Wander-Blog von Manuel Andrack

Die besten Wander-Storys der Welt




Hoyers 238 Kilometer und mein Scheitern, Teil II

Geschrieben am um 7:11

Thorsten Hoyer war 238 Kilometer nonstop auf dem Neanderlandsteig unterwegs. Da konnte ich den Armen ja nicht komplett alleine lassen. Die Älteren unter Euch werden sich wahrscheinlich noch an meine 82 Kilometer-Wanderung mit Hoyer im Westerwald erinnern. Ausführlich dokumentiert in meinem letzten Wanderbuch. Mein Fazit damals: Na ja, 82 Kilometer sind eigentlich Kindergeburtstag, auf jeden Fall hatte ich danach keine Blase, keine Muskel- und Gelenkschmerzen. Aaaaber, die Nacht durchwandern ist für mich ein totales No Go. Also machte ich im letzten Absatz des Hoyer-Kapitels den kühnen Vorschlag: So eine Strecke könnte man ja auch an einem der längsten Tage des Jahres im Hellen wandern, ohne auf Hoyers blöde Stirnlampe angewiesen zu sein. Und ein neuer Rekord müsste doch eigentlich her, also sollte ich mindestens 83 Kilometer schaffen…

 

Und so startete ich am Samstag, 13. Juni, um 4:00 in der Dämmerung in Velbert, stoße zu Hoyer, der schon 88 Kilometer und eine durchwanderte Nacht in den Beinen hat. Ich mache für Hoyer ein wenig den Hasen, die Tempo-Lokomotive, ich bin ja noch frisch. Nur ein kleiner Schauer bei Kilometer 33 (dokumentiert durch Hoyers kreatives Regenjacken-Arrangement im letzten Blogeintrag) als Hindernis war zu verzeichnen. Na und? Und bei Kilometer 49 dann noch ein erfrischende Taufe…

 

DSCF9740

 

… mit Düsselwasser. Info für alle Nörgler und Zweifler: Hat gar nicht weh getan. Genau so wenig, wie ein Altbier zu trinken. Nur alte Männer wie Pur-Sänger Campino pflegen noch diese ranzige Köln-Düsseldorf-Rivalität. Aber irgendetwas scheint mit diesem Düsselwasser doch nicht gestimmt zu haben. Denn ab Kilometer 53, ab Gruiten Bahnhof, habe ich massiv angefangen zu schwächeln. Kondition war in Ordnung, aber jeder Schritt hat geschmerzt. Denn: Wie ein totaler Wanderdilettant habe ich für diese Mörder-Tour keine Ersatz-Socken und keine Blasenpflaster mitgenommen. Aaaaaarghhh! Erst haben mir die noch vom Schauer nassen Socken die Blasen beschert, die ohne Blasenpflaster sich mit jedem Schritt zu Kopfkissengröße aufpumpten. Was soll ich sagen, bei 64 Kilometer war Schluss mit lustig…

 

DSCF9757

 

Und wenn man denkt, die Blamage, die Erniedrigung könnte nicht größer gewesen sein, wartet dann noch ein Neanderlandsteig-Besenwagen, in den man wie ein willenloser Ork einsteigt, und Foto-Opfer von irgendwelchen Leser-Reportern wird. Peinlich.

 

DSCF9749

 

Nun ja, zuletzt hat Harald Martenstein im ZEIT Magazin eine schönen Satz zitiert: „Von Deinen Erfolgen wollen nur Deine Eltern etwas hören, alle anderen interessieren sich für Deine Misserfolge.“



Hoyers 238 Kilometer und mein Scheitern, Teil I

Geschrieben am um 7:23

Heute starte ich eine Trilogie: Drei Blogeinträge über ein einmaliges Experiment. Eine Trilogie, die vom Spannungsfaktor knapp an „Winnetou I – III“ und an „Die Wanderhure teil 1 – 3“ heranreicht. Es geht um das Experiment: Schafft es mein Wanderkumpel Thorsten Hoyer, die 238 Kilometer auf dem Neanderlandsteig Non-Stop zu gehen? Ohne Schlaf, nur kurze Pausen. Um es vorwegzunehmen: Er hat es geschafft. So sah er zum Start aus…

