Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Bosseln, Torwandschießen, Hundetragen – Sportliche Betätigungen am Wegesrand

Geschrieben am um 20:57

Alte Grundsatzfrage: Ist Wandern Sport oder nicht Sport? Die einen sagen so, die anderen so. Ethymologisch gibt es sowie nur einen Sport: Pferderennen. „Going to the sports“ sagte der Brite, wenn er auf die Rennbahn ging. So ein Pferderennen ist ja für die meisten Beteiligten eine eher passive Angelegenheit: Zugucken, Wetten platzieren, ja wo laufen sie denn? Null Bewegung. Das ist beim Wandern anders, da bewegt sich man kontinuierlich. Aber es gibt keinen Wettbewerb schneller, höher, weiter, das gehört für mich eigentlich zum Sport dazu. Daher finde ich es immer schön, wenn sich Spuren von anderen sportlichen Betätigungen am Wegesrand finden.

 

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Auf dem Sauerland-Höhenflug sah ich eine Truppe junger Menschen, die tatsächlich bosselten. Kennt ihr das? Bosseln ist eigentlich ein ostfriesischer Nationalsport. Da wird eine dicke Kugel einen Feldweg entlang so weit wie möglich geschleudert/geworfen, das geht stundenlang. Ostfriesland eben. Anscheinend möchten die Sauerländer nun die Ostfriesen von NRW sein, anders kann ich mir das Bosseln auf dem Höhenflug nicht erklären.

Auf der Christenbergtour in Münchhausen bei Marburg habe ich eine ganz tolle Torwand am Sportplatz von Mellnau gesehen…

 

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Beim flüchtigen Hinschauen denkt man zuerst, ach, ein Stück der ollen Berliner Mauer. Aber die beiden kreisrunden Löcher links unten und rechts oben weisen eindeutig auf die wahre Bestimmung dieses Beton-Trumms hin: Das ist eine Torwand und man sieht vor seinem geistigen Auge, wie die sportbegeisterte Jugend von Mellnau durch das hohe Gras stapft und einen Ball nach dem anderen auf die Torwand pöhlt – was für ein Spaß. Genauso ein Spaß war es, meinen 30-Kilo-Hund über eine luxemburgische Brücke zu tragen …

 

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… da bekommt der Ausdruck „Ich geh noch mal schnell mit’m Hund“ eine ganz andere Bedeutung.



Nach den Bahnsteigen …

Geschrieben am um 7:35

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das stimmt. Zuletzt habe ich mich auf den Weg in’s Vogtland gemacht, nach Bad Elster an der tschechischen Grenze. Dort habe ich im zauberhaften König-Albert-Theater meine Wandershow gespielt. Großer Abend, tolle Stadt. Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Vielmehr habe ich auf der Reise NACH Bad Elster wieder einiges gelernt. Zum Beispiel könnte ich diese Millionenfrage von Günther Jauch problemlos beantworten: Wo findet sich der längste Bahnsteig Deutschlands?

 

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A: München

B: Langenau

C: Langenfeld

D: Gößnitz

Die richtige Antwort ist Gößnitz, die südthüringische Metropole zwischen Gera und Zwickau. Ich habe diesen XXXL-Bahnsteig fotografiert, sieht mega-interessant aus…

 

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Ich hatte wirklich sehr viel Zeit zum Längste-Bahnsteig-Deutschlands-Fotografieren, denn mein Anschlußzug hatte 80 Minuten Verspätung. Lange Verspätungen sind nur halbwegs erträglich, wenn man (erstens) im verspäteten Zug selber sitzt (am besten im Zugrestaurant), es (zweitens) warm genug ist, am Bahnsteig auf einer Bank sitzend etwas zu lesen oder (drittens) eine halbwegs vernünftige Bahnhofsgastronomie vorhanden ist. In Gößnitz traf keine der drei Axiome zu. Schade. Also habe ich in 80 Minuten 80 Fotos vom längsten Bahnsteig Deutschlands gemacht.

Als ich dann endlich im Bahnhof von Zwickau war, wusste ich auch, wie man in Westsachsen auf Bahnsteige im Allgemeinen und auch im Besonderen hinweist, genau so:

 

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… ich habe verzweifelt gesucht, wie der Satz „Nach den Bahnsteigen…“ weitergeht. „Nach den Bahnsteigen ist vor den Bahnsteigen“ oder „Nach den Bahnsteigen kommt erst mal gar nichts“. Aber es blieb bei: „Nach den Bahnsteigen“. Da bin ich einfach nach den Bahnsteigen gegangen und in die Vogtlandbahn nach Bad Elster gestiegen.

Allerdings habe ich vor der letzten Zugetappe noch das stille Örtchen, den Locus, das WC, die Doppel-Null aufgesucht. Im Zwickau ist das eine Pachttoilette.

 

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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.



