Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Tradition und Evolution im Harz und in der Sächsischen Schweiz

Geschrieben am um 9:19

In diesem Sommer bin ich auf einigen Wegen gewandert, auf denen mich meine Vergangenheit eingeholt hat. Unter anderem im Harz und in der Sächsischen Schweiz. Ich bin im Harz auf dem Hexenstieg zwischen Treseburg und Tahle im berühmten Bodetal gegangen und in der Sächsischen habe ich die traditionellen Highlights Bastei und Schwedenlöcher besucht. Ich wurde bei diesen Touren von Mitwanderern oft gefragt, wann ich denn diese Wege im Harz und in der Sächsischen Schweiz das erste Mal gegangen bin. Die Antwort treibt mir die Tränen in die Augen: Das war 2004, ich war noch nicht mal 40 Jahre alt, die Harald Schmidt Show war noch ein Versprechen und nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet und Gerhard Schröder war unser Kanzler. Ganz schön lange her.

 

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Deshalb kann ich mich auch nicht im geringsten daran erinnern, 2004 im Harzer Bodetal über die Teufelsbrücke gegangen zu sein. Ich wurde dann aber aufgeklärt, dass die Brücke vor ein paar Jahren grundsaniert wurde. Dabei hat man wahrscheinlich auch direkt die äußerst geschmackvolle Teufelsbandarole über der Brücke installiert. damit auch Analphabeten merken, dass sie gerade über die TEUFELSbrücke gehen. Eine vergleichbare Bandarole hätte ich mir etwas flußabwärts auch für die JUNGFERNbrücke gewünscht. Leider Fehlanzeige…

 

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Im Bodetal kann man sich wirklich nicht verlaufen, trotzdem ist natürlich jeder Wanderer immer froh über beruhigende Wegmarkierungen. Der HET-Weg geht auch durch’s Bodetal, gepflegt vom Harz-Klub. Ich finde ja ehrlich gesagt die Bezeichnung Klub für einen Wanderverein toll. Es gibt den EifelVEREIN, den Schwäbische AlbVEREIN, den Sauerländischen GebirgsVEREIN, den SchwarzwaldVEREIN und dutzend weitere Vereine. Aber den Harz Klub. Und den Rhönklub. Und Kraftklub. Klub, das hat etwas Feines, Snobistisches, Englisches, Distinguiertes. Gefällt mir.

 

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In der Sächsischen Schweiz bin ich seit 2004 sehr sehr oft gewesen, aber trotzdem bin ich in den Schwedenlöchern immer an dem großartigen Antik-Graffito „ICH“ vorbei gegangen. Kann das wirklich sein, dass das aus dem Jahre 1782 stammt, also sieben Jahre, bevor ein paar französische Halbstarke die Bastille erstürmt haben? Unglaublich! Es waren doch wahrscheinlich eher Außerirdische vom Planeten 178-Z, die sich mit einem markigen ICH in den Schwedenlöchern verewigt haben.

 

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Auch der Blick von der Bastei ist in den letzten Jahren ein anderer geworden. Nun gut, es war schon im Jahre 2000, dass ein beträchtlicher Brocken vom Felsen in der Mitte herab gestürzt war. Der Fels hat sich einfach aus dem Staub gemacht, ein Saxit auf Raten.

Und noch etwas war 2004 anders…

 

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… ich war damals noch gelenkiger als heute, und hätte nicht mit Schmerzensmiene kleinere Niedrigpassagen im Elbsandsteingebirge bewältigt. As Times go by.



Beware of your mud maid

Geschrieben am um 8:15

Der Brite, das unbekannte Wesen. Ist er nun ein herzloser Raubatz mit losem Mundwerk und herbem Humor? Ist er ein Raubritter, ein König Artus, ein Braveheart? Oder ist er ein formvollendeter Gentleman vom Scheitel bis zum Sohle. Auch bei meinen sommerlichen Wandertouren in Südengland habe ich nicht die endgültige Antwort gefunden. Für große Fürsorglichkeit sprach zumindest ein recht ungewöhnliches Wanderschild in den Lost Gardens of Heligan

 

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Nun gut, es ging ungefähr 25 Höhenmeter bergab. Aber VOR diesem Abstieg (Beware!) daran zu erinnern, dass es ja dieselben 25 Höhenmeter (your return!!) auch wieder eine lange Fußreise (journey!!!) bergan (uphill!!!!) geht, dass ist doch wirklich gelebtes britisches Nannytum. Wenn man natürlich, wie der durchschnittliche englische Wanderer gekleidet ist, ist dieses Hinweisschild mehr als notwendig, doch dazu gleich.