 

DSCF9762
… unternehmungslustig nimmt er noch einen aufmunternden Schluck und freut sich auf die 226 Kilometer, die vor ihm liegen …

Und hier am Ende der Tour: Ausgepumpt, am Ende der Kräfte, hofft er das im Outback des Kreises Mettmann irgendwann noch mal ein Bus kommt …

 

DSCF9723
In Wirklichkeit war es genau umgekehrt. Kurz nach dem Start hat sich Thorsten kurz hingesetzt, am Ende der Strecke, nach 57 Stunden, musste er alle paar Meter Flüssigkeit zu sich nehmen.

Ich bin einige Kilometer an der Seite von Thorsten gewandert (dazu nächste Woche mehr), daher konnte ich beobachten, dass er mindestens 200 Kilometer ein absolut vorbildlicher Wanderprofi war…

 

DSCF9725

 

Er ging voran, hatte eine beeindruckende Tempokonstanz. Thorsten nahm immer wieder die Hände hoch an den Rucksackgurt, um nicht dicke Finger (wegen des Blutstaus) zu bekommen, etwas, dass mir bei längeren Wanderungen immer wieder passiert. Außerdem hatte er seine blaues Handtuch immer griffbereit, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Das Beste aber: Zogen sich bei unserer Wanderung mal die Wolken zusammen, konnte er immer exakt das Wetter prognostizieren. „Das wird schon nicht regnen…“

 

DSCF9730

 

… na ja, nicht jeder ist ein Kachelmann. Übrigens ist weder der Reißverschluss seiner Regenjacke kaputt gewesen, noch ist seine Jacke im Regen geschrumpft, nein – Hoyer ist eben ein Meister seines Fachs – er hat mit der Regenjacke zugleich seinen Rucksack bedeckt.

 

DSCF9748

 

Aber nicht für diesen Trick gibt es hier Applaus, sondern für die 150, die 150 Kilometer, die Hoyer zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte. Mangels Arena-Publikum klatschten die Mitwanderer. Und was ich mir vorgenommen hatte auf dem Neanderlandsteig, davon berichte ich nächste Woche …

 



Der schönste Rastplatz der Welt

Geschrieben am um 6:04

Was ist noch mal das Schönste am Wandern? Die Bewegung an der frischen Luft? Das Naturerlebnis? Das Belohnungsbier? Nun, ich denke, von allem ein bisschen, aber das Entscheidende an der Wanderlust ist doch, dass man bei den meisten Wanderungen immer etwas Neues erlebt. Allerdings ist „neu“ auch relativ, Denn nach unzähligen Burgruinen, idyllischen Bachläufen und schnuckeligen Fachwerkhäusern braucht auch der größte Wander-Romantiker mal etwas Abwechslung – voila…

 

DSCF9556
… ein ästethisches Meisterwerk, eine überragende Ingenieur-Meister-Leistung, ein Bauwerk für die Ewigkeit – die Autobahnbrücke über die Lieser, die A1 von Saarbrücken (in 300 Jahren vielleicht auch durchgehend) nach Puttgarden. Und unter diesem gigantischen Monument deutscher Autobahnkunst hindurch wanderte ich am Vatertag auf dem Lieserpfad.

 

DSCF9545

 

Wenn ich „Lieserpfad“ höre, denke ich natürlich wie die meisten Eifelwanderer an den spektakulären Abschnitt dieses Wanderwegs von Daun nach Wittlich über Manderscheid. Dereinst schwärmte ich daher vom Lieserpfad als „schönstem Wanderweg der Welt“. Aber nun gibt es einen durchgehend markierten Lieserpfad von der Quelle in Boxberg bis zur Mündung in Lieser an der Mosel. Auf dem ersten Abschnitt gibt es tolle Wiesenwege mit weiten Blicken in’s Tal, die Lieser ist eher noch ein Lieserchen und es gibt eben jene spektakuläre Autobahnbrückenunterquerung. Die ist so spekatakulär, dass extra ein Rastplatz mit sage und schreibe drei Sinnenbänken eingerichtet wurde.