Der sechste Wanderbahnhof in NRW

Geschrieben am um 6:28

Nach dem dritten Mann in Wien und zwölften Mann im Stadion gibt es seit Ende Oktober den sechsten Wanderbahnhof in NRW in Soest. Als Pate („Du bist mir noch einen Gefallen schuldig…“) der Aktion „Wunderbar Wanderbar“ war ich natürlich vor Ort anwesend und habe den Bahnhof Soest als Wanderbahnhof eingeweiht. Der Bahnhof ist ein wirkliches Schmuckstück: Mit einem ballsaalgroßem Zeitschriftenladen, in dem man sich aber auch mit (Wander-)Reiseproviant versorgen kann: Süßigkeiten, Kekse, Schnaps. Und einer eher klein geratenen Bäckerei, an der sich an einem Sonntag Morgen Schlangen bildeten, die man sonst nur an den Vorverkaufsstellen für Howard-Carpendale-Konzerten kennt. Als ich dann auf den Bahnhofsvorplatz trat, um mir das Gesamtensemble des Prachtbaus anzuschauen, habe ich allerdings nicht schlecht gestaunt …

 

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… wer hätte das gedacht, dass der Bahnhof der CDU gehört, die das ganze auch nicht verheimlicht, sondern in sozialistisch-roten Lettern brav an die Fassade anschreibt. Der Bahnhof Soest ist also sozusagen eine Merkel-Immobilie! Direkte Bahnverbindungen nach Berlin gibt es vom Bahnhof Soest allerdings nicht, man kann   nur mit dem ICE durchgehend zu Frau Kraft nach Düsseldorf fahren (andere Partei) oder zu Seehofers Horst (sehr andere Partei) nach München. Das ist doch schon mal was…

 

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Es stellt sich natürlich die Frage: Kann man in Soest überhaupt gescheit wandern? Was die Stadt selber angeht muss man sagen: Ja, die städtischen Wandermöglichkeiten sind absolut überdurchschnittlich. Es gibt eine gut erhaltenen Wallanlage um die Innenstadt herum, mit naturbelassenen Bäumen, schönen Ausblicken auf alte Bürgerhäuser und uralten Bäumen am Wegrand. Nicht ganz so toll ist es, in südliche Richtung zum Möhnesee zu wandern. Viel Asphalt, wenig Landschaft – und ein Naturschutzgebiet im ehemaligen militärischen Sperrbereich, südlich von Hiddingsen. Obwohl sich schon lange Wildpferde und Büffel statt Panzern und Infantristen auf dem Areal herum treiben, gibt es immer noch dieses Warnschild aus dem sehr sehr kalten Krieg

 

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Da habe ich mich zunächst gefragt, wie alt ist eigentlich ein Standortältester? Siebzig, Achtzig, Hundert? So eine Art Methusalem etwa? Und darf der Standortälteste noch andere Sachen verfassen als überflüssige Warnschilder? Kartoffeln schälen und Betten beziehen oder so was? Und irgendwie ist dieses Schild doch sinnlos, oder? Okay, betreten sollte man aus Gründen der eigenen Sicherheit ein militärisches Übungsgelände besser nicht. Aber wenn man denn dort Munition oder Munitionsteile finden sollte, wer ist den dann so blöd und fasst das Zeug an? Andere Standortälteste? Schön, wenn man sich beim Wandern doch immer wieder wundern kann.



Wandererparkplatzschild reloaded

Geschrieben am um 7:23

Alle, die schon mal in meiner Wandershow waren (ach, apropos Wandershow, meine kleine Herbsttour hat gerade begonnen, wer in der Nähe von Losheim, dem sächsischen Bad Elster, Denzlingen bei Freiburg oder Bad Pyrmont wohnt, sollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen…) werden wissen, welches mein liebstes Wanderschild ist: Schild Nummer 317 der StVO: Das Schild, das auf einen Wandererparkplatz hinweist. Der Klassiker ist natürlich die Vintage-Version…

 

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… die beiden Wanderleute auf dem Schild erzählen so viele Geschichten, die ich alle auf meiner Wandershow (ach, apropos Wandershow, meine kleine Herbsttour hat gerade begonnen, wer in der Nähe von Losheim, dem sächsischen Bad Elster, Denzlingen bei Freiburg oder Bad Pyrmont wohnt, sollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen…) erzähle. Die neue Variante des Wandererparkplatzschilds ist dagegen deutlich frugaler gestaltet, mehr so als Piktogramm …

 

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… bei den wandernden Glatzköpfen auf dem Schild weiß man heutzutage leider nicht, ob die wirklich politisch korrekt sind: Sind das Hooligans auf dem Weg zum Hogesa, ganz durchschnittliche Pegida-Mitläufer oder einfach frühverglatzte Links-Intelektuelle? Keiner wird das je in Erfahrung bringen können.

Nun hat mir aber mein Nürtinger Kumpel Jürgen ein Wanderparkplatz-Schild geschickt, das er im Piemont gesichtet hat…

 

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Was direkt in’s Auge fällt, ist das Kopftuch der Wanderfrau. Im doch eher konservativ sozialisierten Piemont ist nicht ganz klar, wie man dieses weibliche Kleidungsstück deuten soll. Ist es eine alte Katholikin, die mit Kopftuch zur Sonntagsmesse wandert? Oder ist es doch die Vorbotin einer neuen Wandergeneration, die gerade massiv nach Europa einwandert? Werden jetzt schon die Wandererparkplatz-Schilder islamisiert? Fragen über Fragen, auf die wohl nur Horst Seehofer eine Antwort hat …


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

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