An sehr vielen englischen Sehenswürdigkeiten sollte man aber eher (Stichwort Raubritter) ein „Beware of your Brieftasche“-Schild aufstellen

 

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Zum Beispiel Stonehenge. Ein Haufen vergessener Hinkelsteine auf einem Weizenfeld. Kann man sehr gut von der Straße aus erkennen. Will man etwas näher ran, kostete das knapp 50 britische Pfund (IMMER NOCH um die 70 Euro) für die ganze Familie. So wird man steinreich.

Und dann liegt da plötzlich eine scharfe Braut mitten im Wald…

 

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… und man fragt sich, ob jemand für die Kleine vielleicht mal ne Decke hat. Der einfühlsame Gentleman würde sie vielleicht „Green Girl“ nennen oder „Lazy Lady“, wenn man auf Alliterationen steht. Aber die feinen Herren des Brexit erdreisten sich, diese anmutige Waldfee als „Mud Maid“ zu bezeichnen. Matsch Mädchen, geht’s noch, das hört sich ja nach Frauen-Catchen an! Wenn ihr so weiter macht, schicken wir Euch mal Alice Schwarzer, unsere Feminismus Maid vorbei, die wird Euch aber ordentlich den Marsch blasen.

Ich dachte bislang, ihr wärt alle Gentlemen…

 

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… denn wenn ich dieses Schild richtig verstehe, dürfen da nur Wanderer in genau diesem Outfit nicht durch. Alle anderen, vor allem die Mud Maids, dürfen natürlich passieren.



Die traditionelle Wanderung auf dem Bär Fest

Geschrieben am um 7:59

Zum zweiten Mal nach 2014 habe ich auf dem neunzehnten BÄR-Sommerfest (das dritte Mal übrigens unter dem Namen „Sommerfest“, vorher war das ein „Schnäppchenfest“) eine Gruppen-Wanderung angeboten. Hier die Gruppe:

 

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Der Rheinländer bezeichnet ja alles, was zum zweiten Mal passiert, als „Tradition“. Findet das Event zum dritten mal statt, ist es „Brauchtum“. Also ging ich bei der TRADITIONELLEN Bär-Wanderung TRADITIONELL an der Neckarschleife von Hessigheim. Dieser Weg ist übrigens ganz großes Wanderkino. Oberhalb des Neckars geht man durch dichte Wälder, dann wandert man bergab, durch Streuobstwiesen mit Blick auf Weinfelder und die Weinberge der Hessigheimer Felsengärten. Bei der Wanderung waren einige meiner Oberboihinger Wanderfreunde dabei. Martin (den kennt ihr aus meinen Büchern, das ist der Experte für Frühlingsplatterbsen und Trinkweisheiten) verriet mir, dass er an eben diesen Felsen in jungen Jahren das Klettern gelernt habe, ohne Seil und Absicherung. „Immer in zwei/drei Metern Höhe, so dass man zur Not noch abspringen kann“.

Auf jeden Fall geht es auf dem „Neckarschleifen“-Weg (den gibt es unter diesem Namen noch gar nicht, ich habe den aber schon mal so getauft, premiumwürdig ist dieser Rundweg auf jeden Fall) dann direkt am Neckarufer weiter, erst auf einem breiteren Weg …

 

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… der aber abrupt endet. Ohne das Schild hätte ich gar nicht mitbekommen, dass der WEG endet, Ordnung muss sein, schwäbisch eben. Dann geht es aber auf einem anderen Weg weiter, der aber eher ein Pfad ist. Auf diesem Pfad habe ich mir eine ganz besondere Schikane einfallen lassen, um die Rutschfestigkeit der BÄR-Schuhe zu testen. Ich habe tagelang einzelne Wegpassagen unter Wasser setzen lassen, so dass sich eine wahre Rutschbahn gebildet hatte.

 

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Diese Wegstelle haben alle Wanderer gemeistert, sogar die, die mit sehr modischem Schuhewerk unterwegs waren. Eine fröhliche Wanderdame hatte sich nämlich sich den guten alten David-Bowie-Song zu Herzen genommen. „Put on your red shoes … and walk this neckar way“. Ich habe ein Vorher-Nachher-Fotos der teuflisch roten BÄR-Schuhe gemacht, davon ausgehend, die Farbe hätte sich NACHHER eher in’s Matschbraune gewandelt…

 

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Pustekuchen, rote BÄR-Schuhe sind anscheinend von Haus aus mit einer schlammabweisenden Schutzschicht imprägniert.

Natürlich gab es auch bei der Neckarschleifen-Wanderung das Wichtigste bei einer Wanderung – eine Rast. Ich hatte für diese Pause eine ganz besonderes Schmankerl dabei: Eine Flasche Joe-Nimble-Bär, äh, sorry, Joe-Nimble-Bier natürlich.