 

DSCF9554

 

Auf dem Rastplatz hatten sich einige Väter breit gemacht, die manche Stubbi aus dem Kreis Bitburg vernichtet haben. Mir wurde zwar ein Bier angeboten, aber ich bieb hart – kein Bier unter der Brücke, das hatte ich mir dereinst geschworen, denn mit dem ersten Bier unter der Brücke hat schon so mancher menschliche Absturz in die Gosse begonnen. Bei einem anderen Rastplatz am Lieserpfad habe ich mich erst etwas gewundert:

 

DSCF9543

 

Wofür ist dieser Tisch gedacht? Zum Abstellen der Getränke, okay. Aber wie lange Arme braucht man denn bitte schön, um von der Sinnenliege aus die Kaltgetränke auf dem Holztisch zu erreichen? Vielleicht kann man den Tisch ja in Zukunft etwas an die Sitzmöbel heran rücken, damit nicht die Väter am Vatertag von der Liege rollen und für immer am Lieserpfad liegen bleiben müssen.



Wandern ist eine gute Möglichkeit, zu denken

Geschrieben am um 7:53

Vorgestern blätterte ich im Feuilleton der FAZ und blieb an dieser Überschrift hängen:

 

DSCF9641
„Wandern ist eine gute Möglichkeit, zu denken“. Genau, das sage ich doch schon seit Jahrzehnten. Von wegen den Kopf LEER wandern, man wandert ihn VOLL, denn wie die griechischen Philosophen in ihren Wandelhallen philosophierten, so kann man auch beim Wandern durch Wald und Flur auf die tollsten Ideen kommt. Findet auch „Wanderkünstler“ Richard Long, der kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag feierte. „Wanderkünstler“, tolle Berufsbezeichung. Ich dachte immer, „Wanderkünstler“ seien die Leute, die mit der Staffelei unter dem Arm durch die Fußgängerzonen der Republik ziehen und dort wehrlose Kinder proträtieren. Oder sind „Wanderkünstler“ die Künstler, die auch gerne wandern, so wie Markazero??? Nein, es gibt wohl waschechte „Wanderkünstler“ wie eben Richard Long, der, nomen est omen, ganz schön lange Strecken für seine Wanderkunstskulpturen gegangen ist. Zum Beispiel ist er mal 1.000 Meilen in 1.000 Stunden gewandert. Und er ist dabei nicht auf Wanderwegen unterwegs gewesen, sondern auf einem von ihm vorbestimmten Muster. Aber bitte schön Herr Long, 1.000 Meilen in 1.000 Stunden, was ist denn das für eine WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit)? Da fallen einem ja die Füße ab vor Langeweile.

 

DSCF9644

 

Apropos Füße: Noch eine Frage Herr Long: Wenn sie doch so gerne wandernd Kunst machen, wieso tragen Sie dann auf dem Foto in der FAZ ein T-Shirt mit einer Hand drauf? Das hat meines Erachtens weder Hand noch Fuß.

 

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag nachträglich, lieber Wanderkünstler Richard


Wer glaubt, Wandern ist fade und die Vorstufe zur Rollator-Rallye, muss diesen Blog lesen und wird staunen. Ob Kurioses am Wegesrand, schräge Hinweistafeln, Lebensgefahr am Wanderweg, skurile Wandervögel, betreutes Trinken am Steig, gigantische Aussichten oder extreme Herausforderungen im deutschen Mittelgebirge – bei andrackblog.de gibt es alles über das Thema Wandern. Jede Woche neu, (relativ) aktuell. Die besten Wander-Storys der Welt eben.

Suche

Letzte Kommentare


RSS Feed abonnieren



© Copyright 2008 - 2017 Manuel Andrack.