst mal ne offene Runde ohne Wertung, damit wir ihm dabei grob die Regeln erklären können“.
    Finales Spiel (im Nachtzug nach Budapest): dank gewagtem heimlichem Solo den Sieg gesichert mit exakt 1 Punkt Vorsprung! (Mirko war echt sauer)
    Mittlerweile bin ich längst wieder auf Kenntnisstand 0 angelangt und musste erst mal recherchieren, dass das hier abgebildete Blatt tatsächlich eine einzige Katastrophe ist und nicht etwa ironisch gemeint..

  2. Da wart Ihr ja sozusagen Rheinstöger… (furchtbar, dieser selbstgemachte Druck auf Kommentatoren, da schreibt man dann plötzlich ganz lahme Kalauer rein, wenn einem sonst nix einfällt, man Weinschorle aus ideologischen Gründen ablehnt und von Doppelkopf keine Ahnung hat).

  3. Hab ja sogar schon mal mit dem Gedanken gespielt, eine testweise Kommentarpause einzulegen. Um Platz zu schaffen und nachdem wir inzwischen selbst die schillernsten Werbeschmeißfliegen verscheucht haben. Oder wir greifen Deine Kalauerinnovation fortan auf und heißen Fips Asmussen & Fans herzlich willkommen!

  4. Und prompt habe ich gelesen „und heißen fortan Fips & Asmussen“. Ok, ich wär‘ dann Fips, und Du erforschst derweil den Südpol, weil mir is‘ da zu kalt (AUA)!

  5. Ich hoffe, es macht sich bei Hintermstoamer nicht die Sehnsucht nach einem ewigen Kommentatoren-Winterschlaf breit. Der Dezember hat doch gerade erst begonnen! Und ich freue mich schon auf die Kommentare von hanesatischen und düsselanischen Franken-Exilanten zu meiner Wanderung in und um Fürth. Venceremos, Jungs!

    • Keine Sorge, solange ich mich veranlasst sehe, sogar angekündigte virtuelle Wanderberichte vorab zu kommentieren: in und um FÖDD?! Womöglich sogar den „Fürther KLEEBLATT Weg“, durchweg mid Gleebläddla markiert?! Gut 18km, also für jeden Tabellenplatz einen. Ja, bassd. Und gut 100m Aufstieg und Abstieg (also je 1 Platzlänge). Ja, bassd aa. Da müssen Hintermstoaner und Markazero also unbedingt mal die wanderfaule Föddfan-Verwandtschaft auf einen strammen Marsch hinschleifen. Mal sehen, ob dann immer noch „Wandern mid euch für mich die Hölle wär“, hehe.

  6. Ein FC-Fan wandert in und um Fürth… fußballerisch war das nicht weinwandern, sondern esistzumweinenwandern. Aber ich schätze mal, dass Einkehr und Belohnungsbier top waren!

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