 

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Das ist kein Gag, dieses Bier gibt es wirklich. „Schwäbisches Vollbier“ steht auf dem Etikett, es handelt sich um ein ganz feines Stöffchen mit ausgeprägter Malznote. Und jetzt – endlich – ist bei mir der Groschen gefallen: Jahrelang habe ich gerätselt, wer bloss dieser Joe Nimble ist – ein Abenteurer, ein Schuster, ein Dandy, ein Detektiv? Alles falsch, Joe Nimble ist natürlich Brauer, Brauer aus Leidenschaft und hat 1.500 Flaschen von diesem Teufelszeug gebraut. Ein Pfundskerl, dieser Joe Nimble!



Mein erster Wanderweg-Kinospot

Geschrieben am um 9:01

Ich habe schon ab und an vor einer Fernsehkamera gestanden (und vor allem gesessen), habe auch schon Wandersendungen für den SR und den WDR gemacht. Aber ich habe noch nie einen Werbespot für einen Wanderweg gedreht. Premiere! Der Neanderlandsteig um den Kreis Mettmann herum liegt im Einzugsbereich von vielen NRW-Städten: Düsseldorf, Köln, Solingen, Wuppertal, Essen, Mülheim, Duisburg. Da liegt es nahe, dieses Wanderer-Potential auf den Neanderlandsteig zu locken, indem man den Rundweg um den Kreis Mettmann herum auf den Kinoleinwänden der umliegenden Städte bewirbt. Eine Ehre für mich, das Gesicht dieses Kino-Spots zu sein.

 

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Allerdings habe ich noch nie so nervenaufreibende Dreharbeiten mitgemacht. Das war anstrengender als eine 80-Kilometer-Wanderung mit Thorsten Hoyer! Alle Sequenzen des Kino-Spots wurden mit einer Kamera-Drohne gedreht, die bei den gefühlt 150 Wiederholungen der Szene immer haarscharf an meinem Kopf vorbeiflog, so dass ich ernsthaft Sorgen um mein Resthaar haben musste.

Rein technisch betrachtet ist eine Drohne ja nicht so konstruiert, dass da noch der Kameramann von der Drohne mitgeflogen wird, die Drohne kann nur eine kleine Kamera transportieren. Also muss sich der Kameramann mit der virtuellen Brille behelfen. Das ist echt irre: Wenn der Kameramann den Kopf bewegt, kann er damit auch die Kamerabewegungen steuern.

 

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In Zukunft könnte das auch beim Wandern eingesetzt werden. Ein Wanderoperator (früher hieß das Wanderführer) steuert mittels Kopfbewegungen den ganzen Wanderverein.

Wenn ihr glaubt, dass nur von der Kameradrohne Gefahr für Leib uns Seele ausging – Irrtum! Ich hatte auch mit sehr analogen Gefahren zu kämpfen.

 

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Am Motiv „Schlupkothen“, einem krombacheresken See am Neanderlandsteig, störte ein grüner Metallzaun den Natur-Eindruck. Wir konnten das Ding aber nicht einreissen, also wurde aus Holzkisten ein äußerst wackliges Podest gebaut, auf das ich mich stellen sollte. Schon der Spreizschritt hinauf auf das Podest war nichts für Menschen mit schwachen Nerven und Leisten. Aber oben thronend, die Hände in den Taschen (typische Wanderhaltung von mir) die Balance zu halten. Das war reif für den Cirque de Soleil.

Als wir alle schon dachten, der Dreh auf der Kiste wäre im Kasten, besuchte uns noch die freundliche Polizei von Velbert. Ich dachte zuerst, die wollten mit uns über’s Wandern plaudern, aber sie sagten nur barsch: „Wir sind wegen Ihnen hier“. Oha!

 

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Fakt war, dass der Landeanflug sämtlicher Maschinen auf dem Flughafen Düsseldorf gestoppt worden war, weil wir mit einer Drohne unsere Kinospot-Aufnahmen gemacht hatten. Außerdem hatte sich ein Velberter Bürger beschwert, wir wären über seinem Garten geflogen. Nach dem Austausch von vielen amtlichen Drohnen-Flug-Erlaubnissen und Sichtung unseres Materials wurde der Düsseldorfer Flugverkehr wieder aufgenommen und der Velberter Bürger wurde wegen böser Verleumdung in eine Gemeinschaftszelle gesteckt. „Mit siebenundzwanzig 1,90 Meter großen sexuell ausgehungerten Weibsbildern“ wie der Polizist erläuterte.

Ich danke herzlich meiner Bloggerkollegin Elke Bitzer (https://fotografischereisenundwanderungen.com) für die Making-Of-Fotos.

Das fertige Ergebnis ist in ausgewählten Kinos seit letzten Donnerstag und auf You Tube zu sehen.

 


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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